Bundesliga

Fredi Bobic bei Hertha BSC: "Das ist kein Copy-and-paste"

Herthas neuer Geschäftsführer über Inhalte, Ziele und seinen Antrieb

Bobic: "Das ist kein Copy-and-paste"

Hatte einiges zu sagen: Herthas neuer Geschäftsführer Fredi Bobic.

Hatte einiges zu sagen: Herthas neuer Geschäftsführer Fredi Bobic. Getty Images

Als sich Hertha BSC im Vorjahr in der Geschäftsführung neu aufstellte und am Ende den vormaligen Sky-Manager Carsten Schmidt als CEO inthronisierte, war die anfängliche Liste der Kandidaten mit mehr als 60 Namen überaus umfangreich. Bei der Frage, wer auf Strecke dem Ende Januar geschassten Michael Preetz als Verantwortlicher im Sport-Ressort folgen würde, herrschte intern schnell Einigkeit.

Seit diesem Dienstag ist mit Fredi Bobic der erklärte Wunschkandidat der Vereins-Bosse im Amt - und will nichts weniger, als Hertha im sportlichen Segment fit für die Zukunft zu machen. "Wir hatten diesmal keine Longlist und keine riesigen Auswahlprozesse", erklärte Dr. Torsten-Jörn Klein, der Chef des Aufsichtsrates des e.V., am Dienstag bei der Vorstellung von Bobic. "Den Erfolg eines Sport-Chefs kann man am Tabellenstand ablesen. Herr Bobic ist hier im Hause sehr bekannt. Von daher war er von Anfang an die Nummer 1."

Bobics vierte Station

Nach seiner Zeit beim bulgarischen Erstligisten Tschernomorez Burgas (März 2009 bis Juli 2010), beim VfB Stuttgart (Juli 2010 bis September 2014) und bei Eintracht Frankfurt (Juni 2016 bis Mai 2021) ist Hertha BSC Bobics vierte Management-Station. Für den Europameister von 1996 ist der Wechsel des Arbeitsplatzes auch eine Art Heimkehr - an den Wohnort der Familie und zu jenem Klub, für den er zwischen 2003 und 2005 in der Bundesliga stürmte (54 Spiele/acht Tore), bei dem er nach der Profi-Karriere in der Ü-32-Mannschaft abtrainierte und dessen Mitglied er seit 2006 ist.

"Es ist ein guter Tag für Hertha", sagte Klub-Präsident Werner Gegenbauer. "Fredi Bobic ist seit Jahren Hertha-Mitglied und eigentlich auf dem Weg nach Hause. Wir sind sehr happy, dass wir in dieser Konstellation heute hier sitzen und die Arbeit anfangen. Der sportliche Erfolg ist das A und O. Mit der Klarheit, der Struktur, der Erfahrung und seiner kommunikativen Art haben wir mit Fredi Bobic genau denjenigen für uns gewonnen, der das gemeinsam mit uns in die richtige Richtung entwickeln wird. Und wir werden dabei auch berücksichtigen, dass gut Ding Weile braucht."

Hertha, seit 2019 durch den Einstieg von Lars Windhorsts Tennor-Holding in einer ungleich komfortableren Liquiditätssituation als zuvor, will nach zwei ernüchternden Jahren mit den Plätzen 10 und 14 und einem horrenden Trainer-Verschleiß immer noch nach Europa. Aber der Klub will sich jetzt offenkundig die Zeit und die Gründlichkeit gönnen, das neue Haus mit dem Fundament zu beginnen - nicht mit dem Dachstuhl. Bobic ("Es ist für mich ein sehr erfreulicher und sehr spezieller Tag.") sprach in seiner Antritts-Pressekonferenz über ...

... den Kontakt zu Hertha:
"Es waren von Anfang an gute Gespräche, vor allem mit Werner Gegenbauer. Wir kennen uns schon etwas länger. Der gegenseitige Respekt war immer sehr groß. Dass wir irgendwann mal hier zusammenhocken, hätte ich nie gedacht, da bin ich ehrlich. Das ist nicht unbedingt immer so in der Lebensplanung, wenn man eine hat, drin. Aber es gibt verschiedene Zeitpunkte und Zeitfenster, in denen man Entscheidungen treffen muss.

Ich habe großes Vertrauen in die handelnden Personen hier, wir fahren in dieselbe Richtung. Hertha war nicht die einzige Möglichkeit, die ich in den letzten ein, zwei, drei Jahren hatte, um mich zu verändern. Aber hier hat es gepasst. Die Gespräche waren in der Tiefe sehr, sehr gut. Da ging es weniger um wirtschaftliche, sondern mehr um sportliche Themen und darum, wie man sich das Arbeiten vorstellt und ob man überhaupt eine Kurskorrektur im sportlichen Bereich will."

Ich hab' richtig Lust, wieder was Neues zu entwickeln. Das ist kein Copy-and-paste.

... den tabellarischen Schritt zurück von Frankfurt zu Hertha:
"Die Entscheidung, Frankfurt verlassen zu wollen, habe ich im Februar 2020 getroffen, und die habe ich meinem damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Wolfgang Steubing auch gesagt. Da war Hertha noch gar kein Thema. Das ging nur um mich persönlich, darum, dass ich mich verändern möchte. Es gab in den letzten zwei, drei Monaten vieles, was geschrieben und geredet worden ist - manches davon auch befremdlich.

Ich habe mich sehr stark zurückgehalten. Ich weiß, was hinter den Kulissen wirklich gesprochen wurde. Im Februar 2020 war für uns noch kein Corona, das ging erst im März richtig los. Dann ging es für mich halt nochmal ein Jahr weiter, obwohl ich zuvor den Plan hatte, schon im letzten Sommer rauszugehen und vielleicht ein Jahr Pause zu machen, um mal durchzuschnaufen. Aber das Corona-Jahr hat mich innerlich so gepackt, dass ich gesagt habe: Nee, warum soll ich Pause machen, ich mach' weiter.

Und ich hab' richtig Lust, wieder was Neues zu entwickeln. Der eine oder andere versteht's vielleicht nicht. Das ist dann halt so. Das ist meine persönliche Entscheidung. Ich habe die Freiheit dazu und eine gewisse Unabhängigkeit, dies so zu tun. Ich bin dankbar und glücklich über die fünf Jahre, die ich in Frankfurt hatte, auch mit diesem Erfolg. Es war - und das meine ich von Herzen - eine überragende Zeit. Aber jetzt beginnt ein neues Kapitel. Und hier muss ich alles dafür tun, dass wir ungefähr in die Richtung kommen (wie mit der Eintracht, d. Red.). Das ist kein Copy-and-paste, sondern es ist harte Arbeit. Darauf habe ich Lust, und es hält mich auch jung."

"Dardai war auch meine Empfehlung"

... die Weichenstellungen bei Sportdirektor und Trainer:
"Dass Pal Dardai als Cheftrainer weitermacht, darüber bin ich sehr froh, und das war auch mit meine Empfehlung. Die Gespräche mit Pal Dardai und Arne Friedrich und ihre klare Analyse der letzten Spielzeit haben mich überzeugt. Dass Arne Friedrich seinen Vertrag verlängert und an Bord bleibt, war mir sehr, sehr wichtig. Ein Sportdirektor mit seinen Fähigkeiten tut uns richtig gut.

Arne Friedrich

Dass Sportdirektor Arne Friedrich verlängerte, war Bobic "sehr, sehr wichtig". imago images

Arne ist nicht nur eine Klub-Legende, sondern auch jemand, der über die empathische Art kommt und total hungrig auf Erfolg ist. Genau das brauchen wir auf dieser Position. Er ist für mich der wichtigste Ansprechpartner, wenn's um diese sportlichen Belange geht. Er ist ein sehr zentraler Punkt. Ich bin total happy, dass wir es geschafft haben, ihn zu überzeugen, bei Hertha zu bleiben. Wir wollen zusammen mitgestalten, damit wir bessere Zeiten im Sport haben."

... seinen Ansatz:
"Meine Erfahrungen, die ich über zwölf Jahre in drei verschiedenen Klubs genießen durfte, haben mir viel gegeben, auch viel Know-how. Ich konnte mich weiterentwickeln. Jetzt steh' ich hier in Berlin und freu' mich natürlich. Der Weg vom Privaten zur Arbeit ist nicht mehr ganz so weit. Ich muss nicht mehr ganz so viel fliegen. Aber eigentlich geht's um den Sport. Ich möchte für und bei Hertha mitgestalten, meine Ideen mit einbringen, damit wir hier Erfolg haben. Man muss erstmal anfangen und nicht groß tönen. Es wird viel zu tun sein. Ich bin total gespannt und total heiß, meine Vorstellungen mit einzubringen."

... Herthas Zustand:
"Aus der Ferne war mein Eindruck, dass Hertha zwei Jahre Abstiegskampf hatte. Das wollen wir hier in der Zukunft nicht mehr gern haben und sehen. Dafür musst du ackern und einige Dinge verändern. Eins ist auch klar: Man hatte fünf Trainer in zwei Jahren. Das ist zu viel. Da nehm' ich auch ein bisschen die Spieler in Schutz. Da ist es nicht einfach, die Spieler zu entwickeln. Wir brauchen Kontinuität, das ist das Allerwichtigste.

Zuallererst kommt es jetzt darauf an, im sportlichen Bereich eine richtige Stabilität reinzubekommen und die Strukturen so anzupassen, dass sie modern und konkurrenzfähig sind. Wir müssen in strukturellen Fragen viel klarer, schärfer und leistungsorientierter werden. Da werde ich mir in allen Bereichen sehr schnell ein Bild machen. Der sportliche Bereich umfasst nicht nur Trainer und Sportdirektor. Ich will in der Breite mehr Qualität."

... die Ziele:
"Wir müssen am Anfang nicht über ganz, ganz große Ziele reden, sondern die Realität anerkennen und einen guten Job machen, auch schon in der Saison-Vorbereitung: auf dem Transfermarkt und in der täglichen Trainingsarbeit. Wir legen jetzt los. Wo es am Ende hinführt, werden wir sehen. Klar ist: Wir wollen alle erfolgreicher sein, dafür steh' ich an der Spitze. Ich bin ambitioniert und hab' keine Lust, irgendwo anders rumzuspielen. Arne Friedrich, Dirk Dufner (neuer Kaderplaner, d. Red.), Sebastian Zelichowski im technischen Bereich: Alle sind ambitioniert. Wir wollen überall besser werden und diese Leistungskultur bei Hertha sehen. Dafür machen wir vom ersten Tag an alles."

Dufner bringt einen Chefscout mit

... den neuen Kaderplaner Dirk Dufner:
"Ich bin froh, dass er mitkommt und richtig Lust und Feuer hat für diese Position, die er in der Form noch nie bekleidet hat. Er hat ein unfassbar großes Netzwerk, ist ein fleißiger Arbeiter, loyal und angetrieben vom Ehrgeiz, besser werden zu wollen. Er wollte aus dem Agentur-Leben wieder raus und in den Fußball wieder rein. Ich kenne ihn seit 25 Jahren. Er hat bei 1860 München und in Freiburg einen überragenden Job gemacht.

In Hannover hatte er es ein bisschen schwieriger, aber da ist es auch nicht so einfach, das weiß man. Ich bin mit ihm befreundet, aber trotzdem fetzen wir uns oft über gewisse Themen. Genau das muss eine Freundschaft auch aushalten. Ich weiß, was er kann. Er wird Strukturen im Bereich Kaderplanung und Scouting so bauen, wie wir uns das bei Hertha für die Zukunft vorstellen. Er bringt mit Babacar Wane als Chefscout noch einen Top-Mann mit. Wir werden uns in diesem Bereich anders aufstellen, aber die, die bereits da sind, mitnehmen. Es wird Veränderungen in der Struktur geben, das wollen wir. Wir müssen uns bewegen. Wir müssen unterwegs sein und schnell sein. Wir wollen Spieler verpflichten, die uns auf dem Platz weiterhelfen und später vielleicht auch wirtschaftlich bei einem Verkauf."

... eine neue Spielphilosophie:
"Sie von der U 9 bis zu den Profis zu entwickeln, das braucht seine Zeit. Das geht nicht auf die Schnelle. Bei der Eintracht haben wir das gemacht: Profile entwickelt, Trainingsinhalte, Spielsysteme. Dafür haben wir dort zwei Jahre gebraucht, um das in der Tiefe komplett zu entwickeln. Da muss jeder Mitarbeiter im sportlichen Bereich abgeholt werden. Am Ende des Tages werden wir alles zusammenwerfen und das gemeinsam entwickeln. Es ist vor allem eine Spielphilosophie für die Akademie: für welche Art Fußball wir stehen wollen. Das ist ein ganz großes Werk, das viel Zeit in Anspruch nehmen wird. Aber die nehmen wir uns. Wir wollen nachhaltig Qualität haben."

Er hat mir sehr gut zugehört. Ich habe ihm sehr gut zugehört.

über Investor Lars Windhorst

... Investor Lars Windhorst:
"Ich habe mich mit ihm getroffen, wir haben auch mehrfach telefoniert. Wir haben über das Engagement gesprochen und uns erstmal kennengelernt, das ist das Wichtigste. Er hat mir sehr gut zugehört, ich habe ihm sehr gut zugehört. Das war ein sehr angenehmes und gutes Gespräch. Ich habe vor jemandem, der so viel Eigenkapital in den Verein reinbringt, großen Respekt. Er verlangt natürlich auch was und hat Vorstellungen, wie das in Zukunft mit dem Verein aussehen könnte. Es gibt Grenzen, aber ein Miteinander sollte es sein. Das Gefühl habe ich gerade mit ihm."

... Herthas finanzielle Power:
"Ich werde mit jedem Budget arbeiten können. Ich habe in meiner Stuttgarter Zeit ein Budget fast halbieren müssen. Ich hab' in Frankfurt durch den sportlichen Erfolg ein Budget in die Höhe getrieben. Ob viel Geld zum Ausgeben da ist, ist erstmal nicht das Wichtigste. Wir werden sehr gut haushalten. Ich komme aus dem Schwabenland und weiß mit dem Geldbeutel umzugehen. Man muss auch ein bisschen kreativ sein."

... den Transfermarkt:
"Wir sind immer noch in Corona. Das sollten wir nicht vergessen. Die nächsten zwei Jahre werden sehr, sehr hart werden. Deswegen sind wir sehr froh, dass wir auf der Eigenkapital-Seite sehr gut aufgestellt sind. Wir sollten uns hüten, verrückte Dinge zu tun, sondern sollten Dinge tun, die Sinn machen und in die Jugend und in die Zukunft investieren. Klar ist: Es wird im Kader Veränderungen geben - und es wird ein verdammt langer Sommer, so wie letztes Jahr. Wir müssen sehr fleißig und sehr kreativ und geduldig sein und im richtigen Moment zuschlagen."

Matheus Cunha

Ob Matheus Cunha bleibt, konnte Bobic noch nicht sagen. imago images

... Matheus Cunha:
"Er ist ein hervorragender Fußballer. Und wenn er sich in den Dienst der Mannschaft stellt, kann er ein herausragender Fußballer werden. Er hat unglaubliche Qualitäten. Ich bin sehr froh, dass er bei uns ist und keine Klausel hat und die Zukunft mit Hertha bestreiten kann. Aber das muss man mit ihm gemeinsam sehen: Ist er so glücklich, dass er bleiben möchte? Angebote sind immer wieder da."

Ein reines Fußball-Stadion würde dem Verein einiges bringen.

... Herthas Stadion-Pläne:
"Jetzt bin ich offiziell hier, ich habe schon vorher gesagt: Natürlich braucht Hertha mal ein neues Stadion. Ich mach' die Augen zu und überlege, die Kraft der Ostkurve in einem Stadion ohne Laufbahn zu spüren. Dann mach' ich die Augen auf und sage: Wow, cool. Ich hab' mir auch als Hertha-Mitglied immer gewünscht, dass solche Themen angegangen werden. Dazu will ich meinen Teil beitragen und helfen, das zu schaffen. Ein reines Fußball-Stadion würde dem Verein einiges bringen.

Und trotzdem liebe ich auch das Olympiastadion. Das hat immer noch eine Faszination für mich. Aber du musst natürlich als Verein weiterkommen. Deswegen wäre ein modernes Fußball-Stadion angebracht und zeitgemäß. Die Gespräche werden wir weiterführen. Da bin ich gern an der Front mit dabei, damit wir diese Vorstellung irgendwann vollenden. Es wird kein einfacher Weg, ich hatte auch in Frankfurt und Stuttgart schon viele Bau-Projekte. Und es war immer ein kleiner Ritt. Aber mir ist nicht angst und bange davor. Ich freu' mich auf Gespräche (mit dem Berliner Senat zur noch immer ungeklärten Standortfrage der neuen Arena, d. Red.). Die sollten aber sinnvoll sein und nicht polemisch, politisch oder oberflächlich."

Steffen Rohr

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