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Das erste Länderspiel der DDR-Auswahl: 0:3 als Meilenstein

1952 feierte die Nationalelf ihr Debüt

Das erste Länderspiel der DDR-Auswahl: Ein 0:3 als Meilenstein

Debütspiel der DDR (dunkle Trikots) in Warschau gegen Polen.

Debütspiel der DDR (dunkle Trikots) in Warschau gegen Polen. picture alliance / PAP

Viele fehlen. Heinz Satrapa, Helmut Nordhaus, Fritz Ritter, Herbert Rappsilber und noch ein paar andere namhafte Akteure sind nicht eingeladen, weil ihnen vorgeblich die patriotische Einstellung abgeht oder der passende Lebenswandel, und Rappsilber, 1952 mit Turbine Halle DDR-Meister und 1955 auf Vermittlung des früheren deutschen Nationalspielers Willibald Kreß in die Bundesrepublik gegangen, bringt es Jahre später auf den Punkt: "Es wurde zu viel nach der Politik gesehen und zu wenig der Fußball im Auge behalten."

Die Politik hat den Sport oft in der Mangel, manchmal weniger, meistens mehr, und damals - sieben Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und drei Jahre nach der Gründung der DDR - hat sie ihn im Schwitzkasten. Es sind bewegte Zeiten. Helmut Schön, der große Dresdner, der 1949/50 die von der FIFA noch nicht anerkannte DDR-Auswahl trainiert und sehr viel später, 1974, mit der bundesrepublikanischen Nationalmannschaft bei der Heim-WM zu höchsten Weihen kommt, geht in den Westen. Sein Nachfolger Fred Schulz, der später Werder Bremen trainiert, tut es ihm gleich.

Und Alfred Kunze, der die DDR-Auswahl 1951 in zwei inoffiziellen Länderspielen gegen Polen betreut (0:3/1:4) und der 1963/64 mit dem Meistertitel für Chemie Leipzig für eine der größten Überraschungen des DDR-Fußballs sorgt, tritt zurück. Im Oktober 1951 erhält die Sektion Fußball der DDR - die ab 1958 als Deutscher Fußballverband der DDR firmiert - die provisorische Mitgliedschaft im Weltfußballverband, am 24. Juli 1952 wird sie vollwertiges FIFA-Mitglied: trotz der Versuche der DFB-Spitze um Präsident Peco Bauwens, dies zu verhindern.

DDR-Kapitän Scherbaum: "Allen war klar, dass die Polen noch längst nicht vergessen hatten"

Willi Oelgardt führt die DDR-Auswahl als Trainer in ihr erstes offizielles Länderspiel. Die Vorbereitung ist kurz, der ausgedünnte Kader nicht vollends konkurrenzfähig. Am 19. September 1952 treffen sich die Spieler in der Sportschule Berlin-Grünau, nach einem Training geht es im Schlafwagen nach Warschau. Vor 35.000 Zuschauern wird im Armee-Stadion am 21. September DDR-Fußballgeschichte geschrieben -ausgerechnet im nur wenige Jahre zuvor von den Deutschen überfallenen und besetzten Polen.

Die Premiere

Die DDR-Delegation ist sich der Bedeutung und des Rahmens bewusst. "Allen war klar, dass die Polen noch längst nicht vergessen hatten", sagte Horst Scherbaum, der Kapitän der DDR-Auswahl, später. "Wir wussten, dass wir durch einfühlsames Verhalten und anständiges Auftreten versuchen mussten, uns als Freunde aus einem neuen Deutschland zu zeigen."

Die DDR - mit dem legendären Günter "Moppel" Schröter auf halbrechts - hält lange das 0:0, am Ende ist der Nachbar aber zu stark: Kazimierz Trampisz (70.) und Doppeltorschütze Teodor Aniola (80., 84.), der in seinem Heimatklub Lech Posen wegen seiner starken Auftritte "Diabel" ("Teufel") gerufen wird, sorgen für den 3:0-Sieg der Gastgeber.

Trotz der Niederlage ist der Tag ein Meilenstein. Aber sportlich verlaufen die Anfänge schwierig - auch wegen vieler Eingriffe der Sportpolitik und hoher Fluktuation. In den ersten fünf Länderspielen kommen 36 Akteure zum Einsatz. Das erste Tor der DDR-Nationalmannschaft fällt fünf Wochen nach dem Spiel in Warschau, der Thüringer Karl Schnieke erzielt es am 26. Oktober 1952 beim 1:3 in Bukarest gegen Rumänien. Auch der erste Sieg gelingt dort: Am 18. September 1955 bezwingt die DDR-Elf in ihrem siebten Länderspiel Rumänien mit 3:2, Willy Tröger, bereits Schütze des 2:2, sorgt kurz vor dem Abpfiff für den Sieg.

Fußball entwickelt auch in der DDR ungeheure Kraft, bleibt aber Stiefkind

Auf der Bank sitzt erstmals der Ungar Janos Gyarmati, er wird ebenso wie sein fachlich und menschlich hoch angesehener Landsmann Karoly Soos (DDR-Auswahltrainer von 1961 bis 67) zu einer prägenden Figur der frühen Jahre. Mangelnde Spielpraxis gegen Topgegner - als Folge des Kalten Krieges - bleibt zunächst ein Problem. Im März 1957 trifft die DDR erstmals auf die Auswahl eines kapitalistischen Landes (3:0 gegen Luxemburg).

Der Fußball entwickelt auch im Osten des bis 1990 geteilten Deutschlands eine ungeheure Kraft, aber er bleibt ein Spielball der Funktionäre - und für den mächtigen Sportboss Manfred Ewald, der vor allem die medaillenträchtigen Sportarten fördert, ein Stiefkind. Ihre Blütezeit erlebt die DDR-Auswahl in den 70er Jahren unter Trainer Georg Buschner, mit der WM 1974 und Olympia-Gold 1976 in Montreal. Polen, der Gastgeber der Premiere, bleibt mit 19 Begegnungen der beständigste Begleiter. Gegen keine andere Nationalmannschaft tritt die DDR-Elf häufiger an.

Steffen Rohr