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WM 2022: Kroatiens Dalic: "Wir sind die größten Fighter"

Deja-Vu für Kroatiens Überlebenskünstler - Sosa: "Jetzt ist alles möglich"

Dalic: "Wir sind die größten Fighter"

Zlatko Dalic führte Kroatien zum zweiten Mal in Folge ins WM-Halbfinale.

Zlatko Dalic führte Kroatien zum zweiten Mal in Folge ins WM-Halbfinale. Getty Images

Aus Katar berichtet Oliver Hartmann

Wie schon vor viereinhalb Jahren in Russland entpuppen sich die Kroaten bei der WM in Katar als Überlebenskünstler. 2018 ging die Mannschaft von Nationaltrainer Zlatko Dalic in der K.-o.-Runde dreimal über 120 Minuten, ehe der Einzug ins Finale gegen Weltmeister Frankreich feststand. Im Achtel- und Viertelfinale setzte sich der spätere Vize-Weltmeister damals wie heute im Elfmeterschießen durch, 2018 gegen Spanien und Dänemark, diesmal folgte dem Achtelfinal-Erfolg gegen Japan der Überraschungs-Coup gegen Brasilien.

Zum Held des Abends avancierte erneut Torhüter Dominik Livakovic, der gegen Japan gleich dreimal vom Punkt erfolgreich gewesen war. Diesmal entschärfte der Schlussmann von Dinamo Zagreb gegen Neymar & Co während der 120 Minuten gleich ein halbes Dutzend hochkarätige Möglichkeiten, setzte Brasilien zudem mit einer Glanzparade bei Rodrygos Versuch gleich im Elfmeterschießen unter Druck.

Jetzt sind wir im Halbfinale - und wir werden nicht aufgeben.

Zlatko Dalic

"Er hat schon so oft in seiner Karriere bewiesen, welch außergewöhnlich guter Torhüter er ist", schickte Stuttgarts Linksverteidiger Borna Sosa eine Lobeshymne an den 27-jährigen Livakovic, der bislang nur bei Zagreber Klubs unter Vertrag stand. "Wir sind als Kämpfer aufgewachsen und lassen unser Herz auf dem Platz, das ist das Erfolgsrezept", sagte der erneut als Spieler des Spiels gekürte Torhüter, der bei der WM in Russland noch als Ersatzkeeper ohne Einsatz war.

Spielbericht

"Wir haben gezeigt, was es heißt, nicht aufzugeben. Wir haben den größten Favoriten geschlagen, wir sind die größten Fighter. Nur Kroaten können das erreichen. Jetzt sind wir im Halbfinale - und wir werden nicht aufgeben", sprudelte es aus Dalic hervor. Kroatiens Team, von Routiniers wie Luca Modric (37) oder Dejan Lovren (33) geführt, präsentierte sich gegen den hohen Favoriten ähnlich abgezockt wie beim Siegeszug vor viereinhalb Jahren. Man ließ sich nicht aus der Defensive locken und egalisierte kurz vor dem Ende mit dem ersten Schuss auf Brasiliens Tor den Rückstand durch Neymar.

"Wir waren auf alles vorbereitet. Es war sehr wichtig, möglichst lange kein Tor zu kassieren, möglichst viel Kontrolle zu behalten", schilderte Dalic den Matchplan, der lange aufging. Nach dem späten Rückstand ging der Coach in der Schlussphase all in und wurde belohnt. "Da gab es nichts mehr abzuwarten. Wir haben alles versucht, natürlich auch durch Auswechslungen. Die Einwechselspieler hatten den Effekt, auf den wir alle gehofft haben", sagte der Coach und meinte damit vor allem Mislav Orsic, der den Ausgleich durch den ebenfalls eingewechselten Bruno Petkovic vorbereitete und im Elfmeterschießen kühlen Kopf behielt. "Im Elfmeterschießen werden wir automatisch Favorit. Da sind wir sehr stark und charakterstark. Aber die Schwierigkeit ist es, erst einmal ins Elfmeterschießen zu kommen", sagte Dalic.

Wenn du gegen Brasilien aufmachst, spielst du ihnen in die Karten.

Borna Sosa

"Natürlich war etwas Glück dabei, aber wir haben uns nie aufgegeben", schilderte Sosa und verteidigte die Defensivtaktik: "Wir haben gegen eine der besten Mannschaften der Welt gespielt. Wenn du gegen Brasilien aufmachst, spielst du ihnen in die Karten." Ähnlich lautete die Analyse des früheren Bundesliga-Stürmers Ivica Olic, der zum aktuellen Trainerstab zählt. Wir haben gesagt, wenn wir es bis zur Halbzeit schaffen, ohne Gegentor zu bleiben, werden wir unsere Momente kriegen. Das haben die Jungs hervorragend gemacht", so der frühere Stürmer, der die Schlussphase so beschrieb: "Nach einem 0:1 zurückzukommen, war ein geiles Gefühl. Und Elfmeterschießen ist einfach unser Spiel."

Überraschend kommen Kroatiens starke Auftritte nicht. Bereits in der Nations League hatte die Mannschaft ihre Qualitäten gezeigt, als sie sich in ihrer Gruppe gegen Dänemark, Österreich und Frankreich behauptete und sich für das Final Four qualifizierte. "Kroatien ist eine Überraschung - aber es gibt gute Gründe für unseren Erfolg", betonte Delic. Überraschend ist lediglich, dass Kroatien gegenüber der WM 2018 mit 18 neuen Spielern nach Katar reiste und trotzdem wie eine seit Jahren eingespielte Formation agiert.

"Wir zeigen von Jahr zu Jahr, wieviel neue Qualität wir in unserem Land haben", unterstrich Sosa, der nun dem Halbfinale mit großem Optimismus entgegensieht: "Jetzt ist alles möglich." Ähnlich sieht es auch sein Coach: "Wir haben tolle Spieler, ein tolles Team und wir geben alles. So funktioniert es - hoffentlich auch im Halbfinale."

Oliver Hartmann