2. Bundesliga

Hertha BSC - Pal Dardai: Ist im Sommer Schluss?

Bei Hertha BSC rückt die Trainer-Personalie auf die Agenda

Dardai: Ist im Sommer Schluss?

Ist bereits in seiner dritten Amtszeit bei Hertha BSC: Pal Dardai.

Ist bereits in seiner dritten Amtszeit bei Hertha BSC: Pal Dardai. IMAGO/Matthias Koch

Man weiß, was man von Pal Dardai bekommt - und was nicht. Das gilt für das Kerngeschäft auf dem Rasen und die Aussagen abseits davon. In der vergangenen Woche, zwei Tage vor dem Spiel beim FC St. Pauli (0:2), bemühte Herthas Cheftrainer einen Satz, den er so oder so ähnlich schon öfter gesagt hat und der vieles zugleich ist: Erklärung, Einordnung, Selbstverteidigung. "Ich bin kein Zauberer, ich bin Trainer", sagte Dardai. "Wunderdinge innerhalb von zwei oder drei Monaten kann niemand erwarten."

Wunderdinge erwartet niemand. Aber die Debatte, ob der Ungar die Möglichkeiten seines Kaders ausschöpft und für die eher früher als später erhoffte und wirtschaftlich notwendige Rückkehr in die Bundesliga die richtige Besetzung ist, wird längst nicht nur im Umfeld des Klubs geführt, sondern auch im Klub selbst.

Mit der Vertragsverlängerung von Geschäftsführer Thomas E. Herrich hat der Zweitligist zu Wochenbeginn eine wichtige Weiche gestellt, eine andere Schlüsselpersonalie rückt in den kommenden Wochen auf die Agenda: die des Cheftrainers. Der entsprechende Vertrag von Dardai endet am 30. Juni, ebenso der seiner Co-Trainer Admir Hamzagic, Tamas Bodog und von Torwarttrainer Andreas Menger. Über die Zukunft von Menger, der seit Juli 2021 für Hertha arbeitet, könnte losgelöst von Dardai und dessen Assistenten entschieden werden.

An Spors' Skepsis in Bezug auf Dardai hat sich nichts geändert

Der Ungar Dardai, der im April 2023 als Nachfolger von Sandro Schwarz seine dritte Amtszeit als Hertha-Coach antrat, galt den Bossen um Herrich, Sportdirektor Benjamin Weber und den im Januar verstorbenen Klubpräsidenten Kay Bernstein im Vorjahr auch nach dem Abstieg als ideale Besetzung, um den Neuaufbau des Teams anzuleiten - nicht zuletzt wegen des eingeschlagenen "Berliner Wegs", der den verstärkten Einbau eigener Talente vorsieht. Eine kontroverse Debatte gab es vor Jahresfrist hinter den Kulissen dennoch: Johannes Spors, der Global Sports Director des im März 2023 bei Hertha eingestiegenen US-Investors 777 Partners, hatte sich für eine externe Trainer-Lösung ausgesprochen, konnte sich damit gegen die Klubführung aber nicht durchsetzen.

Hertha: Die nächsten Gegner

Dass Spors, der mit Weber wöchentlich konferiert, Dardais Wirken weiterhin vergleichsweise kritisch sieht, ist verbürgt. In einem kicker-Interview kurz vor Weihnachten sagte Spors, Herthas Kader sei "an sich sicherlich ein bisschen besser als der aktuelle Tabellenstand". Dardai, mit Spors' Einschätzung konfrontiert, konterte damals: "Damit bin ich nicht ganz einverstanden. Wenn jemand A sagt, muss er auch B sagen, also Argumente nennen. Er soll nicht in die Luft reden, sondern sagen, wo. Wenn wir ehrlich sind, waren wir in der Hinrunde fast am Maximum."

Platz 16 in der Rückrunden-Tabelle - und ein desillusionierender Pokal-K.-o.

Zu jener Zeit, nach Abschluss der Hinrunde, lag Hertha auf Platz 7 und in Lauerstellung. Verbessert hat sich die Situation seitdem nicht: Platz 16 in der Rückrunden-Tabelle (neun Punkte aus acht Spielen), dazu Ende Januar ein desillusionierender Auftritt im DFB-Pokal-Viertelfinale gegen den 1. FC Kaiserslautern (1:3). Hertha ist nach der Fast-Insolvenz im Vorjahr und dem XXL-Umbruch im Sommer nicht ins Bodenlose gefallen und bietet in dieser Saison den Talenten um Pascal Klemens, Tjark Ernst und Ibrahim Maza eine Bühne und eine Durchlässigkeit, wie es sie so an kaum einem anderen Standort im deutschen Profi-Fußball gibt.

Dennoch wird diese Saison auch intern trotz widriger Startvoraussetzungen und tragischer Begleitumstände wie dem Bernstein-Tod Mitte Januar als Jahr der verpassten Chancen eingeordnet. Nach der 0:2-Niederlage bei Tabellenführer St. Pauli, wo Hertha eine Halbzeit lang regelrecht filetiert wurde, brachte Schlüsselspieler Fabian Reese die bisherige Spielzeit 2023/24 auf den Punkt: "Wir hatten etliche Chancen, um vielleicht nochmal ein Momentum zu erzwingen. Das haben wir nicht geschafft, das ist unter dem Strich die nackte Wahrheit."

Dem Hauptstadtklub, der auch wegen etlicher Altverträge mit hohen Gehältern (Kempf, Kenny, Zeefuik, bis Januar Maolida) den zweitteuersten Kader-Etat der 2. Liga unterhält, fehlt die Konstanz - über die Saison gesehen und in den Spielen selbst. Frappierend: In einer Tabelle der zweiten Halbzeit läge Dardais Team, das in den ersten 45 Minuten mit 47 Punkten mehr Zähler als jeder andere Zweitligist geholt hätte, auf Platz 17 (23 Punkte). Das Verspielen etlicher Zähler wird intern nicht mit Fitnessproblemen begründet, sondern mit der Vielzahl individueller Fehler und den passiven Mustern, in die die Mannschaft immer wieder zurückfällt.

Die Kernfrage: Holt Dardai aus dem Kader raus, was drinsteckt?

Auch Dardai sieht das Team konditionell auf der Höhe und verweist auf die knapp 127 Kilometer Laufleistung im vergangenen Heimspiel gegen Kiel (2:2). Mehr Angriffsfläche bietet der wenig aktive Spielansatz. Gegen Kiel hatte Hertha 32 Prozent Ballbesitz. Dardai-Kritiker monieren die Ideenarmut in Ballbesitz und die mangelnde taktische Variabilität. Als der Coach bei St. Pauli zur Pause vom etablierten 4-2-3-1 auf ein 4-4-2 mit Raute umstellte, bekam Herthas Spiel schlagartig mehr Wucht und Zugriff. Das Tempoproblem auf einigen Positionen ist augenscheinlich. Vor dem Spiel bei St. Pauli thematisierte Dardai, dessen jüngster Sohn Bence im Sommer ablösefrei zum Bundesligisten VfL Wolfsburg wechselt, die aus seiner Sicht fehlende Kadertiefe: "Ich hab' 12, 13 Spieler, mit denen ich um die Meisterschaft spielen kann. Danach hab' ich ein Loch."

Das sehen im Klub nicht alle so. Die Sommer-Neuzugänge Smail Prevljak und Bilal Hussein spielen kaum eine Rolle, Sturmtalent Derry Scherhant - für den nach kicker-Informationen im Winter ein siebenstelliges Ablöseangebot eines deutschen Klubs vorlag - wird von Dardai öffentlich regelmäßig angezählt. Dass mancher Profi eher selten auf seiner stärksten Position spielt, ist ebenfalls ein Thema. Der im Januar als designierter neuer Zehner aus Mainz ausgeliehene Aymen Barkok ist seit Wochen Bestandteil der Doppel-Sechs, der bosnische Nationalspieler Prevljak - am stärksten als Neuner - hat in der Hinrunde über Wochen die Position hinter Stoßstürmer Haris Tabakovic bekleidet, ehe er ganz raus war, weil er Dardais Pressing-Anforderungen nicht genügte. Scherhant, der gegen St. Pauli im 4-4-2 direkt torgefährlich wurde, ist im Zentrum besser aufgehoben als auf dem Flügel, wo ihn Dardai regelmäßig bringt.

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Dass eine Krankheitswelle zu Jahresbeginn den Kader zeitweilig erheblich ausdünnte, wird dem Trainer als mildernder Umstand angerechnet. Mehr Identifikation mit Hertha als der Rekordspieler bringt kaum jemand mit. "Es gibt Phasen, da zieht Pal den ganzen Laden mit", sagt einer, der täglich nah dran ist. Das bestreitet niemand im Klub.

Kurzzeitige Gedankenspiele in der Chefetage um eine sofortige Trennung

Dennoch wird intern längst die Frage diskutiert, mit welcher personellen Aufstellung der für 2024/25 anvisierte Aufstieg am wahrscheinlichsten ist. Aktuell versuchen die Hertha-Bosse, das Trainer-Thema möglichst aus der Öffentlichkeit herauszuhalten - auch, weil man trotz etlicher verpasster Chancen bei weiterhin nur sieben Punkten Rückstand auf Relegationsplatz 3 den Aufstieg noch immer nicht vollends abgehakt hat und keine hausgemachten Störgeräusche fabrizieren will.

Intern indes läuft die Debatte auf Hochtouren. Nach kicker-Informationen gab es nach dem verkorksten Rückrundenstart in der Berliner Chefetage vor einigen Wochen zumindest kurzzeitig Gedankenspiele um eine vorzeitige Trennung von Dardai. Die wurden verworfen. Spätestens am Ende dieser Saison, die Dardai als "Übergangsjahr" bezeichnet, stellt sich die Frage neu. Dass die Antwort der Bosse dann so ausfällt wie vor einem Jahr, darf zunehmend bezweifelt werden.

Steffen Rohr

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