Bundesliga

Daniela Wurbs über Ausgrenzung und Vielfalt: "Inklusion geht alle an"

Zum Erinnerungstag im deutschen Fußball am 27. Januar

Daniela Wurbs über Ausgrenzung und Vielfalt: "Inklusion geht alle an"

Daniela Wurbs von der Beratungsstelle KickIn! für Inklusion und Vielfalt im Fußball.

Daniela Wurbs von der Beratungsstelle KickIn! für Inklusion und Vielfalt im Fußball.

"Jeder Mensch zählt - egal auf welchem Platz." Das ist das Leitmotiv des 18. Erinnerungstags im deutschen Fußball, angestoßen von der Initiative "!Nie wieder". An den Spieltagen rund um den 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung der Überlebenden im Konzentrationslager Auschwitz, gedenken Vereine und Fans der Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes. Im Mittelpunkt stehen dieses Jahr Menschen mit Behinderung, die einst von den Nazis verfolgt wurden - und auch heute Ausgrenzung erleben. Daniela Wurbs (41) von der Beratungsstelle KickIn! für Inklusion und Vielfalt im Fußball spricht über Barrieren und die Herausforderung, diese zu überwinden.

Frau Wurbs, welchen Stellenwert hat der Erinnerungstag für Vereine und Fans?

"!Nie wieder" ist eine unabhängige, basisorientierte Initiative, die viele Anspruchsgruppen vereint. Das Interesse ist über die Jahre gewachsen, auch das Engagement der DFL hat in den letzten Jahren einen ordentlichen Schub gegeben. Es gibt kaum einen Verein, der sich nicht beteiligt.

Wie schon 2021 sind auch in diesem Jahr kaum Zuschauer in den Stadien, es gibt Einschränkungen für Veranstaltungen - wie schwierig ist das?

Natürlich sind die Möglichkeiten eingeschränkt, vor allem für Faninitiativen. Bei den Projekten geht es häufig um Begegnung, das ist natürlich eine Herausforderung. Vorträge werden ins Digitale verlegt werden, Fangruppen hängen Banner auch in den leeren Stadien auf. Die Botschaft aber ist so wichtig, dass man sie auch unter erschwerten Bedingungen verbreiten muss.

Besondere Aufmerksamkeit gilt in diesem Jahr Menschen mit Behinderung. Warum ist es so wichtig, sie und ihre Situation in den Fokus zu rücken?

Mit den Morden der Nazizeit werden zumeist Jüdinnen und Juden als zentrale Opfergruppe verbunden. Aber darüber hinaus gab es weitere Gruppen, die verfolgt wurden, weil sie nicht in das Menschenbild der Nazis passten. Dieses Jahr liegt das Schlaglicht auf Menschen mit Behinderung, die im Zuge des sogenannten Euthanasieprogramms als "minderwertig" weggesperrt, zwangssterilisiert und ermordet wurden. Es geht darum, ein Gefühl dafür zu entwickeln, was es bedeutet, aufgrund bestimmter Merkmale und Eigenschaften ausgegrenzt zu werden. Das ist auch relevant für die gegenwärtige politische Diskussion.

Was bedeutet Inklusion für Sie?

Inklusion ist nicht nur Behindertenhilfe, sie geht alle an und ist für alle, als ganzheitlicher Weg zu Vielfalt. Es geht darum, eine ganze Gesellschaft neu zu denken, ihre Strukturen so zu gestalten, dass alle teilhaben können. Eine barrierefreie Infrastruktur zum Beispiel hilft verschiedenen Zielgruppen: Rollstuhlfahrern genauso wie Menschen mit Rollator oder auch hochschwangeren Frauen.

Der Weg hin zu einer inklusiven Gesellschaft ist lang und kompliziert. Geht der Fußball in Deutschland vorneweg oder läuft er hinterher?

Es gibt viele gute Ansätze und Projekte, aber auch Luft nach oben. Menschen mit Rollstuhl können sich in der Regel nicht aussuchen, in welchem Block sie im Stadion sitzen wollen. Audiodeskriptive Reportagen für sehbehinderte Fans oder Verdolmetschung in Gebärdensprache stehen oft nur in speziellen Bereichen zur Verfügung. Das könnte man anders lösen, aber das wird noch zu wenig gedacht.

Welche aktuellen Projekte gibt es?

Ein spannender Prozess ist der barrierefreie Umbau des Berliner Olympiastadions bis zur EM 2024. Es geht darum, Strukturen neu zu denken: von der Barrierefreiheit über genderneutrale Toiletten bis hin zur Beschilderung. Menschen mit Behinderung sind am Gesamtprozess auf Augenhöhe beteiligt. Vor dem Hintergrund der Nazi-Geschichte des Olympiastadions ist es umso besser, wenn sich so ein Stadion auf den Weg macht. Darüber hinaus gibt es viele kleine und große Beispiele von Vereinen. Der FC St. Pauli etwa hat sich das Ziel gesetzt, künftig barrierefreier zu kommunizieren. Das umfasst Gebärdensprache, Leichte Sprache, die Untertitelung von Videos oder Bildbeschreibungen für Fanartikel.

Erschwert die Pandemie die Entwicklung oder eröffnet sie Chancen?

Einerseits hat die Pandemie Infrastrukturprojekte gebremst, manche Dinge waren aus Kostengründen einfach nicht mehr möglich. Auf der anderen Seite hat die Debatte über die Rolle des Fußballs in der Gesellschaft vieles beschleunigt. Sonst hätte die DFL vielleicht noch nicht beschlossen, Nachhaltigkeitskriterien - und dazu zählt auch soziale Inklusion - in der Lizenzierung zu verankern.

Wie ist die Situation für Menschen mit Behinderung, die aktiv Fußball spielen wollen?

Darum kümmern sich primär die Inklusions- beauftragten der Landesverbände. Der Blinden- und der Amputiertenfußball haben wahnsinnig an Popularität gewonnen, immer mehr Vereine bauen ihre Angebote aus. Wir bekommen aber häufig Anfragen von Menschen mit Behinderung, die kein Spezialangebot wollen, sondern in regulären Teams spielen möchten. Gerade im Freizeitbereich braucht es mehr Angebote, damit Menschen mit und ohne Behinderung ganz selbstverständlich gemeinsam Sport treiben können.

Interview: David Bernreuther