Bundesliga

Hertha-Manager Fredi Bobic über Kader, Olympia und Transfers

Herthas Geschäftsführer über den Kader, Olympia und den Markt

Bobic: "Du musst wie ein Chamäleon sein"

Hat mit Hertha viel vor: Herthas Geschäftsführer Fredi Bobic.

Hat mit Hertha viel vor: Herthas Geschäftsführer Fredi Bobic. imago images

Netzwerker, Kommunikator, Stratege fürs Kernressort Sport: Fredi Bobic, seit 1. Juni in Berlin im Amt, soll bei Hertha nichts weniger als eine Ära prägen. Er führt in diesen Tagen und Wochen unzählige Gespräche, manchmal im Vorder-, oft im Hintergrund, extern und intern in einem Klub, in dem thematisch und personell gerade viel in Bewegung ist.

Eine vielköpfige Crew arbeitet ihm zu, darunter neben Sportdirektor Arne Friedrich auch die neu verpflichteten Dirk Dufner (Direktor Kadermanagement), Sebastian Zelichowski (Technischer Direktor Sport) und Babacar Wane (Chefscout). Bei Bobic laufen die Fäden zusammen. "Ich bin stolz auf das Team um mich herum, das es mir sehr einfach macht", sagt der Europameister von 1996. "Das kannst du alleine alles gar nicht mehr schaffen. Aber die Strategie vorzugeben, das macht mir Spaß."

Am Montag sprach Fredi Bobic über ... 

… die Auswirkungen der Investoren-Zahlung auf die Kaderplanung: "Ich arbeite mit dem Budget, das da ist. Ich bin weit weg davon, unnötig viel Geld auszugeben, nur weil welches da sind. Einige vergessen, dass wir noch ein, zwei Jahre an Corona knabbern werden. Dass ich viele Dinge drehen muss, ist völlig klar. Ob das Verkäufe, Leihen oder Einkäufe sind: Da musst du wie ein Chamäleon sein, dich immer der Situation anpassen. Das Wichtigste für mich ist, sich die Jungs anzuschauen, die Berater abzuholen. Wer hat Sorgen, wer fühlt sich wohl, wer denkt an eine Luftveränderung? Grundsätzliche Gedanken haben wir natürlich. Nach Matteo Guendouzis Abgang mussten wir auf der Position schnell was machen, das haben wir mit Suat Serdar umgesetzt. Prince Boateng haben wir geholt, nachdem Sami Khedira aufgehört hat. Dann waren diese Löcher erstmal geschlossen."

… den Transfermarkt: "Er schläft fast ein. Die EM läuft noch. Während des Turniers bekommst du jeden Spieler angeboten, der mal den Ball getroffen hat. Da ist ganz spannend, aber da muss man auch nicht gleich zuschlagen. Die Großen kommen noch, und die Engländer haben noch gar nicht angefangen. Die werden vielleicht erstmal ihren EM-Triumph feiern und dann nach zwei Wochen wach werden. Ich rechne mit einem spannenden August. Dann kommen dann oft Spieler um die Ecke, mit denen du gar nicht rechnest. Zu früh bringt dir nichts, weil sich noch nichts bewegt. Bei Suat Serdar war es einfach. Du weißt, woher du ihn holst. Du weißt, wie viel du ungefähr ausgeben musst. Du weißt, wie der andere Verein dasteht. Diese Chance musst du nutzen. Natürlich hätten wir noch sechs Wochen warten können, dann hätten wir vielleicht noch ein bisschen was runterhandeln können, aber dann wäre Suat wahrscheinlich bei einem anderen Verein. Es gab genug Anfragen für ihn. Es geht Zug um Zug, ein bisschen wie beim Schach."

Er schläft fast ein. Die EM läuft noch. Während des Turniers bekommst du jeden Spieler angeboten, der mal den Ball getroffen hat.

Fredi Bobic über den Transfermarkt

… den Kader: "Wir sind ja überall besetzt. Sollten uns Spieler verlassen, werden wir schnell reagieren. Aktuell macht es keinen Sinn, den Kader zu überfüllen. Wir können keine 40 Spieler im Kader haben. Jeder Verein möchte Spieler geschenkt haben, aber selbst viel Geld bei einem Verkauf bekommen. Es ist sehr kompliziert. Der Vorteil für mich ist, dass wir vier Wochen Vorlauf hatten und einige Dinge anschieben konnten. Wir werden sehen, was davon spruchreif wird. Wir wissen genau, was wir machen können und was wir machen sollten. Aber dann ist es immer noch ein Weg. Diese Mannschaft ist nicht schlecht, da ist Qualität drin. Wenn du fünf Trainer in zwei Jahren hast, muss ich auch die Spieler in Schutz nehmen. Bei so einer Geschichte kannst du dich nicht entwickeln. Wie willst du dann eine Konstanz hinbekommen? Natürlich haben die Jungs nicht performt, aber das hatte viele Gründe. Die Trainerposition ist die wichtigste, und wenn du da so viele Wechsel hast, dann ist es schwierig. Zum Schluss haben sie gezeigt, dass sie zusammenhalten können. Das ist das Wichtigste, miteinander Mentalität zu zeigen. Das zeigt uns auch die EM: Du musst brennen. Ich sehe bei den Italienern keine elf Superstars, die Mannschaft ist ein Superstar, deswegen sind sie so gut. Das sind schöne Beispiele, die auch die Jungs sehen und die man ihnen vermitteln kann, um zu zeigen, was wichtig ist."

Riesenlob für Dardai - "Da kann man viel mehr rausholen aus den Jungs"

… Pal Dardai: "Pal macht das mit seiner Art super und schafft dieses Zusammenhörigkeitsgefühl. Dann kann man schon viel mehr rausholen aus den Jungs. Die Qualität ist bei den Einzelnen gegeben, aber sie müssen es zusammenbringen, sonst hast du ein Problem. Er hat das sehr gut gemacht, soweit ich das sehen konnte. Man ist nicht negativ, sondern positiv rangegangen. Er hat auch mutige Dinge getan: Ich erinnere mich an das Freiburg-Spiel, als er die komplette Mannschaft ausgetauscht hat. Dazu kommt der Glaube, dass er genau das verkörpern kann, was Hertha am Ende ausmacht. Wir brauchen Stabilität und Entwicklung in dieser Saison. Und die Entwicklung wird automatisch kommen, wenn du stabiler bist und kontinuierlich an den Themen arbeitest. Ich bin mir sicher, dafür ist er der Richtige."

… Omar Alderete: "Der Plan ist erstmal, dass er nach der Copa America zu uns zurückkommt. Dass Interesse aus Spanien (vom FC Valencia, geplant ist eine Leihe, d. Red.) da ist, ist Fakt. Aber ich habe nichts Schriftliches vorliegen. Es wird sehr viel geredet und versucht, aber solange da nichts Greifbares ist, bringt es dir nichts."

… Matheus Cunha: "Sein Berater war bei mir, wir haben uns ausgetauscht. Er war auf Europa-Tour. Es war eine gute Unterhaltung. Ich habe ihm gesagt, dass ich sehr froh bin, dass Matheus bei uns ist. Er ist unser bester Fußballer. Er muss aber ein paar Sachen an sich ändern, weil er sonst in Zukunft Probleme haben wird, egal wo er spielt. Wenn man mal was auf den Fuß kriegt, finde ich zum Beispiel, kann man auch wieder aufstehen. Wenn er sich komplett zu Hertha bekennt, ist er ein Spieler, über den wir uns keinen Kopf machen müssen. Wenn er weiterziehen möchte, dann nur, wenn die wirtschaftlichen Voraussetzungen stimmen. Das ist ganz einfach: Entweder du commitest dich komplett und haust dich rein – oder du bringst etwas, das sinnvoll ist. Ich hatte das Gefühl, der Berater fand das super. Das war eine klare Aussage, damit kann er umgehen. Und es ist nicht so, dass gerade 20 Vereine Schlange stehen würden."

Matheus Cunha ist unser bester Fußballer. Er muss aber ein paar Sachen an sich ändern, weil er sonst in Zukunft Probleme haben wird, egal wo er spielt.

Fredi Bobic

… das Interesse an Jerome Boateng: "Jerome bewegt sich noch in einer komplett anderen Sphäre. Das macht noch überhaupt keinen Sinn. Ich kenne seine Berater sehr gut, da sind sicherlich noch andere Gedanken da. Wir müssen abwarten, was passiert. Es wird ein spannender August sein, wenn alle erwachen und merken, es geht in die eine oder andere Richtung. Das war vor einem Jahr schon so, und ich bin damals sehr gut damit gefahren, bis zur letzten Minute dranzubleiben. Die Vorbereitung auf das, was passiert, wird entscheidend sein. Da gibt es plötzlich Möglichkeiten. Der Trainer will natürlich alle Spieler am ersten Trainingstag zusammenhaben. Aber das ist vorbei, das kannst du vergessen. Der Sommer ist trotzdem ein wichtiger Zeitpunkt, wo man in der Kaderstruktur einiges verändern kann."

… Herthas Olympia-Quartett Tousart, Cunha, Maier und Torunarigha: "Olympia hat im Fußball vor 10, 15 Jahren in Deutschland keinen Menschen interessiert. Ach, Fußball gibt es ja auch, aber ich gucke lieber Turmspringen, so war das damals. Das hat sich verändert. Olympia ist für die Jungs eine super Plattform. Wenn man sich Serge Gnabry vor fünf Jahren anschaut: Wenn Horst Hrubesch den nicht zurückgeholt hätte, dann hätte er wahrscheinlich in der Championship gespielt, der war weg. Serge hat das super genutzt. Bei Arne Maier ist es super. Das ist noch mal eine Bestätigung. Stefan Kuntz wollte ihn unbedingt dabei haben. Wir waren uns ein bisschen unsicher: Noch ein Turnier nach der U-21-EM? Aber das ist ein Traum für den Jungen, den kann er sich nur einmal verwirklichen. Und er kann sich sehr viel Selbstvertrauen dadurch holen, wovon wir bei Hertha einen großen Nutzen haben. Für Jordan ist es auch eine schöne Geschichte. Das Schöne bei Stefan Kuntz ist: Wenn die Jungs zurückkommen, müssen sie nicht von vorne anfangen. Sie werden gut trainieren da, sie werden gut versorgt. Bei den Jungs mache ich mir überhaupt keine Sorgen, dass sie wieder voll dabei sind, wenn sie den Jetlag überwunden haben. Dass sie nicht nur Party feiern und das Olympische Dorf unsicher machen. Matheus für Brasilien: Wenn du das verweigerst, kannst du ihn gleich verkaufen. Dann ist er vom Kopf sofort weg. In diesen Ländern ist Olympia noch mal größer. Und Lucas natürlich auch, das ist eine Vorstufe zur A-Nationalmannschaft. Ich habe auch keine Angst vor der ersten Pokalrunde. Für die vier, die bei Olympia sind, spielen in Meppen halt vier andere."

Wenn Horst Hrubesch Serge Gnabry nicht zurückgeholt hätte, dann hätte er wahrscheinlich in der Championship gespielt, der war weg.

Fredi Bobic

… den möglichen Kauf eines Torhüters nach Rune Jarsteins Herzmuskelentzündung: "Da sprechen wir intern schon drüber. Erstmal ist Andi Menger (der neue Torwarttrainer, d. Red.) sehr zufrieden mit der ersten Woche mit den Torhütern. Wir werden in Ruhe sprechen, auch mit Rune. Ihm geht es gut, aber es ist so, dass er Ende des Monats die nächste Untersuchung hat, und dann hoffen wir, dass es in die positive Richtung geht. Aber wir sind keine Ärzte. Wir müssen die Untersuchung abwarten. Wir hoffen für ihn nur das Beste. Der Kontakt ist da. Das ist wichtig, und dann müssen wir sehen, ob wir da noch was tun oder nicht."

… die Zukunft von Kapitän Dedryck Boyata: "Wir werden uns mit ihm unterhalten und dann sehen. Dedryck ist raus aus der EM. Er hat noch ein Jahr Vertrag, da gibt es ja im Grunde nur zwei Optionen. Das muss man mit ihm direkt besprechen. Wir haben ihn in Ruhe gelassen währende der EM. Er sollte sich fokussieren und hat sich fokussiert. Er hat zwei Spiele gemacht, sehr ordentlich, und plötzlich nicht mehr gespielt. Verletzt war er nicht. Wir werden das ganz in Ruhe besprechen, wie sich die Situation für ihn darstellt und was er denkt. Dieses Gespräch hat noch nicht stattgefunden."

"Natürlich": Bobic plant mit Selke

… Rückkehrer Davie Selke: "Für Davie ist es eine Riesen-Chance. Er kommt zurück, hat noch zwei Jahre Vertrag. Natürlich planen wir mit ihm. Er hat schwere eineinhalb Jahre hinter sich, das weiß er selbst. Er macht auf mich aber einen sehr aufgeräumten, sehr motivierten Eindruck. Wir wissen, was er kann. Pal hat ihn schon damals gut hinbekommen, da hat Davie gut funktioniert. Er ist jemand, der fleißig ist und hart arbeiten kann. Natürlich muss er noch ein bisschen an den Abschlüssen arbeiten, dass er da noch sauberer ist. Aber das weiß er. Das Schöne ist, dass er motiviert ist. Er kommt hier sehr positiv rüber."

Fredi Bobic.

Stand am Rande des Trainingslagers der Herthaner in Neuruppin Rede und Antwort: Fredi Bobic. imago images

… seine eigene Art zu führen: "„Ich fühl‘ mich nicht als Manager von außen, sondern als Manager von innen. Das ist das Wichtige. In der Führung geht es darum, die Menschen, die Mitarbeiter mitzunehmen, aber genauso mit gutem Beispiel voranzugehen, mal beim einen oder anderen am Tisch zu hocken, sich vielleicht auch mal die Sorgen anzuhören, einfach mal zu reden. Das ist für mich Normalität und war immer so. So hab‘ ich jeden – vom Zeugwart angefangen – abgeholt. Ich bin zwar viel unterwegs, Fußball ist 24 Stunden. Es macht total Spaß. Ich bin auch gern in der Kabine. Das bedeutet nicht, dass ich die Jungs beobachte. Ich muss nicht jede Kleinigkeit wissen. Du musst in der Mannschaft drin sein und bei den Jungs dabeisein, das ist mit den Trainern auch so. Die müssen immer das Gefühl haben: Okay, der schützt uns nach draußen oder nach oben oder wohin auch immer. Der Sportbereich muss sich komplett fokussieren können auf seine Themen. Wenn Mitarbeiter fremder Abteilungen da reingrätschen, dann verselbständigen sich solche Themen, und man bringt Zwist rein."

Aufgezeichnet von Steffen Rohr

Das ist der deutsche Kader für das olympische Fußballturnier