Nationalelf

Wohin, deutscher Fußball? Flick stellt die Weichen neu

Der neue Bundestrainer verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz

"Brutal offen": Wie Flick die Kultur im DFB-Team verändert

Der Fokus ist nun ein anderer: Hansi Flick.

Der Fokus ist nun ein anderer: Hansi Flick. imago images/Pressefoto Baumann

Statistisch ist die Eingangstrilogie unter der Regie des neuen Bundestrainers Hansi Flick gelungen. Für drei Siege, neun Punkte und 12:0 Tore gab es zunehmend Applaus, nachdem die zähe 2:0-Premiere gegen Liechtenstein das zuletzt gewohnte Entsetzen über die Nationalmannschaft noch verfestigt hatte. Selbst gegen den mit viert- und drittklassigen Spielern aufgestellten 188. der Weltrangliste hatte sich ein Mangel an Ideen, Dribblings und einem echten Mittelstürmer gegen eine hinten eingekapselte Elf hinderlich ausgewirkt, ehe die 6:0-Vorstellung im zweiten Teil gegen Armenien plus der 4:0-Schlussakt in Island die trübe Stimmung erhellten.

Flick, die personifizierte Aufbruchstimmung

Also spricht Flick, 76 Kilo personifizierte Aufbruchstimmung, in bester Laune über seine ersten Aktivitäten als DFB-Chefcoach. Wie in gleicher Hauptrolle beim FC Bayern ignoriert er sein Ego und redet permanent von seinem Trainerteam, das nonstop unterwegs ist, London, Paris, Turin, in den Bundesliga-Arenen sowieso.

Um sich über den Istzustand seiner Auserwählten zu informieren, pflegt Flick mit den Kollegen in den Klubs den persönlichen Austausch, im Ausland mit dem deutschen Trainer Tuchel (FC Chelsea) genauso wie mit dem Spanier Guardiola (ManCity) oder dem Argentinier Pochettino (Paris). Im Inland sind sämtliche 18 Bundesliga-Trainer seine Gesprächspartner. Da wird eine neue Verbaloffensive praktiziert.

Bundesliga-Trainer sollen sich "mit Anregungen einbringen"

Leroy Sané erhielt Rückendeckung von Hansi Flick.

Leroy Sané erhielt Rückendeckung von Hansi Flick. imago images/Sportfoto Rudel

Als "brutal offen" erlebt Frank Kramer den jetzigen obersten DFB-Trainer. Obwohl der Coach in Bielefeld mit keinem aktuellen deutschen Nationalspieler dienen kann, wurde er von Flick dazu ermuntert, "dass wir uns mit Anregungen einbringen". Ein anderer, sehr erfahrener Bundesliga-Trainer sagt begeistert, ihn habe zuvor noch nie ein Nationaltrainer angerufen, auch im Ausland nicht. Rundum erfährt Flicks proaktive, integrative Art hohe Akzeptanz. So besprach er mit seinem Nachfolger in München, Nagelsmann, Sanés Versetzung auf den linken Flügel oder mit Rose in Dortmund den Umgang mit dem lädierten Reus. Als Sané im zweiten Saisonspiel gegen Köln ausgepfiffen wurde, stärkte ihn Flick sofort mit einem Anruf, den ebenso Nachwuchstalent Musiala kürzlich nach seiner Verletzung erhielt. Der Junge staunte nicht schlecht.

Mit diesen veränderten Umgangsformen ist Flick um eine neue Kultur bemüht: Kommunikativ, kooperativ, kollektiv soll sie sein. Er verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz. Flick will alle mitnehmen, die Nationalmannschaft und der deutsche Fußball insgesamt sollen zum gesamtpatriotischen Auftrag werden. Alle mögen sich verantwortlich fühlen für den gemeinsamen Erfolg, die Trainerkollegen in den Vereinen, jeder Akteur auf dem Platz ohnehin. Schon bei seiner Präsentation eröffnete Flick allen Spielern die Chance zur Aufnahme in seine Elite, allein die Leistung zähle, sonst nichts.

Wir dürfen nicht aufeinander deuten, hier die Vereine, dort der DFB und umgekehrt. Wir müssen miteinander reden.

Hansi Flick

Genauso will er die gesamte Liga einbeziehen. Nach dem Gespräch mit dem kicker betont er, schon im Gehen, noch einmal, "weil es mir so wichtig ist: Wir dürfen nicht aufeinander deuten, hier die Vereine, dort der DFB und umgekehrt. Wir müssen miteinander reden".

Zu diesem Ensemble gehören auch die Trainer auf den U-Nebenschaubühnen. Flick hat die Auswahl des Nachfolgers für Stefan Kuntz entscheidend beeinflusst. Drei Kandidaten kamen in die Endausscheidung, Antonio Di Salvo erhielt den Zuschlag, mit dem Routinier Gerland beratend an seiner Seite. Es ist ein großes Erbe, Kuntz geht als zweimaliger Europameister der U 21.

Ewig lockt die Bundesliga

Die besten Trainer des Landes sollten für den Verband arbeiten, hat Oliver Bierhoff, dort Direktor, vor Jahren formuliert. Namen wie Sebastian Kehl, Miroslav Klose, Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm oder Per Mertesacker fielen. Von diesem Anspruch ist der DFB weit entfernt. Vormalige Bundesligatrainer wie Baum oder Wolf kehrten nach Kurzengagements im U-Bereich sofort in den Profifußball zurück (Wolf nun wieder zum DFB). Kramer wechselte in den Jugendbereich nach Salzburg, wegen der Aussicht auf eine bessere Fortbildung. Heute ist er Chef in Bielefeld.

Ewig lockt die Bundesliga, hier läuft die große Show. Tägliche Herausforderung und Öffentlichkeit reizen mehr als die Hintergrundarbeit im Verband. Und ein U-Coach beim DFB bewegt sich im Schnitt finanziell auf mittlerem oder unterem Zweitliganiveau.

DFB-Manager Bierhoff preist gerne die künftige DFB-Akademie. Doch dieser Prachtbau muss mit Inhalten angereichert werden. Für eine gemeinsame Spielidee gebe es schon jetzt gute Leitlinien, die aber von den U-Trainern individuell im Zickzackkurs umgesetzt würden, finden Insider: Der eine verlange bevorzugt Ballbesitz, der andere eher Dynamik nach vorne.

Weg von der Hispanisierung des deutschen Fußballs

Flick predigt ein neues Muster. Die Zeit der Hispanisierung des deutschen Fußballs mit "Pass, Pass, Pass bis zur Langeweile" soll vorbei sein. Ballkontrolle ja, aber in jeder Aktion mit offensivem Bestreben. Mentalität, Intensität, Aktivität, Kreativität, Qualität, Professionalität heißen die jetzt gültigen Parameter. Von baldigen Glanztaten des A-Teams beflügelt, soll der deutsche Fußball nach dem Absturz 2018 zu neuen Höhenflügen abheben. Bierhoff propagierte schon nach der peinlichen WM 2018 die Rückkehr in die Weltspitze, jetzt tut er es wieder, Flick ebenso.

Kapitän Neuer nennt den WM-Gewinn 2022 als Ziel, Flick widerspricht nicht.

Bei der EM im Sommer schied die DFB-Elf schon im Achtelfinale aus.

Karlheinz Wild

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