Nationalelf

Chef-Ausbilder des DFB erklären: Wie wir Trainer entwickeln

Experten schreiben im kicker

Chef-Ausbilder des DFB erklären: Wie wir Trainer entwickeln

Als Co-Trainer von Stefan Kuntz (li.) bei der U-21-Nationalmannschaft aktiv und sportlicher Kopf der Trainerausbildung: Daniel Niedzkowski (re.).

Als Co-Trainer von Stefan Kuntz (li.) bei der U-21-Nationalmannschaft aktiv und sportlicher Kopf der Trainerausbildung: Daniel Niedzkowski (re.). imago images/Martin Hoffmann

Von Markus Nadler und Daniel Niedzkowski

Wer den Fußball medial verfolgt, muss zwangsläufig den Eindruck bekommen, dass das Schicksal ganzer Nationen von der Wahl von Dreier- oder Viererkette, der Pressinghöhe oder dem Wechsel verschiedener Grundordnungen während eines Spiels abhängt. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich sind taktische Ausrichtung, strategische Anpassungen und deren Vermittlung besonders im Spitzenfußball von enormer Bedeutung. Doch sind sie im Hinblick auf erfolgreiche Trainerarbeit längst nicht alles, sondern nur die Spitze des Eisbergs und der wohl unkomplizierteste Teil.

Was es braucht? Mehr als taktische Systeme

Zum Erfolg braucht es weit mehr als einen guten Plan. Es braucht Persönlichkeiten, die in der Lage sind, in emotional aufgeladenen Situationen kluge Entscheidungen zu treffen und diese mit großer Überzeugung zu vermitteln. Mal rational begründet, mal aus dem Bauch heraus. Es braucht Menschen, die Stimmungen spüren und regulieren können, andere mit ihren Emotionen anstecken, dabei aber jederzeit Klasse und Respekt wahren. Es braucht ein klar organisiertes Team hinter dem Team mit einer positiven Leistungskultur, in der jeder Experte (Anmerkung: Die männliche Form schließt alle Geschlechter ein) seine volle Kompetenz einbringen und so dazu beitragen kann, dass die Entscheidungen auf einer perfekten Basis beruhen.

Und natürlich braucht es vor allen Dingen Spieler, die auf den Punkt in perfekter Verfassung sind, mit Überzeugung ins Spiel gehen, leidenschaftlich fighten und als Team zusammenstehen. Spieler, die über die Spielintelligenz verfügen, im richtigen Moment selbst zu entscheiden, was die Situation verlangt, und dabei das Vertrauen spüren, den taktischen Rahmen auch mal verlassen zu dürfen.

In der Schaltzentrale dieser Prozesse steht der Trainer selbst. Als Person, die jeden Tag sowohl situativ als auch strategisch agieren und eine Unmenge an fachlichen wie menschlichen Entscheidungen treffen und kommunizieren muss. Als Leader mit Strahlkraft und Verantwortung gegenüber einer ganzen Organisation. Als gut vernetzter Insider im "System Fußball", in dem er sich sicher bewegen können muss. Als Persönlichkeit, die in der Öffentlichkeit steht, Kritik aushalten und Lob verarbeiten muss. Und natürlich auch als Coach mit hoher fachlicher Kompetenz, der Spieler weiterentwickelt, sie als Team verbindet und am Ende einen für Spieler und Situation perfekt passenden Plan entwickelt.

Die praktische Arbeit findet in den Vereinen statt

Trainerarbeit ist somit überaus komplex und geht weit über das Hantieren mit taktischen Mitteln hinaus. Daher hat es sich die DFB-Akademie zur Aufgabe gemacht, in der Förderung von Trainern das gesamte Spektrum der Kompetenzen abzudecken und sich dabei so nah wie möglich an der individuellen und realen Situation des jeweiligen Trainers zu orientieren. Dafür haben wir beispielsweise die Praxisanteile der Ausbildung schwerpunktmäßig in die Vereine der Trainer verlagert, wo ihnen ein individuell zugeschnittenes Feedback auf die Arbeit im individuellen Umfeld und mit der eigenen Mannschaft gegeben werden kann. Und das nicht nur bezogen auf das Training auf dem Platz, sondern auch auf alle angrenzenden Aufgaben, wie zum Beispiel die Führung einzelner Spieler, die Abstimmung innerhalb des Funktionsteams oder den Umgang mit den Medien.

Markus Nadler (li., mit Patrik Grolimund).

Beim DFB für Aus-, Fort- und Weiterbildung der Trainer verantwortlich: Markus Nadler (li., mit Patrik Grolimund). DFB

Die Ausbildungsformate der DFB-Akademie sind Teil eines dynamischen Prozesses, in dem Inhalte und Strukturen permanent auf den Prüfstand gestellt werden, um sie an die zunehmende Komplexität des Fußballs anzupassen. Als Fixpunkt dient dabei ein Trainer- entwicklungs-Modell mit vier Entwicklungsdimensionen: die eigene Persönlichkeit und das Selbstverständnis als Trainer, die Prozesse die Spieler und das Spiel betreffend, die Führung von Teams und Organisationen sowie der Umgang mit dem "System Fußball". In sämtlichen dieser Bereiche werden ein tieferes Verständnis, höhere Fähigkeiten im praktischen Handeln und ein Bewusstsein für Möglichkeiten der Weiterentwicklung vermittelt. Immer mit einem ganzheitlich ausgerichteten Blick und bezogen auf das spezielle Einsatzgebiet des jeweiligen Trainers. Dabei beziehen wir Top-Experten aus der Praxis sowohl in der Konzeption als auch in der Vermittlung mit ein.

Um den Ansatzpunkt der vier Entwicklungsdimensionen einmal am Beispiel der ersten Dimension zu verdeutlichen: Hier werden für die Entwicklung entscheidende Prozesse angestoßen, in denen sich die Trainer mit sich selbst in ihrer Rolle als Trainer auseinandersetzen. Also etwa folgende Fragen reflektieren: Was macht mich aus? Wie nehme ich mich selbst wahr und wie werde ich von anderen wahrgenommen? Mit welchen Spielercharakteren komme ich gut klar, mit welchen weniger gut, und warum ist das so? Wie reagiere und wirke ich als Trainer, wenn ich unter Stress gerate? Wo ist mein Platz im Fußball - und wo vielleicht nicht? Über die intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Handeln, der eigenen Wirkung und durch gegenseitiges Feedback wird jeder Einzelne in die Lage versetzt, sich selbst besser zu verstehen, seine individuellen Qualitäten in der Trainerarbeit effektiver einzusetzen und ein Bewusstsein für weitere persönliche Entwicklungsschritte zu entwickeln.

Persönlichkeitsentwicklung im Fokus

Sowohl zahlreiche Gespräche mit Trainern und Experten mit unterschiedlichsten Hintergründen als auch die Erfahrungen der vergangenen Fußballlehrer-Lehrgänge haben gezeigt, dass sich Trainer gerne mit der eigenen Persönlichkeitsentwicklung auseinandersetzen. Die Überzeugung innerhalb der DFB-Akademie ist daher groß, die Persönlichkeit und deren Wirkung in den Rollen als Coach, Führungsfigur und Person des öffentlichen Interesses sowohl in der Auswahl der Trainer als auch in der Ausbildung in den Mittelpunkt aller Überlegungen zu stellen.

Völlig klar ist dabei, dass alle fachlichen und führungsbezogenen Kompetenzen ebenfalls im Detail entwickelt und mit Sicherheit nicht zu kurz kommen werden. Am Ende wird es allerdings nur mit stabilem Selbstbewusstsein und einer klugen Einschätzung und Nutzung der eigenen Qualitäten gelingen, glaubwürdige Führungsstärke zu entwickeln, belastbare Beziehungen aufzubauen und eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich alle Beteiligten wohlfühlen und gleichzeitig maximal leistungsbereit sind. Und nur auf dieser Basis wird es dann im letzten Schritt gelingen, den perfekten Plan überzeugend zu vermitteln und Menschen dazu zu bewegen, ihn konsequent umzusetzen und mit Leben zu füllen.

Einmal im Monat schreiben Expertinnen und Experten der DFB-Akademie im kicker über die vielfältigen Akademiethemen wie Trainerausbildung, Technikschule, Taktikschule, Manager-Zertifikat, Ernährung, neurozentriertes Training oder künstliche Intelligenz. Es geht um Entwicklung und Fortschritt im Fußball - kurzum: "Akademie inside".

Markus Nadler (46) verantwortet als Abteilungsleiter den Bereich Trainer Aus-, Fort- und Weiterbildung beim DFB. In der Abteilung werden Bildungsangebote für Trainer und Experten im deutschen Fußball entwickelt und organisiert.

Daniel Niedzkowski (44) ist Leiter der DFB-Fußballlehrer-Ausbildung und sportlicher Kopf der Trainerausbildung. Zusätzlich ist er Co-Trainer von Stefan Kuntz in der U-21-Nationalmannschaft.