Bundesliga

Herthas Fredi Bobic über die Rettung, Magath und Boateng

Herthas Geschäftsführer über die Rettung, Magath, Boateng und Störgeräusche

Bobic: "…sonst belügen wir uns alle selbst"

Viel Stress aber auch viel Optimismus: Fredi Bobic

Viel Stress aber auch viel Optimismus: Fredi Bobic IMAGO/Hübner

Die ausgelassene Stimmung der Profis am späten Montagabend auf dem Rasen und in den Katakomben des Hamburger Volksparkstadions verfolgte Fredi Bobic eher ruhig. Nach Abpfiff des mit 2:0 gewonnenen Relegationsrückspiels ging er allein über den Rasen, die Bühne - vor der Kurve und den Mikrofonen - überließ er den Profis. Der Europameister von 1996 ist seit fast genau einem Jahr als Geschäftsführer im Amt - und mit eineinhalb blauen Augen aus seiner Premieren-Saison als Hertha-Verantwortlicher herausgekommen. Klar ist: Der frühere Stürmer, der vor Jahresfrist antrat, um Hertha sportlich voranzubringen und strukturell umzubauen, will weiter angreifen. Am Dienstag sprach Bobic in einer Medienrunde über…

…das Relegationsrückspiel beim HSV: "Gestern war ein Tag, der sehr speziell war und uns alles abverlangt hat von der Kraft her, auch schon mit dem, was wir seit Donnerstag (der 0:1-Hinspielniederlage, Anm. d. Red.) reingelegt haben. Die letzten Wochen waren zehrend für alle Beteiligten. Wir sind von Matchball zu Matchball gestolpert und haben nicht verwandelt. Nach der Heimniederlage gegen den HSV haben wir alle Kräfte gebündelt, um die Jungs nochmal klarzukriegen vom Kopf her. Die Mannschaft hat gestern eine hervorragende Visitenkarte von sich gezeigt - mit einem anderen Gesicht, das wir in der Form so vielleicht nicht gekannt haben und das ich mir immer gewünscht habe: diesen Zusammenhalt, diese Leidenschaft in ein Spiel zu bringen und richtigen Männerfußball zu spielen und sich jeden Schmerz abzuverlangen und den Willen zu haben, diese Tore machen zu müssen. Es war ein sehr, sehr schöner Abend, aus dem wir viel Positives mitnehmen können in einer sehr schweren Situation. Es war sehr viel Druck auf uns und das Gefühl, dass uns die meisten straucheln sehen wollen."

…die Rettung: "Wir dürfen uns darüber freuen, was gestern unter diesen Umständen geschafft worden ist. Das sollten wir mitnehmen in die nächste Spielzeit. Aber wir freuen uns nicht über die Saison."

"Dass er bleibt, war nie ein Thema"

…Felix Magath:  "Wir sind ein bisschen belächelt worden, als wir ihn geholt haben. Aber ich hatte die Überzeugung. Was Felix in seiner Zeit bei uns reingehauen hat, war sensationell. Er hat es vielen Kritikern nochmal bewiesen. Wir sind nicht aus der Bundesliga abgestiegen und er auch nicht. Dass er (über die Saison hinaus, Anm. d. Red.) bleibt, war nie ein Thema. Es war klar: Wir machen es für diese Zeit. Er war sehr dankbar, dass er den Job übernehmen konnte. Und ich bin ihm sehr dankbar, dass er ihn genauso abgeschlossen hat, wie wir uns das vorgestellt haben."

…die Mitsprache der Führungsspieler bei Aufstellung und Taktik vorm Spiel in Hamburg: "Das ist hier keine One-Man-Show. Wir reden gemeinsam über viele Dinge, die Mannschaft untereinander, mit Felix Magath, auch ich. Und manchmal reden wir auch über Aufstellungen. Das gehört dazu: dass man in geschlossenen Räumen ein offenes Wort führen kann. Wichtig ist, dass die Jungs geliefert haben."

Kevin-Prince Boateng (re.)

Leader auf und neben dem Platz: Kevin-Prince Boateng (re.). IMAGO/Revierfoto

…Kevin-Prince Boateng: "Prince war die rechte Hand auf dem Platz und hat für Ordnung gesorgt. Darum ging es und nicht darum, wie viele Sprints er machen kann und wo er drei, vier Leute ausspielen kann. Das wird er nicht mehr machen. Aber die Ruhe zu haben, die Leute zu steuern - das war seine Hauptaufgabe gestern und die hat er in unfassbaren 88 Minuten erledigt. Da hat man gesehen, was es heißt, Herz, Mentalität und den Kopf dafür zu haben. Das war sehr, sehr wichtig. Das ist uns in dieser Saison oft abgegangen."

Dann sind alle, die immer laut waren und hintenrum gequatscht haben, plötzlich stumm. Weil sie auch gern mit dabei sein wollen.

Fredi Bobic

…seine Bilanz nach einem Jahr Hertha: "Natürlich reflektiert man sich immer selbst. Danach zu quatschen, ist immer einfach. Aber die Entscheidung im jeweiligen Moment zu treffen, ist etwas anderes. Als ich kam, mussten wir einige wirtschaftliche Vorgaben umsetzen, die nicht einfach waren (Bobic musste im Transfersommer 2021 einen Überschuss erwirtschaften, Anm. d. Red.). Aber gestern waren sechs von elf Spielern in der Startelf Neuzugänge, angefangen beim Torwart. Und sie haben geliefert und gezeigt, welche Qualität sie besitzen. Wir haben sie nicht in ein Fundament eingliedern können, wie man sich das vorstellt. Aber wir haben im Umfeld der Mannschaft und auch in der Akademie viele Meilensteine setzen können, die du nicht messen kannst. Die werden greifen, da bin ich mir sicher. Wir werden das weiter noch verfeinern, auch mit dem neuen Trainerteam, das kommt. Der Fußball ist der Motor in einem Verein. Und unsere Aufgabe wird sein, dass der Motor funktioniert. Und wenn er funktioniert, ziehst du alle mit. Dann sind alle, die immer laut waren und hintenrum gequatscht haben, plötzlich stumm. Weil sie auch gern mit dabei sein wollen."

"Das war absolut katastrophal"

…die Gründe für Platz 16: "Mit dieser Mannschaft hätte man auch auf einem anderen Tabellenplatz landen können. Das haben wir nicht geschafft, weil wir vor allem in der Rückrunde viele Probleme hatten. Wir hatten nach der Hinrunde 21 Punkte. Dann haben wir eher in die Zukunft investiert (im Winter kamen Kempf, Lee, Björkan und Nsona, Anm. d. Red.). Was dann in der Rückrunde die ersten zehn, zwölf Spiele war, war natürlich von den Ergebnissen her absolut katastrophal. Es haben viele Faktoren eine Rolle gespielt, auch gruppendynamische Effekte, die negativ liefen. Ich kenne die Mannschaft, ihr direktes Umfeld und den ganzen Klub jetzt in allen Lebenslagen. Wir hatten nie Ruhe und nie ein Fundament. Ich habe versucht, diese Ruhe auf alle auszustrahlen. Das ist leider nicht gelungen. Wir haben es nicht geschafft, eine Mannschaft zu werden. Das hat die Mannschaft selbst eingesehen. Nach dem Wechsel zu Felix Magath ist sie enger zusammengerückt."

"Es gab ein paar Brandbeschleuniger"

…die Störgeräusche: "Mein Credo war immer, dass einem Traditionsverein Bewegung gut tut. Dass man sich selbst überprüft und sich fragt, ob man auf dem richtigen Weg ist. Aber diese Geräuschkulisse, die hier von außen reinkam und die intern noch gestreut wurde, und dass wir uns alle echt so verdammt schwer tun, einen Weg zu finden, und diese Tiefe der Probleme - dass es so ist, habe ich nicht mal ansatzweise gedacht. Dass es Probleme gibt, war klar. Das sieht man ja auch an der Performance der letzten Jahre. Aber es gab dann wirklich noch ein paar Brandbeschleuniger. Das hilft einem Verein nicht. Das jetzt war der letzte Wink an alle im Verein und im Umfeld, um zu überdenken, wie man zu Hertha BSC steht. Wir müssen aufpassen und klar sein und uns untereinander committen. Wir können untereinander kritisch sein, aber wir dürfen nicht in der Öffentlichkeit nur übereinander reden, wir müssen miteinander reden. Das wird viel Kraft kosten, aber ich habe die Kraft, alles daranzusetzen, dass wir das gemeinsam schaffen."

…den vorzeitigen Abschied von Finanzgeschäftsführer Ingo Schiller: "Dass er nach langer Zeit von Bord geht, finde ich schade. Wir hatten Carsten Schmidt letzten Herbst (der Vorsitzende der Geschäftsführung schied im Oktober 2021 aus, Anm. d. Red.). Ich werde jetzt öfter gefragt: Fühlst du dich allein? Nein, ich fühle mich nicht allein. Wir werden das auffangen. Und dann steckt auch eine Chance darin."

"Da kommst du ja nie weiter"

…den Unterschied zwischen Berlin und seiner vorherigen Station Frankfurt: "Ich habe in Frankfurt das Grundsätzliche, das Fundament vorgefunden. Heribert Bruchhagen hat mir einen Verein übergeben, der stabil war, vielleicht ein bisschen langweilig für den einen oder anderen, aber stabil. Dann arbeitest du mit den Menschen zusammen, veränderst auch Dinge und versuchst, die Menschen mitzunehmen. Und wenn die Mitarbeiter mitgehen wollen, dann kannst du sowas erreichen. Das schaffst du allein nicht. Deshalb habe ich bei Hertha immer gesagt: herkommen, Hand auflegen - so funktioniert es nicht. Hier sind zu viele negative Dinge passiert. Daraus müssen wir schnell lernen. Ich hatte in Frankfurt mit Wolfgang Steubing jemanden im Aufsichtsrat, der mir vier Jahre den Rücken ohne Ende gestärkt hat. Ich konnte nicht schalten und walten, wie ich wollte, sondern unter Kontrolle. Aber ich hatte die Freiheiten. Ich hab‘ mich auch gestritten, aber das ist alles intern passiert. Wir sind da mit Kontinuität den Weg durchgegangen. Wichtig ist, dass man sehr kritisch miteinander umgeht und Dinge aus Überzeugung macht und nicht immer nur darauf guckt, wie man selbst rauskommt und wem man den Schwarzen Peter zuschieben kann, wenn etwas nicht funktioniert. Diese Mentalität ist eine Voll-Katastrophe. Da kommst du ja nie weiter. Das muss mal aufhören, auch hier. Sonst belügen wir uns alle selbst. Ich kenne Hertha jetzt in- und auswendig. Ich bin überzeugt, dass ich hier die Schritte gehen kann. Aber es müssen alle mitmachen."

Ich erwarte ein klares Committment zum Verein, ganz einfach.

Fredi Bobic über Lars Windhorst

…über die Mitgliederversammlung am Sonntag: "Die Frage wird sein, welche Mischung kommt. Ist Krawall das Erste - oder Sachlichkeit und Nüchternheit und eine normale Debatte? Wichtig ist, dass die Kritik sachlich und strukturiert ausgetragen wird und nicht polemisch und populistisch. Das braucht kein Mensch. Ich weiß, dass das manchmal schwierig und Wunschglauben ist. Hertha ist nicht mein erster Traditionsverein. Es ist wichtig, dass die Mitglieder wissen: Wir brauchen Handlungsfähigkeit. Die Mitglieder haben da auch eine gewisse Fürsorgepflicht, dass wir mit Hertha BSC mal in ruhigere Gewässer kommen. Wenn wir uns an der einen oder anderen Position anders aufstellen müssen, wäre es gut, wenn das nach bestmöglichem Wissen und Gewissen passiert. Aber das haben die Gremien zu entscheiden. Am Mittwoch ist Präsidiumssitzung, da bin ich dabei und freue mich. Da werden wir sicher über viele Dinge sprechen. Am Ende des Tages ist immer Hertha BSC das Wichtigste - und die Handlungsfähigkeit des Vereins."

…seine Erwartung an Investor Lars Windhorst, der am Sonntag erstmals zu den Mitgliedern sprechen will: "Ich erwarte ein klares Committment zum Verein, ganz einfach - und eine Fürsorgepflicht gegenüber dem Verein, auch von seiner Seite für Ruhe zu sorgen."

…die Planung: "Es geht darum, noch genauer hinzuschauen, damit wir in Zukunft nicht in so eine Situation kommen. Klar ist, dass von den zehn Leihspielern nicht alle zurückkommen werden. Mit Arne Maier (wechselt fest zum FC Augsburg, Anm. d. Red.) ist der Erste von Bord gegangen. Da werden noch einige folgen. Und wir werden versuchen, uns so schnell wie möglich den einen oder anderen Neuzugang zu sichern. Wir waren wegen der Relegation ein bisschen im Hintertreffen. Wir haben sehr viel vorgearbeitet - für beide Szenarien. Und jetzt haben wir eine Entscheidung. Im negativen Fall hätten wir einen verdammt großen Zeitdruck gehabt. Der ist jetzt nicht ganz so groß."

"Aktuell ist keiner unverkäuflich"

…die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen: "Wir müssen einen größeren Transferüberschuss machen. Aber das war letztes Jahr auch so. Davor habe ich keine Angst. Aktuell ist bei uns keiner unverkäuflich, das muss man ganz klar sagen. Und man muss auch sagen: Die Gehaltskosten waren zu hoch für das, was am Ende unterm Strich stand. Es geht nicht um Totsparen, nicht mal ansatzweise. Trotzdem müssen wir genau draufschauen. Wir wissen nicht, wann der nächste Winter kommt."

…den Planungsverzug durch die Relegation: "Natürlich ist der eine oder andere ablösefreie Spieler inzwischen vom Markt. Aber es sind immer noch genug Spieler da, die auf dem Markt sind und die wir im Auge haben."

…den Markt: "Wir Deutschen versuchen, immer alles sehr schnell hinzubekommen. Die südeuropäischen Ligen und England gehen jetzt erstmal alle in den Urlaub. Es wird ein sehr, sehr langer Sommermarkt. Auch wenn die Bundesliga schon läuft, wird noch sehr viel Bewegung sein."

Neuer Hertha-Trainer schon in den kommenden Tagen

…die Trainersuche: "Ich bin sehr, sehr weit mit den Gesprächen, die wir geführt haben. Man kann sich sicher sein, dass wir in den nächsten Tagen einen Trainer vorstellen werden."

…das Profil des neuen Trainers: "Er muss Persönlichkeit mitbringen, das Feuer, für Hertha BSC alles zu tun auf dem harte Weg, den wir gehen. Er muss strukturiert arbeiten können und für eine Art Fußball stehen, den ich dann sehen möchte. Ich möchte einen aggressiven Fußball sehen, eher nach vorn gerichtet als nach hinten. In der Vergangenheit war der Hertha-Fußball sehr passiv. Natürlich ist die Idee, dass wir es irgendwann hinbekommen, dass die Mannschaft aktiver ist, viel höher steht und mehr presst. Gestern hat man gesehen: Es ist möglich, so etwas zu tun und aktiver zu sein. Es war nur der HSV und nicht der FC Bayern, aber es ist möglich. Das hat mir in dieser Saison gefehlt: die Art von Fußball, die ich am meisten liebe."

Aufgezeichnet von Steffen Rohr

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