Bundesliga

Wolfsburgs Torwart-Trainer lobt Koen Casteels: "Er hat keine Schwäche"

Interview mit dem Torwart-Trainer des VfL Wolfsburg

Casteels-Coach Formann: "Wenn wir jedes Spiel 3:1 gewinnen, sind wir alle glücklich"

Sieht bei Koen Casteels keine echte Schwäche: Wolfsburgs Torwarttrainer Pascal Formann.

Sieht bei Koen Casteels keine echte Schwäche: Wolfsburgs Torwarttrainer Pascal Formann. picture-alliance

Rund zweieinhalb Spiele sind es noch bis zum Bundesligarekord von Timo Hildebrand, der im Jahr 2003 im Tor des VfB Stuttgart insgesamt 885 Minuten ohne Gegentor blieb. Herr Formann, zählen Sie als Trainer von Koen Casteels selbst die Minuten?

Nein, das mache ich nicht. Natürlich bekommen wir das auch mit, es ist eine schöne Nebensache unserer Arbeit und letztlich ja auch eine Auszeichnung. Aber ganz ehrlich: Wenn wir bis zum Saisonende jedes Spiel 3:1 gewinnen, dann sind wir alle glücklich.

Ist diese Serie dennoch ein Ausdruck der Klasse von Casteels?

Sie spiegelt sicherlich wider, welch außergewöhnlicher Torwart er ist. Losgelöst von dieser Statistik spielt Koen einfach eine unheimlich gute Saison, macht viele Dinge richtig gut. Nach der Corona-Pause hatte er mal einen kleinen Hänger, mittlerweile ist er wieder top in Form.

Ist er der beste Torwart der Bundesliga?

So lange Manuel Neuer spielt, wird er immer zu den Besten gehören, vom Gesamtpaket gehören aber auch Peter Gulacsi und Koen dazu.

So lange Manuel Neuer spielt, wird er immer zu den Besten gehören, vom Gesamtpaket gehören aber auch Peter Gulacsi und Koen dazu.

Pascal Formann

Casteels hat noch einmal einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht, Pavao Pervan schaffte als VfL-Ersatzkeeper den Sprung zum österreichischen Nationaltorwart. Welchen Anteil daran haben Sie?

Das ist schwer zu sagen. Grundsätzlich glaube ich, dass unsere Arbeit im Team und auch meine Trainings-Philosophie Früchte trägt. Wenn ich sehe, wie sich Pavao seit seinem Wechsel in die Bundesliga entwickelt hat, da können wir schon stolz sein. Alle vier Torhüter, auch Lino Kasten und Niklas Klinger, machen gute Schritte nach vorne.

Sie sprechen von Ihrer Philosophie. Wie sieht die aus?

Ich denke, dass ich sehr akribisch bin, wir haben einen sehr ehrlichen Umgang untereinander, ich lege den Finger schon bei kleinen Details in die Wunde. Ich habe ein großes Faible für die Positionierung beim Torwartspiel, die muss immer passen. Darüber hält ein Keeper aus meiner Sicht einfach viele Bälle.

Sportdirektor Marcel Schäfer sagt, Sie würden für Ihre Torhüter leben. Wie verstehen Sie das?

Die Jungs sind schon meine kleine Zweitfamilie, ich verbringe viel und gerne Zeit mit ihnen. Wir haben ein großes Vertrauensverhältnis, ich würde für sie durchs Feuer gehen. Sie wissen aber auch, dass ich eklig werden kann, wenn sie nicht das zeigen, was ich erwarte.

Wolfsburgs Torwart Koen Casteels

In der Liga seit 667 Minuten ohne Gegentor: Wolfsburgs Torwart Koen Casteels. picture-alliance

Zu beobachten ist, dass Sie eine außergewöhnlich gute Schusstechnik haben. Angeboren oder antrainiert?

Ich habe daran in meinem Leben schon ziemlich hart gearbeitet, die Härte und die Genauigkeit sind mir im Training sehr wichtig. Es sollte nicht sein, dass der Unterschied zum Spiel riesig ist. Ich kann zwar nicht so gut halten wie meine Jungs, in Sachen Schusstechnik bin ich ihnen aber vielleicht sogar voraus (lacht).

In Deutschland saßen Sie mal in Bielefeld auf der Bundesliga-Bank, ansonsten kamen Sie hier über die 4. Liga nicht hinaus. Wie wird man ein Top-Torwarttrainer, wenn man nicht selbst ein Top-Keeper war?

Ich habe mich schon während meiner aktiven Zeit sehr mit der Materie beschäftigt, habe nach links und rechts geschaut, was andere gemacht haben, wie mich meine eigenen Torwarttrainer gecoacht haben. Ich habe Dinge ausprobiert, sie in meine Philosophie eingebaut oder auch wieder verworfen. Das ist ein ständiger Prozess, der nie aufhören wird. Da hole ich mir auch immer wieder Rückmeldungen von den Keepern, die ich trainiere.

Auch von VfL-Geschäftsführer Jörg Schmadtke, der ja schließlich auf eine Torwartkarriere in der Bundesliga zurückblicken kann?

Auf jeden Fall. Es kommt schon vor, dass ich mal in seinem Büro bin und wir über die Dinge reden. Das ist ein guter Austausch, er kann mir da auch eine sehr gute Hilfe sein, weil er im Gegensatz zu mir auf ganz hohem Niveau gespielt hat. Seine Tipps sind mir wichtig, er lässt mich aber auch machen, weil er das Vertrauen hat.

Im Jahr 2000 sind Sie mit 17 vom MSV Duisburg zu Nottingham Forest gewechselt und verbrachten fünf Jahre in England. Wie lehrreich war diese Zeit?

Enorm lehrreich, sowohl sportlich als auch persönlich. Ich hatte ein Jahr zuvor schon die Möglichkeit, zum FC Chelsea zu wechseln, da habe ich dann aber vor der Unterschrift weiche Knie bekommen. In Nottingham war dann alles sehr familiär, ich habe viel gelernt. Auch wenn ich nicht den Schritt zu einer Profikarriere geschafft habe. Aber ich erinnere mich noch an Spiele im Youth Cup gegen Manchester United oder den FC Everton mit Wayne Rooney im Sturm. Das war eine tolle Zeit. Bevor ich 2013 als Trainer in den Nachwuchsbereich des VfL Wolfsburg gewechselt bin, hatte ich auch schon ein Jahr als Torwarttrainer bei Charlton Athletic gearbeitet. Vielleicht zieht es mich auch irgendwann mit meiner Familie noch mal zurück nach England.

"Eine richtige Schwäche hat er definitiv nicht"

Ex-Bundesligakeeper Roman Weidenfeller, der nun als Fernsehexperte für RTL arbeitet, sagte kürzlich, die Torhüter in Deutschland würden falsch trainiert werden, es würde zu großer Wert auf das Fußballerische gelegt, die Grundlagen würden vernachlässigt. Hat er Recht?

Ich finde es kompliziert, wenn Ex-Keeper aus der Ferne beurteilen, wie in heutiger Zeit die Torhüter trainiert werden. Dennoch kann man sicher über diverse Dinge diskutieren. Ich habe schon das Gefühl, dass man durch die vielen Daten und Analysen, die mittlerweile im Fußball eine Rolle spielen, zu häufig vom Platz weggeht in der Arbeit. Für mich bleibt entscheidend, dass auf dem Platz möglichst spielnah trainiert wird, dass ich als Trainer versuche, Szenen zu kreieren, die auch am Samstag vorkommen können. Das darf nicht verloren gehen. Hilfsmittel können wichtig sein, aber auch für uns Torhüter gilt: Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Entscheidend ist heute wie schon vor 20 Jahren: Der Stürmer ist dafür da, dass er Tore schießt. Und der Torwart, dass er die Bälle hält. Natürlich sind mittlerweile auch fußballerische Aspekte für einen Keeper ganz wichtig. Ich bin in der glücklichen Lage, dass Koen Casteels alles mitbringt.

Hat er überhaupt Schwächen?

Eine richtige Schwäche hat er definitiv nicht. Aber man kann immer an jedem Detail arbeiten, in jedem Bereich immer noch ein bisschen besser werden. Aber da reden wir wirklich von Nuancen.

Zum Abschluss: Sie tragen auch den gesamten Winter über während der VfL-Spiele kurze Hose. Ist das ein Spleen oder Aberglaube?

Von beidem sicherlich auch etwas. Aber mich würde allein beim Aufwärmen der Torhüter eine lange Hose schon stören. Außerdem spüre ich an den Beinen auch im Winter keine Kälte - zudem haben wir auf der Bank eine Sitzheizung (lacht).

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