Nationalelf

Das Ja zu Löw: Ein Ja auf Bewährung

Ein Kommentar von kicker-Chefreporter Karlheinz Wild

Das Ja zu Löw: Ein Ja auf Bewährung

Geht 2021 in sein 16. Jahr als Bundestrainer: Joachim Löw.

Geht 2021 in sein 16. Jahr als Bundestrainer: Joachim Löw. imago images

Jede andere Entscheidung, als weiter auf Löw zu setzen, hätte zu diesem Zeitpunkt letztlich ohnehin überrascht und sich aktionistisch ausgenommen. Denn eine Niederlage, mag sie mit 0:6 gegen Spanien noch so extrem deftig ausgefallen sein, kann nicht alles radikal verändern, wenn es ein überzeugtes Ja zu einem grundsätzlichen Konzept gibt. Und eben dieser "Weg der Erneuerung der Nationalmannschaft", so heißt es im DFB-Kommuniqué, solle ohne jede Einschränkung beibehalten werden.

Diese Verjüngung leitete der Bundestrainer Löw nach der komplett missglückten WM 2018 - Aus für den Titelverteidiger nach den drei Gruppenspielen - erst halbherzig ein, dann vom März 2019 an resolut, indem er die Weltmeister Jerome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller aussortierte. Die Bilanz seither weist in 18 Partien 10 Siege, 6 Unentschieden sowie 2 Niederlagen auf bei 47:26 Toren. Die Qualifikation für die EM 2021 wurde mit Gruppenplatz 1 und nur einer Nullnummer gegen die Niederlande (2:4) beendet. Die reinen Zahlen lassen sich also sehr wohl sehen.

Es braucht Tore gegen diese negative Grundstimmung

Aber da ist eben noch diese Grundstimmung, diese sehr negative, die die deutsche Nationalmannschaft und ihren Chefcoach umwölkt. Die Fehler der ferneren und jüngeren Vergangenheit (abgehobenes Gehabe oder Anfang September der sinnfreie Flug von Stuttgart nach Basel sowie die glattgebügelte Erklärung des DFB-Direktors Oliver Bierhoff hinterher) haben da eine fatale Nachhaltigkeit entwickelt. Gegen dieses allgemeine Empfinden müssen die deutschen Nationalspieler noch viele Tore und Siege erzielen, um die Gunst der breiten Fanbasis zurückzugewinnen.

Ihr Chef, Löw, muss da mit bestem Beispiel vorangehen und seine über Jahre kultivierte Distanz aufgeben. Verlangt ist ein Bundestrainer, der am Tagesgeschäft des Fußballs teilnimmt, der präsent ist. Denn mögen die präsidialen Worte noch so warmherzig und gegen den weit verbreiteten Anti-Löw-Trend formuliert sein, klar ist, dass Löw und seine engsten Partner auf Bewährung arbeiten.

Verbandsobere werden genauer hinsehen müssen

Die wechselnden Verbandsoberen, die dieser Trainercrew über Jahre die lange Leine gestatteten und kaum Kontrolle ausübten, werden fortan genauer hinsehen müssen. Da ist auch Bierhoff gefordert, der öffentliche Unmut richtet sich sowieso gegen ihn, weil er in erster Linie dieses Motto Mannschaft mit Marketing personifiziert.

Löw, Bierhoff und ihre Auserwählten müssen bei der Europameisterschaft im kommenden Jahr liefern. Das selbst von den Beteiligten wie dem Präsidenten Fritz Keller oder eben dem Bundestrainer proklamierte Ziel, das Halbfinale, muss erreicht werden. Ein zweiter Ausrutscher wie 2018 wird diesem DFB-Chefcoach nicht mehr verziehen werden.

Auch die Spieler stehen in der Pflicht

Gefragt ist aber auch jeder einzelne Spieler. "Das intakte Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer", das die DFB-Verlautbarung benennt, braucht ihre faktische Bestätigung auf dem Fußballplatz. Löw hat die große Generation der Weltmeister 2014 größtenteils ersetzt; die verbliebenen Manuel Neuer und Toni Kroos müssen die umformierte Gruppe führen und die Vertreter der neuen Garde wie Joshua Kimmich oder Leon Goretzka das Vertrauen, das ihnen ihr Trainer permanent zu Füßen, rechtfertigen.

Sonst wird die Debatte über ein mögliches Comeback der verdienten Routiniers Boateng, Hummels und Müller nicht enden. Die Möglichkeit zu deren Rückkehr hat Löw bislang nicht ausgeschlossen, sondern erst im kicker (Printausgabe vom 9. November) erklärt, dass er "alternative Szenarien" überdenken werde, falls sich "eine völlig neue Situation" ergäbe. Ob dieser Fall nach der 0:6-Klatsche gegen Spanien für ihn schon eingetreten ist?

Positive Ergebnisse werden gebraucht

Löw und seine Helfer haben nun ein Vierteljahr Zeit, um darüber nachzudenken. Unverhandelbar ist, dass die Nationalmannschaft und ihr Bundestrainer positive Ergebnisse präsentieren müssen, schnellstens, also schon vor und noch mehr bei der EM. Sonst ist die 2006 gestartete Ära des 2014 weltmeisterlichen Fußballlehrers Joachim Löw nach dem kontinentalen Endturnier 2021 vorbei.

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