Bundesliga

Datenaffäre beim VfB: Zwei Kündigungen und eine verschwundene E-Mail

Hitzlsperger kündigt Gespräche mit Mutschler an

Datenaffäre beim VfB: Zwei Kündigungen und eine verschwundene E-Mail

Thomas Hitzlsperger.

Thomas Hitzlsperger. Getty Images

2007, als der VfB Stuttgart letztmals Deutscher Meister war, da erhielt Thomas Hitzlsperger, meist halblinks agierend, Flankenschutz vom linken Verteidiger Ludovic Magnin. 14 Jahre später hat sich Hitzlsperger am Freitagnachmittag Flankenschutz von einem IT-Experten, dem Rechtsanwalt Flemming Moos, genommen. Längst kümmert sich Hitzlsperger als Mittelfeldspieler nicht mehr ums Ballverteilen, sondern als Vorstandschef der VfB AG um rund 300 Mitarbeiter dieser. Zweien davon, dem ehemaligen Kommunikationschef und Mitglied der Unternehmensleitung Oliver Schraft und dem ehemaligen Marketingleiter Uwe Fischer, sprach Hitzlsperger am Donnerstag die Kündigung aus.

Ex-Kölner Kaufmann wird Kommunikationschef

Beide waren in die Weitergabe von Mitgliederdaten verwickelt, die im Zusammenhang mit Ausgliederungspropaganda stand. Eine Überraschung sind die Kündigungen nicht mehr. Schrafts Erbe als Kommunikationschef wird ab Montag Tobias Kaufmann antreten, zuvor sieben Jahre lang beim 1. FC Köln in gleicher Rolle. Wesentlich interessanter ist der Hergang der Aufklärung, die seitens VfB e.V. und AG mit zwei Aufträgen an die Berliner Firma Esecon im Oktober ausgelöst wurde. Datenschutzverstöße konnten mit hinreichender Sicherheit festgestellt werden, sagte Moos, Jurist der Großkanzlei Osborne-Clarke, die die rechtliche Bewertung der Erkenntnisse von Esecon für die AG übernahm.

2016 und 2017 fanden drei Weitergaben statt, diese fallen unter das alte, vergleichsweise stumpfe Bundesdatenschutzgesetz. Rechtlich betrachtet sind sie verjährt. Datenweitergabe Nummer 4 erfolgte nach Einführung der wesentlich schärferen DSGVO, ist noch nicht verjährt und fand im Oktober 2018 statt. "Die E-Mail konnte durch Esecon nicht mehr festgestellt werden", wusste Moos zu berichten. Schon im Herbst 2020, als der kicker den Klub mit einem Fragebogen konfrontierte, fuhr man die Strategie, dass dieser Fall nicht erinnerlich sei. Im Oktober mandatierte man Esecon. Die Ermittler suchten, führten Gespräche, sollen zwischenzeitlich ausgebremst worden sein. Was sie aber nicht fanden, ehe zum 31. Januar 2021 ihr Mandat endete, war konkret die E-Mail aus 2018. Basierend auf Teildokumenten, die sich anderweitig aus E-Mails und Beständen der hausinternen IT zusammenfügen ließen, nahmen die Berliner Ermittler laut Moos jedoch dennoch die (frühere) Existenz der verhängnisvollen E-Mail an, jedoch mit wieder anderem Anhang.

Hat es dreiste Vertuschungsversuche gegeben?

Das klingt nicht nur kompliziert, das ist es auch. Schließlich umfasste die damals angehängte Liste sogar rund 100.000 Datensätze, also weit mehr als der VfB Mitglieder hat. Es handelte sich dabei beispielsweise auch um Daten aus einem eigens betriebenen Diskussionsforum. Erst am 4. Februar half der Landesdatenschutzbeauftragte Dr. Stefan Brink, der parallel ein Verfahren gegen die VfB AG führt. Brink habe dem VfB eine Kopie der E-Mail zukommen lassen mit einem Auszug der angehängten Datei und geschwärztem Empfänger. Wie könne man dann aber sicher sein, dass die Mail überhaupt nach draußen, also an Dritte, ging? "Durch weitere Befragungen", erläuterte Rechtsanwalt Moos. Zusammengefasst heißt das, dass es ganz augenscheinlich dreiste Vertuschungsversuche gegeben haben dürfte. Wer da was wie gelöscht habe, das könne man nicht genau sagen, so Moos.

Personeller Aderlass ist noch nicht vorbei

Für Hitzlsperger ist der rechtlich begründete personelle Aderlass in der AG noch nicht final vorbei, der 38-Jährige kündigte auch fortgehende Gespräche mit Rainer Mutschler an. Der AG-Mitarbeiter war kürzlich genau wie Dr. Bernd Gaiser aus dem e.V.-Präsidium zurückgetreten. Arbeitsrechtlich hat sich Mutschler, der ein Angebot der Agentur, bei der die Daten seinerzeit landeten, abzeichnete, keine Verfehlung erlaubt. Für manchen Fan aber ist er ein rotes Tuch, auch weil er sich im Präsidium entgegen anderslautender Ankündigung bei mindestens einer Abstimmung betreffend die Esecon-Thematik nicht enthielt. "Wir haben viel mit Mutsch darüber geredet, ich bleibe mit ihm im Austausch", erläuterte Hitzlsperger. Das klingt danach, dass hier noch nicht das letzte Wort gesprochen ist.

Warum wurden Heim und Röttgermann abberufen?

Den Anfang bei den personellen Konsequenzen der Datenaffäre hatte der AG-Aufsichtsrat vor knapp zwei Wochen gemacht, als die Vorstände Stefan Heim und Jochen Röttgermann abberufen wurden. "So etwas lässt niemanden kalt", sagt Hitzlsperger mit Blick auf seine Kollegen. Doch weder Heim noch Röttgermann waren nach kicker-Recherchen in die damaligen Datenweitergaben aktiv involviert. Warum also deren Abberufung? Dies zu beantworten, obliege dem Aufsichtsrat, sagte Hitzlsperger und kündigte an, dass sich das Gremium bald äußern werde. Zumal der Fußball-Bundesligist mit Blick auf das Verfahren des Landesdatenschutzbeauftragten ohnehin bald weitere Neuigkeiten erwartet.

Unklar ist aktuell, in welcher Form der Esecon-Bericht den Mitgliedern zur Verfügung gestellt wird. "Wir müssen Transparenz liefern", weiß auch Hitzlsperger, gibt aber datenschutz- und persönlichkeitsrechtliche Abwägungen zu bedenken. Der frühere Nationalspieler plädiert für die Möglichkeit der Einsichtnahme auf der Geschäftsstelle mit Schwärzungen, wo es die Rechtslage nötig mache.

Benni Hofmann