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Cohn-Bendit: "Diese Mannschaft war ein Spiegelbild des Aufbruchs"

Publizist und Journalist im kicker-Interview

Cohn-Bendit: "Diese Mannschaft war ein Spiegelbild des Aufbruchs"

Ist in Frankfurt bestens bekannt: Daniel Cohn-Bendit.

Ist in Frankfurt bestens bekannt: Daniel Cohn-Bendit. imago images / IP3press

Ein Café auf der Berger Straße, auf dem Tisch stehen eine Ingwer-Limetten-Minz-Schorle und ein Falafel-Teller. Daniel Cohn-Bendit, Politiker deutsch-französischer Herkunft, Publizist und Journalist, ist hier in Frankfurt bestens bekannt - und ein kurzer Plausch mit dem Nachbartisch zu "seiner" Eintracht vor dem historischen Europa-League-Finale fast obligatorisch. Doch vor allem geht es um die sportlich und politisch aufregende Zeit vor rund 50 Jahren, als er selbst einer der führenden Köpfe der Frankfurter Sponti-Szene war.

Herr Cohn-Bendit, waren Sie je in der Lovers' Lane in Mönchengladbach?

Nein. Nie.

Die Diskothek wurde von 1971 bis 1980 von Günter Netzer betrieben. Das war eher nicht Ihre Welt, oder?

Das würde ich gar nicht sagen. Aber was soll ich in Mönchengladbach?

Sie waren 1972 Revolutionär, Kita-Mitarbeiter, Buchhändler und Aktivist in der Hausbesetzerszene in Frankfurt. Welche Rolle hat der Fußball in Ihrem Leben gespielt?

Eine sehr spezielle Rolle, und das schon, seitdem ich sechs oder sieben Jahre alt war. Es gab neben der Schule, neben 68, neben allen späteren Tätigkeiten immer den Fußball.

Wie haben Sie selbst gespielt? Waren Sie Ihrem Naturell gemäß Stürmer?

Ja, aber auch mal hinten oder sogar im Tor. Hier in Frankfurt haben wir immer samstags gespielt, helle Hemden gegen dunkle, immer zufällige Teams ohne Schiedsrichter und Abseits. Das war eine Mischung aus Urschrei-Therapie und Fußball, wir haben uns mindestens zwei Stunden bis zur Erschöpfung ausgetobt.

Ihr langjähriger Wegbegleiter Joschka Fischer war ebenfalls dabei. Wer war der bessere Spieler?

Wir waren beide nicht olympiareif, fürchte ich.

Die Sponti-Szene, zu der Fischer und Sie gehörten, bezog sich stark auf die Arbeiterklasse. Da war der Fußball doch immer präsent, oder?

Ein Teil von uns war sehr fußballaffin, der andere eher nicht. Aber für mich war es immer ein großes Thema.

Wir haben uns mindestens zwei Stunden bis zur Erschöpfung ausgetobt.

Daniel Cohn-Bendit

Das andere war Politik, gerade zu einer Zeit, in der viel passiert ist: Auf der eine Seite wollte Willy Brandt "mehr Demokratie wagen" und öffnete sich dem Osten, auf der anderen Seite standen RAF-Terror und Vietnam-Krieg. Wie war die gesellschaftspolitische Stimmung in Deutschland?

Von Mitte der 60er Jahre an war schon eine Aufbruchstimmung zu spüren, das hat sich in den 70ern weiter entfaltet. Mit der Studentenbewegung, dann mit Brandt wurde die deutsche Gesellschaft liberal geöffnet. Alles war davon betroffen, Musik, die Erziehung, die Sicht auf Familie, die Idee der Selbstbestimmung und auch der Fußball. Wir wollten Herr unseres Lebens sein und wurden das. Wenn man die Weltmeister von 1954 und die 72er Mannschaft vergleicht - dazwischen liegen nur 18 Jahre, und doch waren es ganz andere Menschen. Die 54er waren noch provinzielle Kleinbürger.

Welche Partien der EM 1972 sind Ihnen noch bis heute präsent? Das sagenhafte 3:1 in Wembley? Das Finale?

Das Spiel in England, auch das Endspiel gegen die Sowjetunion. Das Turnier war für mich die Vollendung einer überraschenden deutschen Spielkultur. Ich war begeistert davon, wie sie Fußball spielten.

Sie schreiben in Ihrem Buch "Unter den Stollen liegt der Strand", dass diese EM Ihren "Widerwillen gegen deutsche Mannschaften", Ihre "irrationale Haltung zum deutschen Sport" infrage gestellt hat. Woher kamen die?

Dieser Widerwillen wurde sehr oft durch die Art bestätigt, mit der die Deutschen spielten und gewannen. Das Foul von Toni Schumacher im Halbfinale 1982 gegen Patrick Battiston war da der Tiefpunkt, eine Katastrophe. Unfassbar, dass er nicht rausgestellt wurde. Das ist für die Franzosen, für mich, hart, das wurmt immer noch jeden in Frankreich. Diese Mannschaft war fantastisch, hat das Spiel aber typisch französisch hergegeben. Überhaupt, die ganze WM hatte etwas Grausames, der Italiener Claudio Gentile hat Zico und Diego Maradona kaputtgemacht, so wurde seine Mannschaft Weltmeister.

Ihre Eltern mussten Deutschland in den 30er Jahren verlassen, Sie waren viele Jahre staatenlos. Hat das auch Ihre Fan-Identität geprägt?

Das macht ganz einfach, dass man nicht für Deutschland ist. Es ist witzig: Mein Sohn ist das auch nicht. Ich weiß, dass es irrational ist, aber ich bin immer gegen Deutschland und die Bayern.

Franz Beckenbauer & Co. holten sich 1974 den WM-Titel.

Franz Beckenbauer & Co. holten sich 1974 den WM-Titel. imago images / WEREK

Vor und nach 1972 haben deutsche Nationalmannschaften Ihren favorisierten Teams, 1954 den Ungarn und 1974 den Niederlanden, den WM-Titel genommen, 1982 eben Frankreich um Michel Platini, Alain Giresse, Jean Tigana und Dominique Rochteau geschlagen. Sind Sie da nachtragend?

Ich bin einfach sehr kritisch, was den deutschen Fußball angeht. 1954 war ungerecht, der Verlauf und der Ausgang des Spiels waren unverständlich. Es war für Deutschland wichtig, aber ich war sehr traurig. Auch 1974 war der Gegner besser. Alle deutschen WM-Siege waren keine spielerisch überragenden Leistungen. Sie standen auf dem Platz, und man musste sie erst einmal schlagen, aber andere Mannschaften waren oft besser. 2014 hat nicht Deutschland die WM gewonnen, sondern Manuel Neuer. Wenn Higuain keine Angst vor ihm gehabt hätte ... Selbst 1990 waren sie spielerisch nicht besonders gut. Franz Beckenbauer war als Trainer ein Feigling, er hätte am liebsten mit 83 Verteidigern gespielt. Überragend waren sie eben nur 1972, nicht eingepfercht in eine Taktik, vollkommen frei. Die Dominanz ähnelte der der Brasilianer 1970, sie hätten 100 Spiele absolvieren können - und alle gewonnen.

Wissen Sie noch, wie und wo Sie die Spiele der EM gesehen haben?

Vor dem Fernseher in meiner damaligen Wohngemeinschaft.

Sie sagen von sich, Sie benähmen sich beim Anschauen von Spielen "ziemlich unzivilisiert". Wie war es damals?

Das war schon immer so. Ich weiß grundsätzlich besser, was die Spieler und der Schiedsrichter machen sollen.

Vielfach heißt es, das Spiel der Mannschaft sei ein Spiegel der Aufbruchstimmung in der BRD gewesen. Empfanden Sie das vor dem Fernseher so?

Spieler wie Netzer, Paul Breitner, auch Beckenbauer in seiner Art - die waren selbstbewusster als vorherige Generationen von Fußballern. Die haben vermittelt, dass sie selbst bestimmen, wie sie spielen wollen. Und das war ein Spiegelbild unseres Aufbruchs. Wir wollen nicht so ein Leben führen, wie ihr es uns auferlegt auf der einen Seite, wir spielen so wie wir es wollen auf der anderen. Sätze wie Netzers, "nicht ich muss laufen, der Ball muss laufen", haben zu unserer Einstellung gepasst.

Sie haben den 72er Fußball als "Ramba-Samba" beschrieben, welche Aspekte meinen Sie damit?

Samba, weil ich fand, dass es vorne etwas Brasilianisches hatte, es war freigeistig und spielerisch. Und Ramba, weil hinten zu war.

Es währte nicht lange.

Leider war die EM Anfang und Ende, eine leuchtende Ausnahme. 1974 war es schon wieder vor allem Kampf. Nicht zufällig wurde da Netzer rausgenommen.

War es das erste und letzte Mal, dass eine deutsche Mannschaft Sie erreicht hat? Oder haben die 2014er Weltmeister mit den vielen Einwanderer-Nachkommen das auch geschafft?

Ab 2010 hat sich die Nationalmannschaft parallel zum staatlichen Zugeständnis an die Einwanderung in Form der doppelten Staatsbürgerschaft geändert. Plötzlich spielten die Gündogans, die Özils, die Khediras. Das war eine Öffnung, die der in der Gesellschaft entsprach. Die hat mir auch sehr gut gefallen.

Günter Netzer wehrt sich heute gegen Interpretationen um den Zusammenhang von Fußball und Freiheitsgefühl.

Er kann sich wehren, so viel er will. In den 50er Jahren hätte Sepp Herberger ihm nicht erlaubt, mit dem Ferrari durch die Gegend zu fahren.

Das Turnier war für mich die Vollendung einer überraschenden deutschen Spielkultur.

Daniel Cohn-Bendit

Er sagt, die Spieler hätten "für politische Veränderungen keine Gedanken, der Fußball kann deswegen also nicht davon beeinflusst worden sein". Aber können sich junge Männer wie die Europameister von einem Zeitgeist freimachen?

Was Netzer sagt, ist Unsinn. Sein Verhalten entsprach der Entwicklung der Zeit. Vorher hätte er auch keine Disko führen dürfen, er hätte auch nicht so spielen können, wie er es getan hat. Breitner wäre nicht unter einem Mao-Bild fotografiert worden. Vielleicht haben die Spieler nicht politisch gedacht, aber ihr Verhalten war durch die Zeit geprägt, und so haben sie sich verhalten. Die hatten ein anderes Selbstbewusstsein. Das war alles Teil des Aufbruchs, die Spieler Teil des Zeitgeistes - das war so und das ist immer noch so.

War das eine positive Entwicklung?

Dieser Aufbruch muss nicht nur gut gewesen sein oder vernünftig. Aber die Zeit hat Spieler verändert, genau wie die Zeit heute und vor allem das Geld die Spieler auch verändert haben. Zum Teil sind das ja große Kinder.

Die Leitidee der Spontis, dass die Gesellschaft nicht durch eine organisierte Avantgarde, sondern nur durch unkontrollierte Spontaneität veränderbar sei: Galt das auch für die 72er Mannschaft, von der Netzer sagt: "Es gab keinen Matchplan, alles entwickelte sich in jeder Phase"? Waren das fußballerische Spontis?

Vielleicht kann man das so sagen. Sie hatten ja keinen Matchplan, weil Helmut Schön sie machen ließ. Und warum? Weil es der Zeitgeist war! Schön hat die Spieler fußballerisch als erwachsene Individuen gesehen, die durch ihre Fähigkeiten in der Lage waren, ein Spiel zu gestalten. Er wäre ja verrückt gewesen, dazwischenzugehen. Dieses antiautoritäre Handhaben war eben genau der Zeitgeist, da kann Netzer erzählen, was er will. Alle haben ihr fußballerisches Schicksal in die eigene Hand genommen, und weil sie die Fähig- keiten hatten, funktionierte es so wunderbar.

Die Weltmeister von 1954 waren Symbole des "Wir sind wieder wer", des Wirtschaftswunders, der Wiederauferstehung einer Republik. Hatten die 72er eine ähnliche Bedeutung für die Gesellschaft?

Nein, das nicht. Sie waren einfach die beste Mannschaft mit dem schönsten Fußball. Das war in der Weltöffentlichkeit die einhellige Meinung - und das ist selten.

War Günter Netzer ein unpolitischer Provokateur, ein Rebell ohne politische Agenda?

Er war unpolitisch, ja. Er hatte einen Sinn für seine Freiheit, individualistisch, vielleicht kann man sogar egoistisch sagen, Das hat der alten Moral der 50er und 60er Jahre total widersprochen. Natürlich war der Ferrari eine Provokation, sein ganzes Auftreten.

Was hat Sie an ihm beeindruckt? Seine Leichtigkeit, das Talent ohne harte Arbeit? Das stand konträr zur deutschen Weltanschauung.

Genau. Er stand im Widerspruch zu der Annahme, dass Fußball Arbeit ist. Es war etwas Künstlerisches. Ein Katsche Schwarzenbeck war genau das Gegenteil, für ihn war es harte Arbeit.

Haben Sie Netzer je getroffen?

Nein.

Was hatte Netzer in seinem Auftreten, das Beckenbauer nicht hatte?

Beckenbauer hatte eine autoritärere Einstellung. Der hat nicht so ein spielerisches Verhältnis zum Fußball gehabt, er war nicht so freigeistig. Das hat man später auch bei ihm als Trainer gesehen, da war er ängstlich.

Daniel Cohn-Bendit

"Überragend waren sie eben nur 1972, nicht eingepfercht in eine Taktik, vollkommen frei": Daniel Cohn-Bendit. imago images/PanoramiC

Gegen ihn haben Sie 1984 im Rahmen eines Freundschaftsspiels von Journalisten und Experten während der EM gespielt. Er verließ nach 30 Minuten erbost den Platz. Was ist da passiert?

Das prägt mein Bild von ihm, er benahm sich total kindisch. Er hat als Libero ein paar geniale Pässe gespielt, die seine Mitspieler nicht verarbeiten konnten und dann ist er abgehauen und hat gesagt: "Mit euch kann man nicht Fußball spielen." Vielleicht ist es ungerecht, aber ich fand, dass Netzer immer eine sympathischere Ausstrahlung hatte.

Beckenbauer, der Kaiser. Hatte er in Ihren Augen etwas Preußisches?

Genau. Aber als er 1974 das Schicksal in die Hand genommen hat, hat er recht behalten, so wurden sie Weltmeister.

Breitner ließ sich unter einem Porträt von Chinas Führer Mao mit Peking-Rundschau in den Händen fotografieren. Haben Sie ihm den Nonkonformisten abgenommen?

Ja, schon. Das war eine Provokation - und warum auch nicht? Es war aber anscheinend weniger ernst als das, was daraus gemacht wurde.

Also eher provokant als dogmatisch?

Ich glaube nicht, dass er damals ein richtiger Maoist war. Aber mit den langen Haaren war er schon im Zeitgeist.

Sie einte die kritische Haltung gegenüber der Bourgeoisie, dem kapitalistischen Bürgertum.

Ob uns das geeint hat, weiß ich nicht. Aber ich fand es gut, dass er wie Netzer seine Klappe aufgemacht hat.

Meinung der Meinung willen oder echte Einstellung?

Das war sicher eine momentane Einstellung. Aber wie tief die ging, kann ich nicht beurteilen. Ich will das rückblickend gar nicht so ernst nehmen. Der Sache hat er weder geholfen noch geschadet.

Die richtete sich auch gegen Institutionen. War "der Muff von 1000 Jahren" auch unter den schlecht sitzenden Anzügen der DFB-Funktionäre.

Nicht nur beim DFB, bei allen Fußballverbänden, und das bis heute. Die sind alle überholt, hinken den gesellschaftlichen Entwicklungen um Jahrzehnte hinterher. Wann wird denn eine Frau Verbandspräsidentin? Warum ist Homosexualität im Männerfußball so schwierig? In den Stadien wäre das doch überhaupt kein Thema mehr. Da ist der DFB in Deutschland im Negativen eine der letzten Bastionen.

Der lange Marsch durch die Institutionen scheint an der Otto-Fleck-Schneise vorbeigeführt zu haben.

Das ist offenbar das Problem.

Anders als in Frankreich Ende der 60er war Fußball in Deutschland in den 70ern auch für Intellektuelle interessant, ein Feuilleton-Thema. Die wunderbare Beschreibung von Netzers Auftauchen "aus der Tiefe des Raumes" stammt aus der FAZ , Ror Wolf dichtete "Die Welt war zwar kein Fußball, aber im Fußball, das ist kein Geheimnis, findet sich eine ganze Menge Welt", Wolf Wondratschek und Peter Handke beschäftigten sich ebenfalls damit. Hat Ihnen das gefallen?

Ja, das war doch witzig. Auch die Medien wurden besser, die Fußball-Journalisten hatten neue, andere Wege, Spiele zu beschreiben. Das war ein intellektueller Einfluss. In Frankreich kam das dann ebenfalls, da hat eine linke Zeitung wie Liberation den ganzen Sport-Journalismus neu angestoßen, ein Spielbericht wurde zur Erzählung, es ging um Emotionen und Geschichten.

Sie führten eine Buchhandlung in Frankfurt. Haben Sie sich mit Wolf, Eintracht-Fan wie Sie, und Wondratschek, Anhänger der Offenbacher Kickers, zu Fußball ausgetauscht?

Als ich die Buchhandlung eröffnete, war Wondratschek schon Boxfan.

Ihr Bekannter Jean-Paul Sartre prägte 1960 in seiner "Kritik der dialektischen Vernunft" den Satz, "bei einem Fußballspiel kompliziert sich alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft". Haben Sie mit ihm über Fußball diskutiert?

Albert Camus hat sich viel mehr damit beschäftigt, der war prägender. Er hat gesagt, alles, was er über die Gesellschaft wisse, habe er vom Fußball.

Alle deutschen WM-Siege waren keine spielerisch überragenden Leistungen.

Daniel Cohn-Bendit

Aber Sartre hat dafür seine Theorien über Gemeinschaft und Individualismus anhand von Fußball erklärt.

Ja, das hat er gemacht. Er war ein neugieriger Mensch, hat auch über Jazz und Filme geschrieben. Aber Camus hat über den Fußball die Emotionen herausgearbeitet, wie Menschen zusammenkommen, zusammengehören und zusammenhalten.

Der Fußball und der Sport hatten damals nicht nur über die Philosophie mehr und mehr Berührungspunkte mit der Gesellschaft, auch über die Politik: 1968 hoben Tommie Smith und John Carlos ihre Fäuste schwarzbehandschuht zum Black-Power-Gruß. Beim Attentat auf israelische Sportler bei den Olympischen Spielen 1972 in München wurde er als Bühne missbraucht. War das eine Entwicklung der Zeit?

Dieser Satz, dass Sport und Politik nicht vermischt werden sollten, war immer schon blöd. Mit einer WM 1978 in Argentinien hat die FIFA die damalige Militärdiktatur legitimiert. Das ging 1968 richtig los.

Hat die gesellschaftliche Umwälzung auch die Entwicklung der Fußballvereine zu Unternehmen begründet?

Die 68er haben den Weg nicht bereitet, aber die 60er und 70er Jahre waren auch die Entwicklung eines offeneren Kapitalismus. Uli Hoeneß war ein Genie darin, als Manager bei Bayern München aus einem altväterlichen Verein ein funktionierendes, modernes Unternehmen zu machen. Und der hat aus dieser Zeit sein Selbstbewusstsein gezogen.

Passt Hoeneß in diese Reihe von Netzer und Breitner?

Er ist ein Typ, das muss nicht immer automatisch gut sein. Aber er ist durch den damaligen Zeitgeist geprägt, er hat bei den Bayern sehr modern gehandelt.

Geschichte, Philosophie, Politik - neigen wir alle zur Überinterpretation, wenn wir versuchen, Theorien und gesellschaftliche Entwicklungen als Schablone über den Fußball zu legen?

Kann sein, aber es macht doch mehr Spaß, so zu fabulieren. Sonst wäre es doch langweilig, Es ist nicht zu leugnen, dass der Fußball in Zeiten eingebettet ist. Heute ist es eben die Durchsetzung des Weltkapitalismus. Oder, positiver, dass Frauen-Fußball plötzlich 90.000 Zuschauer ins Stadion bringt. Das sind gesellschaftliche Entwicklungen, die den Fußball stark beeinflussen.

Wie herum ist es denn? Beeinflusst der Fußball die Gesellschaft oder die Gesellschaft den Fußball?

Die Gesellschaft den Fußball, absolut. Weil sie die beeinflusst, die Fußball spielen.

Weitere Erzählungen und Details rund um Deutschlands ersten Europameister-Titel können Sie in unserer achtteiligen kicker-Serie zum 50-jährigen Jubiläum lesen - auch in der kicker eMagazine App (Android oder Apple).

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