Bundesliga

DFB - Joti Chatzialexiou schlägt Alarm

Der Sportliche Leiter der DFB-Nationalmannschaften schlägt Alarm

Chatzialexiou: "Unsere Jahrgänge haben nicht die Qualität wie in anderen Nationen"

Zum Wegschauen: Die deutsche U 21 kassierte eine 1:4-Pleite in Belgien.

Zum Wegschauen: Die deutsche U 21 kassierte eine 1:4-Pleite in Belgien. picture alliance

Spätestens jetzt lässt sich der schon länger angemahnte Qualitätsabfall im deutschen Nachwuchsfußball plakativ an Ergebnissen ablesen: Die deutsche U 21 von Trainer Stefan Kuntz hat zum zweiten Mal gegen Belgien verloren und droht die EM-Endrunde zu verpassen, die sie 2017 noch gewann und wo sie 2019 im Finale stand. Im kicker-Interview findet Chatzialexiou (44) deutliche Worte und zeigt Wege aus der Krise auf.

Herr Chatzialexiou, die deutsche U 21 verliert zum zweiten Mal gegen Belgien, auch noch klar mit 1:4, die EM-Teilnahme ist in großer Gefahr. Beim DFB scheint sich aber keiner richtig darüber aufzuregen. Warum?

Vermitteln wir das Gefühl?

Ja, den Eindruck konnte man angesichts der Reaktionen am Dienstagabend im Stadion gewinnen.

Natürlich regen wir uns darüber auf. Mich ärgert jede Niederlage. Und unabhängig von der U 21 bin ich mit allen aktuellen Ergebnissen unserer Teams unzufrieden. Die Ergebnisse sind ein Abbild der Entwicklung im deutschen Nachwuchsfußball, da mache ich mir Sorgen. Wir sind bereits lange im Nachwuchsbereich tätig, kennen alle Jahrgänge in- und auswendig, haben viele Vergleiche zu früheren Zeiten und merken einfach, dass sie nicht die hohe Qualität haben wie in einigen anderen Nationen. Wir stehen vor großen Herausforderungen. Wir haben das schon lange erkannt, verändern viele kleine Dinge, müssen aber auch bereit sein, größere Schritte zu gehen.

Was haben Sie konkret erkannt?

Wir sehen, dass andere Nationen Spieler mit einer gewissen Waffe und Stärke entwickeln, die spielentscheidend sein kann und das auch noch in einer größeren Breite. Ich sehe es als unsere Aufgabe an, also meine, die von Meikel Schönweitz (Cheftrainer der U-Mannschaften; d. Red.), unserer Trainer, aber natürlich auch gemeinsam mit den Vereinen, in denen die tägliche Ausbildung erfolgt, Spieler für die A-Mannschaft zu entwickeln, die in der internationalen Spitze nicht nur mithalten, sondern Akzente setzen können. Idealerweise so viele wie möglich, damit Jogi Löw eine breite Auswahl hat.

Wie realistisch ist das unterhalb des aktuellen A-Kaders?

Aktuell ist dieses Ziel äußerst gefährdet, wenn ich mir unsere Spiele und vor allem unsere Art und Weise anschaue. Diese Dinge stimmen mich nachdenklich. Deswegen brauchen wir unbedingt Veränderungen in unserem Ausbildungssystem, im Bereich der Trainerentwicklung, müssen neue Wege gehen. Das alles wird im Projekt Zukunft bereits seit 2018 erarbeitet. Deswegen ärgern wir uns natürlich über ein 1:4 in Belgien, sind aber nicht überrascht, sondern unaufgeregt. Wir sehen unsere Aufgabe darin, langfristig Erfolg zu entwickeln, aber auch unsere aktuellen Mannschaften wettbewerbsfähig zu machen. Hierzu braucht man allerdings eine gewisse Ruhe, nur so kommen wir voran.

Es ist ein entscheidender Unterschied, dass unsere Talente generell zu wenig Spielpraxis bekommen. Damit fehlen ihnen entscheidende Erfahrungen.

Joti Chatzialexiou

Neu ist die Erkenntnis über den Qualitätsabfall gegenüber vergangenen Jahrgängen nicht. Es wirkt so, als ob ein 1:4 gegen Belgien nicht mehr als Blamage wahrgenommen wird, keinen Schock mehr auslöst.

Joti Chatzialexiou

Macht sich Sorgen um den Nachwuchs: Joti Chatzialexiou. imago images

Natürlich fahren wir mit keiner unserer Mannschaften nach Belgien oder sonst wohin und gehen von einer Niederlage aus. Das ist nicht unser Selbstverständnis und so sind wir nicht gestrickt. Aber wichtig ist mir auch, dieses Ergebnis zu relativieren. Der berechtigte Platzverweis war ein spielentscheidender Moment. Bis zur Roten Karte war unsere Mannschaft präsent, ist hoch angelaufen, hat die Zweikämpfe angenommen, war viel konzentrierter als beim 4:1-Sieg gegen Moldau vergangene Woche. Aber, und das ist ein wichtiger Punkt, bei solch entscheidenden Situationen, wie bei der Roten Karte oder kurz zuvor bei einem unnötigen Ballverlust, der fast in eine Großchance der Belgier mündet, waren wir nicht wach. Und das nutzt ein Gegner von internationaler Klasse aus.

Welche Gründe sehen Sie für dieses Verhalten?

Sie werden von mir hier keine Ausreden hören. Weder die Tatsache, dass die Spieler aus der belgischen Liga schon vier Spieltage hinter sich haben noch der unberechtigte Elfmeter sind letztlich die wahren Gründe. Vielmehr ist ein entscheidender Unterschied, dass unsere Talente generell zu wenig Spielpraxis bekommen. Damit fehlen ihnen entscheidende Erfahrungen. Wir müssen nun alle daran arbeiten, dass sie sich entwickeln, wir ihnen die Zeit zur Entwicklung geben und sie in der Zeit reifen.

Was macht im Gegensatz die U 21 der Belgier so stark?

Die Mannschaft hat ein anderes Selbstverständnis als unser Team ausgestrahlt. Das war beeindruckend, mit welcher Art und Weise sie in der zweiten Hälfte gespielt haben - da hatten wir keine Chance mehr. Sie hatten wenige einfache Ballverluste, waren in ihrer Spielanlage stabil, haben die Eins-zu-eins-Duelle meistens gewonnen und sind athletisch unheimlich stark. Das hat mir aus der Sicht eines Fußball-Liebhabers sehr gut gefallen. Da waren Jungs dabei, die in den entscheidenden Momenten dem Druck standgehalten haben und nicht nur körperlich schneller, sondern auch gedankenschneller, intuitiver waren. Bei manchen Belgiern hat man die Phantasie, dass sie irgendwann mal international für Aufsehen sorgen können. Zuvor am Tag habe ich auch das 0:1 unserer U 19 in Belgien gesehen, da war mit Blick auf das individuelle Vermögen der Spieler ein ähnliches Bild zu sehen.

Wir werden Probleme bekommen, wenn wir jetzt nicht aufwachen.

Joti Chatzialexiou

Bei den deutschen Nachwuchsteams fällt es derzeit schwer, bei Spielern eine Weltklasse-Phantasie zu entwickeln. Wie bewerten Sie den aktuellen Zustand der U-Teams beim DFB?

Wir haben weiterhin hohes Potenzial in Deutschland, es liegt aber an uns und unserem System, die Jungs besser zu entwickeln. Wir müssen die Spieler individuell begleiten, ihre vorhandenen Qualitäten fördern und sie in den Mittelpunkt unseres Handelns stellen. Dann bin ich zuversichtlich, dass wir auch in Zukunft wieder um Titel mitspielen können. Auch in der A-Mannschaft. Um die mache ich mir übrigens keine großen Sorgen, da haben wir immer noch genügend tolle Spieler im besten Fußballeralter.

Im Nachwuchs aber nicht.

Ja, was den Nachwuchs angeht, können wir, überspitzt gesagt, jetzt keinen minimalen Aufwand betreiben und maximale Erträge erwarten, diese Rechnung wird nicht aufgehen. Auch wenn wir jetzt mit Corona und vielen anderen Themen zu kämpfen haben, werden wir Probleme bekommen, wenn wir jetzt nicht aufwachen und konsequent handeln. Dann werden uns andere Nationen nicht ein- sondern überholen und dann kostet es uns noch mehr Kraft, Schweiß und finanziellen Aufwand, um die Lücke zu schließen. Wir haben Nachholbedarf, die Lücke ist teilweise schon da, aber noch nicht so groß - wie man zum Beispiel an der A-Mannschaft sieht.

Welche Maßnahmen haben Sie beim DFB bisher getroffen, um den Trend entgegenzuwirken?

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass wir in der jüngeren Vergangenheit noch nie ein solch gutes Miteinander zwischen Vereinen und Verband hatten. Es setzt langsam ein Umdenken ein, dass wir Erfolg nur gemeinsam haben können. Dieses Pflänzchen müssen wir weiterhin gemeinsam pflegen. Wir haben gemeinsam mit der DFL ein Projekt ins Leben gerufen, in dem wir mit unseren Experten in die Vereine gehen und eine gemeinsame Analyse betreiben. Die Themen kommen von den Klubs und wir versuchen gemeinsam Potenziale zu entfalten. Wir kommunizieren auf allen Ebenen unglaublich gut und offen miteinander.

Wir sind in vielen Bereichen derzeit nicht auf dem Niveau, auf dem der weltgrößte Fußballverband sein müsste.

Joti Chatzialexiou

Was ist innerhalb der DFB-Auswahlteams passiert?

Wir haben etwa unsere Trainer-Teams neu aufgestellt, versuchen sowohl Erfahrung als auch Altersexpertise sowie Innovationen zu integrieren. Wir haben einen Drei-Jahres-Rhythmus eingeführt und unser sportliches Leitbild weiterentwickelt. Zuletzt haben wir in unserer Trainingsarbeit das positionsspezifische Arbeiten in den Fokus gerückt, um unsere Talente noch individueller zu begleiten. Nicht zuletzt haben wir die vergangenen beiden Jahre an einer umfangreichen Analyse unseres Systems gearbeitet, wir haben Benchmarking betrieben und uns intensiv mit allen Anspruchsgruppen im deutschen Fußball ausgetauscht, um im 'Projekt Zukunft' fundierte Empfehlungen aussprechen zu können, was wir in unserem System ändern müssen. Hier sind wir weit fortgeschritten und wollen schon bald erste Ideen umsetzen. Je schneller, desto besser. Nur so kommen wir zurück an die Weltspitze.

Welche Rolle spielen Entwicklungen im Ausland? Welche Maßnahmen umfasst das Projekt Zukunft außerdem?

Seit etwa zwei Jahren evaluieren wir intensiv unsere Jahrgänge und die Art, wie wir Fußball spielen. Wir waren mit unserem Team in anderen Ländern, haben uns verschiedene Ansätze und Konzepte angeschaut, um zu schauen, was auch sinnvoll für unser System sein könnte. Wir brauchen ein ganzheitliches Konzept, weil in unserem Gesamtsystem, wo auch viele gesellschaftliche Einflüsse eine Rolle spielen, ganz viele Zahnräder ineinandergreifen. Wir erheben viele Daten, um Trends, Chancen, Entwicklungen und Fehlentwicklungen herausfiltern zu können. Da sind neben den Trainern auch Scouts und Manager eingebunden. Wir sind in vielen Bereichen derzeit nicht auf dem Niveau, auf dem der weltgrößte Fußballverband sein müsste. Unsere Ergebnisse stellen wir unseren Partnern in den Klubs vor und diskutieren mögliche Lösungswege. Fortschritt können wir nur gemeinsam erreichen, eine Institution alleine kann das aufgrund der Größe unseres Landes nicht schaffen. Wir müssen viel investieren und stehen zusammen vor einer großen Herausforderung. Deswegen ist es auch so wichtig, dass die im "Projekt Zukunft" angeregten Maßnahmen flächendeckend umgesetzt werden.

Interview: Carsten Schröter-Lorenz