England

Ron-Thorben Hoffmann: Die kicker-Kolumne aus Sunderland

Die kicker-Kolumne von Sunderlands Keeper Ron-Thorben Hoffmann

"Das ist zwar nicht die Serie 'Sunderland till I die' - aber genau deshalb wurde sie gedreht"

Von Deutschlands Süden in Englands Nordosten: Ron-Thorben Hoffmann.

Von Deutschlands Süden in Englands Nordosten: Ron-Thorben Hoffmann. imago images (2)

Fußball ist ja eigentlich ein schneller, dynamischer Sport, darum liebe ich ihn, seit ich denken kann. Das Fußballgeschäft kann aber manchmal auch genau das Gegenteil sein, nämlich zäh und quälend langsam. Besonders augenscheinlich, aber auch paradox wird das, wenn der Deadline Day, also das Ende der Transferfrist, immer näher rückt und Hektik sich mit Langsamkeit zur nervtötenden Hängepartie verbindet. Und so war denn auch der im Rückblick erste Tag meines "englischen Abenteuers" einer der hektischsten und gleichzeitig längsten meines Lebens.

Der 31. August 2021 im Schnelldurchlauf (für mich selbst war jede Minute eine gefühlte Ewigkeit!):

Ich sitze seit zwei Tagen gedanklich und buchstäblich auf gepackten Koffern. Ich liebe die Bayern, aber ich will spielen, und das regelmäßig und auf hohem Niveau. Das geht leider in der Konstellation beim FCB nicht wirklich. Also eruiert mein Berater den Markt, führt jede Menge Gespräche und wir legen uns einen Transferschlachtplan zurecht. Die Wirklichkeit aber ist nur bedingt strategisch planbar, dafür sind einfach zu viele Player und Interessen beteiligt.

Sunderland vorne mit dabei: Die aktuelle Tabelle der League One

Hoffnung und neue Möglichkeiten wechseln sich mit geplatzten Deals ab. Doch eine Sache wird immer konkreter. Auf der Insel. In Sunderland. Beim Traditionsklub AFC. Darauf habe ich richtig Bock. Fünfmal englischer Meister, Zuschauerschnitt von 33.000, große Ambitionen, von der dritten Liga in die Premier League durchzumarschieren. Und: Eine Rivalität mit Newcastle, die aus der Paarung 1860  gegen den FCB einen Streichelzoo macht.

Um 4 Uhr früh klingelt der Wecker

Es sieht gut aus, auch wenn noch einige Details zu klären sind. Die müssen aber eben auch geklärt sein. Und dann die Frage: Wann fliegen wir denn rüber, um rechtzeitig vor der Deadline den Medizin-Check zu machen und den Vertrag zu unterschreiben, wenn am Tag nur zwei Maschinen zum nächsten Flughafen in Newcastle gehen?

Dann scheint doch alles klar: Maschine gebucht, Aufstehen 4 Uhr, Abflug von Frankfurt um 6 Uhr. Alles klappt - mehr oder weniger. Ich lande zwar in Newcastle, mein Gepäck ist aber irgendwie nicht mitgekommen. Und gefühlt dauern die Post-Brexit-Einreiseformalien eine halbe Transferperiode. Und erst die ganzen Corona-Tests … aber klar, muss sein. Nur der Deal steht noch immer nicht ganz. Hoffentlich war der Trip nicht doch umsonst.

Remoten, was das Zeug hält

Nicht dran denken. Weitermachen. Den Check durchlaufe ich ohne Probleme. Dann geht es ins Stadion für ein erstes Interview und Foto-Shooting. Nur der Vertrag ist immer noch nicht unterschrieben. Wir sitzen mit meinem Berater in einem Raum, virtuell vernetzen wir uns immer wieder mit Anwälten und Managern. Haben wir ja Übung drin, im Remoten, wegen Corona. Und dann, um 23.12 Uhr: Halleluja, es ist vollbracht und ich unterschreibe meinen Vertrag beim AFC Sunderland!

Und danach geht es im Schnelldurchlauf weiter. Abendessen mit dem Trainer, die Mannschaft kennenlernen und erste, unheimlich intensive Trainings. Nach zwei Tagen kommt meine Familie. Und bevor ich noch meinen Lappen abgeben muss, verspricht mir mein Vater, mein Auto aus Deutschland mitzubringen. Damit wird der Linksverkehr dann fast zum Klacks.

Das ist Bier, nicht Schampus, das ist englischer Fußball und nicht Champions League.

Ron-Thorben Hoffmann

Und dann, wie gemalt: Einen Tag vorm Geburtstag meiner Mutter steht das Spitzenspiel gegen Accrington im eigenen Stadion an. Erster gegen Zweiter. Das ganze Stadion singt und bebt. Ich stehe in der Startelf und verstehe eigentlich erst jetzt, warum das hier der echte Fußball ist, jedes Klischee stimmt. Das hier ist zwar nicht die Netflix-Serie "Sunderland till I die", aber genau deshalb wurde sie gedreht. Das ist Bier, nicht Schampus, das ist englischer Fußball und nicht Champions League, das sind so viele und so echte Emotionen, und ich weiß genau in diesem Moment: Ich hab's richtig gemacht, will genau jetzt und hier sein und spielen, in dieser Mannschaft, diesem Stadion, mit und für diese Menschen! Und, ach ja, das Spiel gewinnen wir mit 2:1 und bleiben Erster!

Wasserball gegen Portsmouth

Dass aber dem Klischee nach auf "meiner" neuen Insel nicht immer die Sonne scheint, ja Regen durchaus ein Normalzustand ist, zeigte sich dann etwas später. Unser Spiel gegen Portsmouth war buchstäblich das reinste Wasserball, wäre in der Bundesliga wahrscheinlich gar nicht angepfiffen worden und ging verloren. Aber auch das stimmt: Nach einer Niederlage, sei sie auch noch so komisch zustande gekommen, heißt es: Mund abputzen und weiter geht es. Die beiden folgenden Spiele konnten wir wieder gewinnen.

Beim nächsten Mal erzähle ich euch dann, was es mit dem fabelhaften Mr. Henderson auf sich hat - und wie zwei Bayern im Nordosten Englands zusammenhalten.

Ron-Thorben Hoffmann (22) erlernte das Torwartspiel in seiner Heimat bei Hansa Rostock, ehe er über Hertha BSC und RB Leipzig zu Bayern München wechselte und für die zweite Mannschaft 36 Dritt- und 13 Regionalligaspiele bestritt. Im Sommer wechselte der ehemalige U-18-Nationalspieler auf Leihbasis inklusive Kaufoption zum englischen Drittligisten AFC Sunderland. Seine Erlebnisse auf der Insel teilt er von nun an regelmäßig in seiner Kolumne. 

Die Vertragslaufzeiten der Bayern-Profis