WM

Brasiliens Sturm: Bis auf Neymar ein laues Lüftchen

Offensive macht dem Gastgeber Sorgen

Brasiliens Sturm: Bis auf Neymar ein laues Lüftchen

An ihm scheiden sich die Geister: Angreifer Fred wird von Felipe Scolari aber weiter protegiert.

An ihm scheiden sich die Geister: Angreifer Fred wird von Felipe Scolari aber weiter protegiert. Getty Images

Brasilien hat in vorderster Front schon bessere Tage erlebt. Im Mittelpunkt der Kritik war freilich der Auftritt von Fred, der kaum am eher ernüchternden Spiel gegen Mexiko (0:0) teilnahm und, wenn er nicht trifft, sowieso gerne zur Zielscheibe von Spott und Häme wird. Zu unbeweglich, zu unbrasilianisch sei der 30-Jährige von Fluminense Rio de Janeiro, heißt es gemeinhin.

Auch sein Ersatzmann Jo, der in der Schlussphase eingewechselt wurde, wirkt eher untypisch für einen Fußballer vom Zuckerhut. Beide sind der Typus Brecher und Stoßstürmer, für ihre filigranen Fähigkeiten sind sie nicht bekannt.

Weltmeisterschaft - Vorrunde, 2. Spieltag
Weltmeisterschaft - Tabelle - Gruppe A
Pl. Verein Punkte
1
Brasilien Brasilien
4
2
Mexiko Mexiko
4
3
Kroatien Kroatien
3
Trainersteckbrief Scolari
Scolari

Scolari Luiz Felipe

Brasilien - Vereinsdaten
Brasilien

Gründungsdatum

01.01.1914

Freds entlarvender Scherz

"Es wäre für mich ein Traum, mal ein Tor zu machen, nachdem ich fünf Gegner ausgespielt habe. Aber das vergesse ich besser. Das ist unmöglich", scherzte Fred, bürgerlich Frederico Chaves Guedes, über seine überschaubaren technischen Voraussetzungen - und traf damit so ziemlich genau den Nagel der Kritik auf den Kopf. Denn für das (eigentlich typisch brasilianische) Spektakel ist ein anderer zuständig: Superstar Neymar. Alle Hoffnungen und noch viel mehr Last ruhen auf dem 22-Jährigen vom FC Barcelona, er muss die Offensive im Grunde alleine tragen. Bezeichnend, dass er gegen Mexiko die zwei größten Tormöglichkeiten hatte.

Tippen und gewinnen

Doch Neymar "kann kein Spiel allein gewinnen oder verlieren. Er ist Teil der Gruppe", erklärte Nationalcoach Luiz Felipe Scolari. "Felipao" erkannte dieses Malheur richtig, ist aber selbst dafür verantwortlich. Denn wer das Spielermaterial anschaut, das dem Trainer zur Verfügung steht, kann ins Zweifeln geraten, ob das für den Titel reichen wird. So ließ Scolari beispielsweise den pfeilschnellen und dribbelstarken Rechtsaußen Lucas Moura von Paris St. Germain genauso zuhause wie den kreativen Spielgestalter Philippe Coutinho vom FC Liverpool.

Stattdessen versucht sich Hulk mehr schlecht als recht auf der rechten Außenbahn, wo er mit seinem starken linken Fuß den Abschluss suchen soll - und bisher aber, ähnlich wie schon beim Confed Cup 2013, enttäuschte. Zuletzt gegen Mexiko wurde er nicht einmal mehr eingewechselt. Hier agierte Chelseas Ramires auf der Position; ein Spieler, der für seine Athletik und Zweikampfstärke bekannt ist, nicht für seinen offensiven Esprit. Auch Ramires war gegen Mexiko wirkungslos und blieb zur Pause in der Kabine.

Scolari schützt sein Team und bläst zum Gegenangriff

Auf ihm liegt beinahe die gesamte Sturmlast: Superstar Neymar ist der gefährlichste Angreifer Brasiliens.

Auf ihm liegt beinahe die gesamte Sturmlast: Superstar Neymar ist der gefährlichste Angreifer Brasiliens.

Derweil gehen Fred und Jo in der Mitte die Zuspiele ab - ohne diese sind die beiden wirkungslos. Von der eher auf Sicherheit bedachten Doppelsechs Paulinho und Luiz Gustavo können Ideen aber nicht unbedingt erwartet werden. Der nominelle Spielmacher Oscar ackert und ist stets bemüht, für kreative Momente aber auch nicht sonderlich bekannt. "Wir werden daran arbeiten, noch torgefährlicher zu werden", ist sich Scolari der Misere im Sturm bewusst.

Kritische Fragen zu seinem Personal konterte der Coach der Seleçao jüngst dünnhäutig - und angriffslustig: "Fragen sie mich wirklich, ob ich an meine Spieler glaube? Ich arbeite mit dem Team und stelle auf, wen ich will. Ihr könnt euch eine eigene Aufstellung ausdenken", rief er den brasilianischen Medienvertretern zu, als diese seine Berufungen hinterfragten.