Tennis

Die Märchen von Emma Raducanu und Leylah Fernandez

Finale der US Open zwischen der Nummer 73 und 150 der Welt

"Das ist magisch": Die Märchen zweier Teenager

Wenn Träume wahr werden: Emma Raducanu (links) und Leylah Fernandez stehen im Finale der US Open. 

Wenn Träume wahr werden: Emma Raducanu (links) und Leylah Fernandez stehen im Finale der US Open. 

Im Damen-Tennis ist vieles möglich, das ist seit Jahren und der nicht mehr andauernden Dominanz von Serena Williams bekannt. Wer sein Geld auf ein US-Open-Finale zwischen Leylah Fernandez (19 Jahre) und Emma Raducanu (18 Jahre) gesetzt hat, der ist jetzt sehr reich. Beide Teenager kamen mehr oder weniger aus dem Nichts, überraschten völlig, rissen die Massen mit - und stehen nun völlig verdient im Finale von Flushing Meadows. 

"Ich hatte nur Spaß, habe versucht, den Leuten etwas zu zeigen, woran sie Spaß haben. Ich bin glücklich, dass die Fans alles, was ich auf dem Feld mache, lieben. Und ich liebe es auch. Das ist magisch", sagte Fernandez nach ihrem Halbfinal-Sieg gegen keine Geringere als Aryna Sabalenka, die Nummer zwei der Welt. Der Name Fernandez war vor dem Turnier sicher wenigen ein Begriff. Nach dem Turnier wird sie die Tenniswelt so schnell nicht vergessen. Nach ihrem Coup gegen Naomi Osaka stand die Kanadierin, die in Montreal geboren wurde und mittlerweile in Florida lebt, erstmals richtig im Fokus. 

Fernandez wird zum Liebling der Massen

Oft ist es so, dass nach einem so großen Erfolg das nächste Match nicht mehr so läuft. Nicht so bei Fernandez. Und so lernte auch die Deutsche Angelique Kerber diesen so erfrischend aufspielenden Teenager kennen. Die Erinnerungen der Kielerin sind keine guten, denn im Achtelfinale war Schluss. Fernandez zog munter weiter, begeisterte das Publikum mit ihrer unbekümmerten, ehrlichen Art. Nach tollen Punkten reißt sie den Arm nach oben, strahlt über das gesamte Gesicht. Einfach eine erfrischende Freude. Kein Wunder also, dass sich die erst 19-Jährige schnell zum Liebling der Massen aufschwang. 

Ich bin glücklich, dass die Fans alles, was ich auf dem Feld mache, lieben. Und ich liebe es auch. Das ist magisch.

Leylah Fernandez

"Ich hatte den Glauben in mein Spiel"

Der Weg für Fernandez, die Puzzles liebt und sich ihre freie Zeit gerne mit dem Zauberwürfel vertreibt, ging nun bis ins Finale der US Open. "Ich bin extrem stolz, wie ich um jeden Punkt gekämpft habe. Ich bin auch stolz auf meine mentale Kraft, das war ein großes Plus für mich. Ich bin sehr glücklich, dass ich so weit gekommen bin. Auch außerhalb des Platzes genieße ich jede Minute", strahlte Fernandez nach dem Erfolg im Halbfinale und fügte an: "Ich hatte den Glauben in mein Spiel. Ich kann gegen diese Top-Spielerinnen mithalten - und sogar gewinnen. Ich bin unglaublich stolz für diese Erfahrung und darüber, wo mein Tennis-Level aktuell ist."

Die erste Qualifikantin im Finale

Während es für Fernandez das siebte Grand-Slam-Turnier ist, vorher war sie allerdings maximal in die Runde der letzten 32 gekommen, ist es für die anderen Finalistin erst der zweite Auftritt (nach Wimbledon in diesem Jahr) auf der ganz großen Bühne. Raducanu, erst 18 Jahre alt, spielt ihr erstes Major - und schaffte es als erste Qualifikantin bis ins Endspiel. Eine unfassbare Leistung, das Endspiel wird in New York damit bereits ihr zehntes Match sein. 

Raducanu erst ein paar Monate auf der Tour

In Toronto aufgewachsen zog es Raducanu mit zwei Jahren nach Bromley im Süden Londons. Im Alter von fünf startete die mit dem Tennis. Aber nicht nur Tennis interessiert die 18-Jährige sehr, auch andere Sportarten haben es in ihr Herz geschafft. So spielt sie beispielsweise gerne Basketball, geht gerne Skifahren, steigt auch mal in ein Go-Kart oder tanzt gerne. Aber nun zählt erst einmal nur die gelbe Filzkugel, denn am Samstag steht das wichtigste Spiel ihrer noch jungen Karriere auf dem Programm. "Ich habe immer davon geträumt, in Grand-Slam-Turnieren zu spielen, aber ich wusste nie, wann sie kommen. Dass es so früh in meiner Karriere der Fall sein wird, ich bin ja erst seit ein, zwei Monaten auf der Tour, das ist schon verrückt für mich", musste auch Raducanu ihre Gedanken erst einmal in Ruhe sortieren. 

In der Lage zu sein die besten Spielerinnen der Welt zu schlagen, das kann ich ehrlich gesagt gar nicht glauben.

Emma Raducanu

Für beide Spielerinnen ist es wie in Märchen, für die Britin vielleicht sogar noch ein bisschen mehr. Nahezu locker gewann sie ihr erstes Grand-Slam-Halbfinale gegen Maria Sakkari, immerhin die Nummer 18 der Welt. Raducanu steht im Übrigen auf 150. "Ich wusste schon, dass ich ein gewisses Level in mir habe, das ähnlich zu diesen Spielerinnen ist. Aber ich wusste nicht, dass ich über ein oder zwei Sätze mit ihnen mithalten kann. In der Lage zu sein, die besten Spielerinnen der Welt zu schlagen, das kann ich ehrlich gesagt gar nicht glauben", gab Raducanu offen zu. 

Wer holt sich den Titel?

Egal, wer sich am Samstag den Titel holt, sie wird es mit Sicherheit zunächst nicht glauben können und ein paar Tage brauchen, um diese zwei Wochen, oder im Fall von Raducanu mit der Qualifikation sogar mehr, sacken zu lassen. In jedem Fall erleben wir eine neue Grand-Slam-Siegerin. Es spielt die Nummer 73 der Welt gegen die 150 im Finale, ein eigentlich nicht für möglich gehaltenes Szenario. Aber nach zwei Wochen darf mit voller Überzeugung gesagt werden: Es stehen die zwei besten Spielerinnen der US Open im Finale. Und egal, wer sie gewinnen wird, die Zuschauer werden es Fernandez und Raducanu gleichermaßen gönnen. 

Mirko Strässer