2. Bundesliga

1. FC Kaiserslautern: Kick it like Schuster

Ex-Spieler Sulu: "Dirk ist wie gemacht für den Malocherverein"

Déjà-vu nach acht Jahren: Kick it like Schuster

Gelingt Dirk Schuster auch mit Kaiserslautern der Durchmarsch?

Gelingt Dirk Schuster auch mit Kaiserslautern der Durchmarsch? IMAGO/Werner Schmitt

Du weißt, was dich erwartet, und kannst trotzdem nichts dagegen machen. So ging es in dieser Saison vielen Mannschaften, die auf den 1. FC Kaiserslautern und Trainer Dirk Schuster trafen. Am eindrücklichsten bekam es in der letzten Spielwoche des Jahres der Karlsruher SC zu spüren. Lautern hatte nur 30 Prozent Ballbesitz, nur drei Chancen in 90 Minuten - und siegte dennoch verdient mit 2:0. Der Derbysieg steht exemplarisch für einige Qualitäten des Aufsteigers: die immer stabiler werdende Defensive, die Effizienz vor dem gegnerischen Tor und die unheimliche Disziplin. Abschreiben sollte man die Lauterer außerdem nie. In zehn Spielen lag der FCK in dieser Saison zurück, verloren gingen nur aber zwei. Hierfür lieferte die Schuster-Elf beim Hinrundenabschluss in Düsseldorf mit dem 2:1-Siegtreffer in der sechsten Minute der Nachspielzeit mal wieder den besten Beweis. Der Erfolg basiert vor allem auf der Leidenschaft, die bei Schuster und dem Traditionsverein jeweils in der DNA verankert ist.

Allein sein Spirit ist beeindruckend. Er lebt alles vor, was er auch von der Mannschaft verlangt.

Aytac Sulu

"Dirk ist im Mix mit den Spielern, die er hat, wie gemacht für die Stadt und den Malocherverein. Die Zuschauer wollen ehrliche Arbeit, ehrlichen Fußball. Das will Dirk auch", sagt einer, der den Betzenberg zwar nur als Gegner kennt, Schuster dafür umso besser: Aytac Sulu. Der frühere Lilien-Verteidiger war Kapitän der Mannschaft, mit der Schuster in der Saison 2013/14 in die 2. Liga aufstieg, 2014/15 gleich weiter in die Bundesliga marschierte und 2015/16 mit dem Klassenerhalt im Oberhaus den wohl größten Erfolg dieser Ära feierte, bevor das Märchen das Ende fand. "Allein sein Spirit ist beeindruckend. Er lebt alles vor, was er auch von der Mannschaft verlangt. Er ist immer so professionell eingestellt, dass er nichts dem Zufall überlässt. Er ist immer bis in die Haarspitzen motiviert", sagt Sulu über seinen Ex-Trainer.

Acht Jahre nach dem besagten Zweitligadurchmarsch mit den Lilien hat Schuster auch mit den Roten Teufeln ein sehr vielversprechendes Halbjahr hingelegt. Ein Déjà-vu- Erlebnis verursacht die Tabelle. Die Bilanz ist nämlich identisch: 29 Punkte durch sieben Siege und acht Unentschieden nach der Hinrunde. Auch die Spielweise erinnert an Schusters Lilien. Kaum ein Team in der Liga hat weniger Ballbesitz (41 Prozent), spielt weniger Pässe (328 pro Spiel) und geht in weniger Dribblings (10,1 pro Partie). Der Fokus liegt auf der Defensive. Zwar hat der FCK mit 23 Gegentreffern zum Ärger Schusters ganze elf mehr kassiert als Darmstadt zum vergleichbaren Zeitpunkt. Doch weil die Chancenverwertung von 32,5 Prozent Ligaspitze ist, geht die Rechnung auf. Das schnelle Umschaltspiel und Torjäger Terrence Boyd (8 Treffer) sind für den FCK in aller Regel verlässlich.

"Wir haben vorne ein brutales Tempo"

Erst wenn es in der Schlussphase eines Spiels unumgänglich ist, geht Schuster ins Risiko. "Es ist vernünftig, dass wir das so gestalten. Wir haben vorne ein brutales Tempo und Jungs, die sich nicht so viele Gedanken machen. Wenn du hinten vernünftig stehst und in der 2. Liga gut verteidigst, bekommst du vorne immer deine Chancen. Das ist vielleicht nicht immer schön, aber am Ende ist ein Sieg ein Sieg", sagt Torhüter Andreas Luthe, mit 35 Jahren einer der Ältesten und mit 90 Bundesligaspielen der Erfahrenste. Sulu erinnert diese Herangehensweise an früher. "Dirk geht nicht mit der Prämisse ins Spiel, es unbedingt und zu jedem Preis gewinnen zu wollen. Aber er lässt so spielen, dass man immer eine Chance hat, etwas Zählbares mitzunehmen", sagt der 36-Jährige, der heute Co-Trainer bei der TSG Hoffenheim II ist. "Das erkennt man bei Kaiserslautern diese Saison extrem."

Schuster ist flexibel

Auch wenn die Art und Weise, mit der Schusters Mannschaften meist spielten, viele Ähnlichkeiten aufweist, ist Schubladendenken fehl am Platz. Schusters Repertoire bietet viel mehr, als nur Beton anzurühren, wie in dieser Saison mehrfach bewiesen. Die spektakulären Spiele gegen Magdeburg (4:4) und Darmstadt (3:3) mit jeweils späten Comebacks der Pfälzer stehen exemplarisch. Schuster ist flexibel und passt sein Coaching den Gegebenheiten an. Eine eigene Philosophie, von der Trainerkollegen gerne sprechen, hat Schuster für sich nicht explizit entwickelt. Er geht pragmatisch an die Sache ran, wie er vor einigen Wochen erzählte, als er zu Gast in der kicker-Redaktion war: "Ich gebrauche das Wort Philosophie generell nicht so gerne. Ich würde sagen: Das Vorgehen ist erfolgsorientiert. Wobei wir auch den Fans etwas bieten wollen." Aktuell besonders vielen.

Auswärts ungeschlagen

Im Schnitt kamen in den neun Zweitligaspielen 38 602 Zuschauer ins Fritz-Walter-Stadion. Die Zahlen in der Fremde sind noch beeindruckender: Mehr als 10 000 waren in Hamburg, mehr als 9000 in Düsseldorf, durchschnittlich mehr als 5000 - bundesweit ist das Platz 4 mit nur knappem Rückstand hinter den Bundesligisten FC Bayern, Dortmund und Schalke. Die für einen Zweitligisten rekordverdächtige Unterstützung ist Gold wert: Als einziges Team der Liga ist der FCK auswärts ungeschlagen.

Der Mythos Betzenberg ist längst wieder lebendig

Aber auch die heimische WM-Arena war in diesem Kalenderjahr bereits vier Mal ausverkauft. Es ist lange her, dass so viele Menschen regelmäßig auf den Betzenberg pilgerten. Genau genommen seit der Saison 2011/12 nicht mehr, der bis heute letzten in der Bundesliga. Was das Publikum auf dem Betzenberg für eine Wucht entfalten kann, drohte bei manchen in Vergessenheit zu geraten, die Drittligaspiele vor trostloser Kulisse mit kaum mehr als 15 000 Zuschauern vor Augen haben. Der Mythos Betzenberg ist längst wieder lebendig. Doch jedem Fan im euphorischen Umfeld, der nur entfernt davon träumt, dass sich die Darmstädter Erfolgsgeschichte wiederholt, würde Schuster am liebsten in einem persönlichen Brief die 40-Punkte-Rechnung aufdröseln. Ähnlich wie in Darmstadt …

Aytac Sulu und Dirk Schuster zu gemeinsamen Darmstädter Zeiten. 

Aytac Sulu und Dirk Schuster zu gemeinsamen Darmstädter Zeiten. imago images/Sportfoto Rudel

"Der Aufstieg war nie ein Thema", blickt Sulu zurück. Irgendwann habe dann eine Dynamik eingesetzt, die bis zum Saisonende kein Ende nahm, erzählt der damalige Abwehrchef. "Beim FCK ist es noch ein bisschen früh, darüber zu reden. Im Fußball passieren zwar wilde Dinge, man muss aber immer demütig bleiben. Da sind Dirk und sein Co-Trainer Sascha Franz die richtigen Leute, die wissen, wie der Hase läuft", betont Sulu, der sich sicher ist: "Wenn der FCK so weitermacht, wird er die Klasse definitiv halten. Damit sind alle erst mal glücklich." Mit Ausnahme der Konkurrenten, versteht sich.

Moritz Kreilinger

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