Bundesliga

Daten-Reichtum: Der Fußball ist so gläsern wie nie

Augsburg und Hertha versprechen sich Mehrwert von StatsBomb

Daten-Reichtum: Der Fußball ist so gläsern wie nie

Zweikampf zwischen Herthas Jhon Cordoba und Augsburgs Jeffrey Gouweleeuw (re.).

Zweikampf zwischen Herthas Jhon Cordoba und Augsburgs Jeffrey Gouweleeuw (re.). imago images

Hertha BSC schaute sich die diversen Anbieter auf dem Markt sehr genau an und wählte dann StatsBomb aus. 2019/20 lief die Zusammenarbeit auf Testbasis, in der abgelaufenen Saison griff eine vertragliche Vereinbarung. Dominik Wohlert, Leiter Spiel- und Datenanalyse, bilanziert: "Wir haben einen Dienstleister gesucht, bei dem wir eine große Rohdaten-Menge abnehmen können, eine gute Daten-Qualität bekommen und der uns neue Ansatzpunkte für die Daten-Analyse liefert. Wir sind sehr zufrieden."

Die Zeiten, in denen nur herkömmliche Daten wie Laufleistung, Ballaktionen, Zweikampf- oder Passquote erhoben und interpretiert wurden, sind lange vorbei. Der Fußball ist so gläsern wie nie - und die gewonnenen Daten werden immer vielschichtiger: Wie viele Pässe des Gegners lässt eine Mannschaft zu, bis sie eine Pressing-Situation auslöst? In welchen Zonen presst sie? Wie hoch ist die Anzahl an High Press Shots - an Schüssen, die nach Offensiv-Pressing abgegeben werden? Wie ist die durchschnittliche Länge der Abschläge des Keepers? In welcher Zone landen die Eckbälle? Und stimmen die statistischen Werte mit der beim Spieler-Scouting vor Ort gewonnenen Erkenntnis überein, dass etwa ein Innenverteidiger über ein gutes vertikales Pass-Spiel verfügt?

Augsburgs Chefscout und Kaderplaner Pauls: "Wichtiges Tool in der Zuarbeit und bei der Bewertung von Eindrücken"

Mit Hertha und dem FC Augsburg arbeiten zwei Bundesligaklubs mit StatsBomb zusammen. Beide nutzen die Daten auch für die Gegner- und Spielanalyse, wobei die DFL in diesem Bereich den Vereinen viel Material zur Verfügung stellt. Etwa 3,6 Millionen Positionsdatenpunkte und 1600 Spielereignisse (Tore, Pässe, Fouls etc.) werden pro Begegnung der Bundesliga und 2. Liga von der DFL-Tochterfirma Sportec Solutions erhoben. Wichtiger als auf diesem Terrain ist der Mehrwert, den StatsBomb aus den anderen Ligen und somit für den Scouting-Bereich liefert. Timon Pauls, Chefscout und Kaderplaner des FCA, sieht zwei Ansätze, wie Daten bei der Suche nach neuen Spielern helfen können. "Zum einen", sagt Pauls, "haben sie eine Filterfunktion, um Informationen vorab zu selektieren und gewisse Spieler ausfindig zu machen." So kann man gezielt Profis mit bestimmtem Profil aufspüren, bevor man einen Scout auf Reisen schickt. Der zweite Aspekt: "Nach einer Sichtung geht es darum, das Gesehene mit Zahlen zu bestätigen oder zu widerlegen."

Von StatsBomb aufbereitete Spieldaten für den FC Augsburg und Hertha BSC

Von StatsBomb aufbereitete Spieldaten für den FC Augsburg und Hertha BSC. StatsBomb

Pauls sieht die von StatsBomb erhobenen Daten generell als "ein wichtiges Tool in der Zuarbeit und bei der Bewertung von Eindrücken. Das hilft, wenn potenziell interessante Spieler intern zur Diskussion stehen". Zudem lobt der 29-Jährige die einfache Nutzbarkeit der StatsBomb-Daten: "Die Verarbeitung ist stringent, die grafische Darstellung sehr klar, das sorgt für hohe Verständlichkeit."

StatsBomb deckt weltweit mehr als 80 Ligen ab und erfasst pro Partie über 3400 Ereignisse, darunter viele Daten zum Pressingverhalten und zu Abwehraktionen abseits des Balles. Ein nützliches Hilfsmittel zu Beginn eines Scoutingprozesses ist die "Similar Player Search", die Suche nach Doppelgängern. Hierbei kann nach Spielern gesucht werden, deren statistische Profile einem bekannten Spieler ähneln, der einem Klub zum Beispiel gerade abgeworben wurde oder für diesen nicht bezahlbar ist.

Pauls: "Da müssen viel mehr Dinge stimmen als nur Pass- und Zweikampfquoten"

Weil durch Corona Stadionbesuche zuletzt nicht oder nur sehr reduziert möglich waren, wurde das Scouting mittels Daten und Videos noch wichtiger. Den Eindruck eines Scouts vor Ort können die statistischen Werte aber nicht ersetzen, findet Wohlert: "Daten sind ein zusätzlicher Impuls, um bessere Transfer-Entscheidungen zu treffen. Aber Erfahrung und Bauchgefühl werden nicht weniger wichtig." Auch Pauls sagt: "Der persönliche Eindruck und das Gefühl für die Spielweise in einer bestimmten Liga oder Mannschaft sind nicht durch Daten zu ersetzen." Daten seien "wichtig, aber man darf sie nicht überhöhen", lautet das Fazit des Augsburger Chefscouts: "Fußball hat zum Glück mit Menschen zu tun, die sich wohlfühlen müssen, um ihre Leistung zu bringen. Da müssen viel mehr Dinge stimmen als nur Pass- und Zweikampfquoten."

David Bernreuther, Steffen Rohr