Tennis

French Open: Warum Tennis derzeit vor allem Kopfsache ist

Welchen Einfluss haben die Zuschauer bei den French Open?

Das Kreuz mit den fünf Sätzen: Warum Tennis derzeit vor allem Kopfsache ist

Denis Shapovalov, Naomi Osaka, Alexander Zverev

Reine Nervensache: Profis wie Denis Shapovalov, Naomi Osaka und Alexander Zverev (v. l.) sind während der Matches in diesen Monaten mehr denn je auf sich allein gestellt. Getty Images

Plötzlich fing sie wieder an mit dem Trippeln, dem sanften Springen. Lange Zeit im Finale der US Open hatte Naomi Osaka keinerlei Bewegung zwischen den Ballwechseln gezeigt. Ernüchtert schaute sie zu Boden, wenn sie mal wieder einen Vorhand-Topspin unbedrängt ins Aus geschlagen hatte.

Auf der anderen Seite des Netzes schien Victoria Azarenka bald vor Selbstvertrauen zu bersten. Ihr erster Aufschlag gelang fast immer, Fehler störten ihr Spiel äußerst selten.

Irgendwann - von außen ist der Zeitpunkt nie ganz genau zu definieren - kippte die Partie. Erst langsam, dann immer schneller, wie ein Baum, der von einer Seite angesägt wird.

Osaka begann wieder mit eben jenem Trippeln, dem Springen, schlug sich mit der linken Faust immer wieder motivierend auf ihren bandagierten Oberschenkel. Ihre neun Jahre ältere Kontrahentin aus Belarus geriet sichtlich ins Nachdenken. Plötzlich war deren Lauf jäh gestoppt. 6:1 und 2:0 hatte Azarenka geführt, ehe sie zu wackeln anfing. 6:1, 3:6, 3:6 hieß es am Ende des Endspiels - die bessere Spielerin hatte doch noch gewonnen: Naomi Osaka.

Und die Frage aufgeworfen: Wie hätte ein solches Match mit Zuschauern geendet? Hätte sich Azarenka mit Hilfe des Publikums befreien können?

Zverev kennt beide Seiten des Phänomens

Ähnliche Spielverläufe hatten die US Open nämlich mehrfach zu bieten: Im Halbfinale deklassierte Serena Williams ihre spätere Bezwingerin Azarenka lange, ehe sich das Blatt wendete. Williams selbst schaffte zuvor zweimal ebenfalls die Wende nach einem verkorksten Start: Im Viertelfinale sah sie sich einem Satzrückstand gegen die Bulgarin Tsvetana Pironkova ausgesetzt, in der 3. Runde war sie eine knappe Stunde lang von Landsfrau Sloane Stephens vorgeführt worden. Jedes Mal gab es diesen einen Moment, von dem an das Spiel in die andere Richtung lief.

Serena Williams

Zweimal kämpfte sich Serena Williams in New York nach Satzrückstand zurück - um dann nach Satzvorsprung auszuscheiden. Getty Images

Auch in der Herren-Konkurrenz war zu merken, dass ein Match, sobald die Kontrolle einmal verloren war, nicht mehr so leicht einzufangen ist. Pablo Carreno Busta ging es im Halbfinale so, als er dem lange enttäuschenden Alexander Zverev nach zwei sonnenklaren Sätzen (6:3 und 6:2) die Tür einen Spalt weit öffnete - und sie anschließend nicht mehr zu bekam. Zverev selbst machte diese Erfahrung im Endspiel. Seine 2:0-Satzführung gegen Dominic Thiem reichte bekanntlich nicht, obwohl er im Entscheidungssatz die Oberhand zurückzugewinnen schien.

Reicht diese Häufung an ähnlichen Spielverläufen, um schon einen Trend auszumachen? "Für eine generelle Interpretation ist das noch zu wenig", sagt Daniel Memmert, geschäftsführender Institutsleiter für Trainingswissenschaft und Sportinformatik an der deutschen Sporthochschule Köln, im Gespräch mit dem kicker.

Die vier Typen der Tennisprofis

Memmert erinnert an das Qualifikationsspiel zu den French Open Anfang der Woche, als die Österreicherin Barbara Haas gegen die Ukrainerin Daria Snigur bei 6:0, 5:0 und 40:30 zum Matchgewinn servierte. Haas unterlief ein Doppelfehler, gab das Aufschlagspiel noch ab, ebenso alle folgenden Spiele des Satzes. Schließlich endete die Partie mit 6:0, 5:7, 7:5 - für Haas. "Das ist nur menschlich, so etwas kann passieren", meint Memmert zu dem kuriosen Spielverlauf.

Stundenlang alle positiven und negativen Höhepunkte eines Matches mit sich selbst auszumachen - das liegt nicht jedem im Blut. Der Sportwissenschaftler ordnet Tennisprofis in vier Spielertypen ein:

Trainingsweltmeister spielen demnach ohne Zuschauer und zusätzlichen Druck gar befreiter auf, dazu zählten allerdings nur wenige Profis.

Die sogenannten externen Pusher hingegen liebten es, angefeuert zu werden und über sich hinauszuwachsen. Eben solchen Showkönigen wie Nick Kyrgios (der in Paris wie in New York ohnehin fehlt) oder Gael Monfils geht die Interaktion mit dem Publikum daher mehr ab als introvertierten Akteuren. Sie fallen wie einige wenige andere in jene zweite Kategorie.

Was Kimmich und Djokovic verbindet

"Ich vermisse die Fans", hatte Serena Williams im Laufe der US Open gesagt. Der Druck sei ohne Publikum "definitiv weniger. Es ist auch anders, weil die Pausen mit den Fans ein bisschen länger sind, weil sie ein bisschen länger klatschen." Die 39-Jährige, die den körperlichen Zenit ihrer Profi-Laufbahn überschritten hat, hätte das gebrauchen können, wie sie offen verriet.

Bei den nun anstehenden French Open werden nun 1000 Zuschauer erlaubt sein - und damit spürbar mehr als noch in New York. Wieder eine neue Situation also.

Der dritte Spielertyp, den Memmert aufzählt, werde vor allem zu Beginn eines Turniers einen Vorteil haben: Anpassungskünstler, zu denen Memmert etwa Roger Federer zählt, kämen auch mit ungewohnten Situationen wie einem menschenleeren Stadion schnell zurecht - und fänden direkt in den Wettkampfmodus.

Am häufigsten im Feld der Profis zu finden seien die sogenannten internen Pusher. "Sie geben in jedem Trainingsspiel alles, wollen immer gewinnen - egal, vor wie vielen Zuschauern", erklärt Memmert.

Thiem, Novak Djokovic, Rafael Nadal, Williams - all diese Weltklasse-Akteure fallen in die vierte Kategorie. Im Fußball sei Joshua Kimmich ein gutes Beispiel, so Memmert.

"Das ist alles weg, wenn es keine Fans im Stadion gibt"

Die Krux der Männer mit den Fünf-Satz-Matches bleibt dennoch bestehen: Über einen derart langen Zeitraum wartet immer mindestens ein Moment im Spiel, an dem sich mental ein kleines oder großes Loch eröffnet. An diesem Punkt müssen es die Profis während der Pandemie mit sich selbst ausmachen, um den Weg zum Sieg schnurstracks zu Ende zu gehen. Tennis wird dann in erster Linie zur Kopfsache.

Dominic Thiem

Ende einer Nervenschlacht: Dominic Thiem nach seinem Finalsieg bei den US Open. Getty Images

"Es gibt in jedem Match ein paar Situationen", sagte Dominic Thiem während der US Open, "in denen es schön wäre, die Fans zu haben, um die Energie oben zu halten, um tolle Punkte zu feiern oder damit es sich nicht so schlecht anfühlt, wenn man eine schlechtere Phase hat. Das ist alles weg, wenn es keine Fans im Stadion gibt."

Die Energie oben halten, tolle Punkte feiern: Carreno Busta, Zverev, Williams, Azarenka - ihnen allen ist das in ihrem jeweils letzten US-Open-Spiel nicht gelungen, als der erste Aufschlag nicht mehr verlässlich kam und Stopp-Bälle plötzlich zu lang gerieten. Höchst menschlich, wie ja auch Memmert bestätigt.

Spannend zu sehen wird sein, wie die Dynamik eines Tennisspiels sich nun abermals verändert: Welchen Einfluss werden die wenigen Zuschauer in Paris nehmen können? Und wer nutzt sie am besten für sich? Naomi Osaka wird es nicht sein. Die Weltranglisten-Dritte hat ihren Start im Stade Roland Garros abgesagt.

Paul Bartmuß

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