Bundesliga

Kevin-Prince Boateng kündigt Karriereende für 2023 an

Herthas Leader über Schwarz, Bernstein, Magath und sich selbst

Boateng spricht ausführlich: "So konnte ich nicht aufhören"

Geht in seine letzte Saison als Profi: Kevin-Prince Boateng.

Geht in seine letzte Saison als Profi: Kevin-Prince Boateng. IMAGO/Matthias Koch

Kevin-Prince Boateng sitzt am Ufer des Liebenberger Sees, ein paar Vögel zwitschern, die Sonne scheint. Aber die Idylle ist nur der äußere Rahmen. Hertha BSC schuftet seit Montag hart und konzentriert im Olympischen und Paralympischen Trainingszentrum in Kienbaum vor den Toren Berlins.

Der Mann, der im vergangenen Sommer nach 14 Jahren Europa-Tournee heimgekehrt ist zu seinem Verein und in seine Stadt, hat in der Vorwoche seinen Vertrag um ein Jahr verlängert. Er hat noch Hunger. Zwischen zwei Trainingseinheiten spricht Boateng, der sehr aufgeräumt und klar wirkt, über ...

… seinen Eindruck von Kienbaum: "Es ist idyllisch, aber ich war nie ein Fan von Kienbaum. Weil es heißt, dass man hier viel schwitzt und viel arbeitet. Ich war schon früher als junger Bursche hier. Aber es ist genau das, was wir machen müssen. Wir müssen arbeiten."

Das letzte Jahr war zu turbulent, zu viel Action, zu viele negative Schlagzeilen, zu viele negative Resultate.

Kevin-Prince Boateng

… seine Vertragsverlängerung: "Ich hab' Bock, noch zu spielen. Ich will noch ein bisschen zocken. Ich glaube, das sieht man auch im Training. Ob es dann Minuten werden in der Bundesliga oder nicht, darüber will ich gar nicht reden. Ich will das einfach nochmal mitnehmen. Ich will noch ein Jahr mitnehmen. Das letzte Jahr war zu turbulent, zu viel Action, zu viele negative Schlagzeilen, zu viele negative Resultate. So konnte ich nicht aufhören."

… sein Karriereende: "Es ist ganz sicher meine letzte Saison als aktiver Profifußballer. Deswegen will ich jeden Tag genießen, egal, was passiert. Auch wenn wir nächstes Jahr Champions League spielen, wer weiß. Das ist meine letzte Saison. Ich werde noch mal alles reinhauen für den Verein und für mich selber auch. Und dann ist Schluss."

… seine Rolle, in der er weniger gespielt hat - und die Frage, ob er im Alter geduldiger geworden ist: "Ich habe keine Geduld. Die hatte ich nie, die werde ich auch nie haben. Klar gab es Momente, in denen ich explodieren wollte, in denen ich sauer und nicht zufrieden war, wo ich vielleicht verdient gehabt hätte zu spielen. Aber ich stelle die Mannschaft in den Vordergrund. Das habe ich von Anfang an gesagt. Und das habe ich auch gelebt. Es gab Momente, in denen ich hätte spielen müssen und nicht gespielt habe - und es gab Momente, wo ich auf der Bank hätte sitzen müssen und gespielt habe. Aber ich wollte keine Unruhe bringen. Weil: Wenn Prince Unruhe bringt, ist das etwas anderes, als wenn jemand anderes mal was sagt. Deswegen habe ich meinen Mund gehalten und mich in den Dienst der Mannschaft gestellt."

… seine Rolle in der neuen Saison: "Ich will genau die Rolle wie letztes Jahr: Ich bin da, um zu helfen, um der Papa zu sein von den jungen Burschen und dann hoffentlich auf dem Platz zu zeigen, was ich auch in Hamburg gezeigt habe oder auch in ein paar Spielen davor. Nochmal so viel reinzuhauen, wie es geht."

Fünf Kilo runter, das sagt schon viel aus.

Kevin-Prince Boateng

… seinen Fitnesszustand: "Auf die Frage hab' ich gewartet. Ich fühle mich unglaublich gut. Ich wiege 84 Kilo, das habe ich zuletzt in meiner Zeit in Mailand gewogen. Letztes Jahr war ich so bei 88, 89 Kilo. Fünf Kilo runter, das sagt schon viel aus. Ich fühl' mich sehr gut. Natürlich sind wir in der Anfangsphase der Vorbereitung. Da kann ich nicht sagen, ich bin in Topform. Aber ich fühl' mich besser als letztes Jahr zur gleichen Zeit."

… seinen Eindruck vom neuen Trainer Sandro Schwarz: "Ganz ehrlich: sehr gut. Wir haben uns ja getroffen in Berlin. Wir haben uns hingesetzt. Das ist schon ein Schritt, den er gemacht hat, der mir nicht oft passiert ist: dass ein Trainer vorab mit mir sprechen wollte. Er wollte Eindrücke von mir haben, wie es gelaufen ist. Er war sehr positiv, sehr direkt, sehr offen. Das ist genau das, was ich mag. Ich bin genauso. Wir verstehen uns. Ich glaube, auch die Mannschaft hat ihn super aufgenommen. Und wir sind alle froh, dass er hier ist. Ich glaube, er bringt einen positiven, frischen Wind mit."

… das Gespräch mit Schwarz in Berlin: "Es ging bei unserem Essen nicht darum, ihn zu überzeugen. Ich glaube, er weiß, wer ich bin und was ich kann. Für mich war es gut, ihn außerhalb des Platzes kennenzulernen. Es ist immer schöner, ein bisschen das Gefühl für den Menschen zu bekommen. Das Gespräch ging zweieinhalb Stunden. Nach zehn Minuten haben wir verstanden, dass wir beide zusammenarbeiten wollen und dass es zwischen uns sehr viel Energie gibt. Er ist ein Typ, der vorausgeht und positiv denkt. Wir haben uns beide verstanden."

… die vergangene Saison: "Klar, ich bin mit einem positiven Gefühl aus der Saison gegangen, weil wir es am Ende geschafft haben, aber im Großen und Ganzen war es natürlich nicht positiv."

... das Relegationsrückspiel in Hamburg: "Ich habe mich die gesamte Saison nicht mit dem Abstieg auseinandergesetzt. Ohne arrogant zu sein: Ich war noch nie in dieser Situation. An dem Tag vor dem Spiel in Hamburg habe ich nachgedacht: Okay, das heißt, wenn wir morgen nicht so oder so gewinnen, steigen wir ab. Also würde meine Rückkehr heißen: Ich bin zurückgekehrt zu meinem Heimatverein, und wir sind abgestiegen. Das durfte natürlich nicht passieren. Das war so ein kleiner Wachrüttler für mich. Ich habe die Mannschaft auch wachgerüttelt, damit wir den Abstieg verhindern können. Ein Abstieg wäre eine Katastrophe gewesen, auch für den Verein. Das ist das Positive, dass wir das in den 90 Minuten geschafft haben, eine Hertha-Familie zu sein, wie wir sie sein wollen. Das merkt man jetzt auch. In den Leuten und in den Trainingseinheiten ist mehr Elan drin. Es war ein rettendes Spiel, um zu sagen: In diese Situation werden wir nicht noch mal kommen. Und wenn wir dahinkommen, wissen wir wenigstens, was es braucht, um da so schnell wie möglich rauszukommen."

Ich durfte die Aufstellung machen, das ist natürlich nochmal schöner.

Kevin-Prince Boateng

… die emotionale Wertigkeit des Hamburg-Spiels: "Die Emotion kam erst einen Tag vor dem Spiel, aber so wie ein Faustschlag, wo ich gedacht habe: Okay, jetzt geht es los. Und ich habe ja gesagt: Es ist so, als ob wir Meister geworden sind. Okay, wenn du mit Mailand Meister geworden bist, bist du Meister, weil es ist Mailand. Mit Frankfurt gewinnst du den Pokal, das ist natürlich außergewöhnlich. Mit Hertha, wo wir tot gesagt waren, wo keiner mehr an uns geglaubt hat, vielleicht auch viele intern nicht mehr dran geglaubt haben: dass wir das noch geschafft haben, ist auf meiner emotionalen Skala schon ganz, ganz oben. Und natürlich auch, wie das alles passiert ist: Ich durfte die Aufstellung machen, das ist natürlich nochmal schöner."

… seinen Spielertrainer-Job im Hamburg-Spiel: "Das war am Spieltag nach dem Frühstück oder nach dem Mittagessen, da habe ich mich mit Felix Magath hingesetzt. Er hat mich gefragt, ob ich spielen möchte, da hab' ich gesagt: 'Klar möchte ich spielen. Ich werde auch spielen. Ich muss spielen.' Da hat er gelacht und gemeint: 'Ja, ich überlege noch, wo ich dich spielen lasse, auf der Sechs oder auf der Zehn', und da meinte ich: 'Trainer, ganz ehrlich: Wenn wir so und so und so spielen, gewinnen wir das Spiel.' Er: 'Meinst du das?' Ich: 'Ja.' Er meinte, 'Belfodil und Jovetic und du, das sind doch alles Fußballer. Keiner geht in die Tiefe.' Ich sagte: 'Vertrauen Sie mir. Lassen Sie mich die Aufstellung machen - und wir gewinnen das Spiel.' Da hat er gesagt: 'Okay. Mach die Aufstellung.' Und dann hab ich die erste Elf runtergerufen, und wir hatten ein Meeting. Ich stand mit dem Laserpointer da und hab' rumgefuchtelt und gesagt, so und so spielen wir - und es hat alles geklappt. Das war natürlich die Größe von Felix Magath, dass er vielleicht verstanden hat, okay, der Junge ist von hier. Der hat die Hertha-DNA. Ich glaube, der wird was Gutes für die Mannschaft machen."

Maradona

Spitzname "Maradöner": Ben-Hatira, Boateng und Co. erinnern sich an die Jugendzeit

alle Videos in der Übersicht

… seine Wut, im Hinspiel gegen den HSV nicht gespielt zu haben: "Das war so eine Situation, wo ich alles andere in den Vordergrund gestellt habe. Hätte ich das nicht gemacht, dann hätte ich, glaube ich, die Bank kaputtgehauen. Aber natürlich war ich sauer. Wir haben kein gutes Spiel gemacht. Wir wurden zu Hause vorgeführt, und ich konnte nicht mal mitwirken, ich konnte nicht mal irgendjemanden weggrätschen, gar nichts. Ich war extrem sauer. Deswegen war es auch sicher, dass ich im Rückspiel spiele."

… die Bedeutung des Spiels in Hamburg, um den Hunger zu wecken: "Nach dem Spiel haben alle etwas gespürt: die Fans, der Verein, die Mannschaft. Das wollten wir schon vorher spüren, aber es ist leider nicht dazu gekommen. Nach dem Spiel haben wir gespürt, dass da noch ein bisschen Energie drin ist, dass da noch irgendwas am Prickeln ist. Dass ich so wichtig war in dem letzten Spiel, das war natürlich wichtig für mich, aber auch für den Verein. Der Verein hat in mich investiert, er hat vertraut in meine Person. Was man neben dem Platz macht, weiß keiner. Ich weiß ganz genau, was ich gemacht habe in der ganzen Saison, wie ich geholfen habe. Aber was im Endeffekt zählt, ist auf dem Platz. Es war für beide Seiten sehr, sehr wichtig."

… die Lehren aus der vergangenen Saison und seinen Wunsch für die neue Saison: "Ich wünsche mir ein bisschen mehr Ruhe - dass wir alle zusammenarbeiten, um ein bisschen mehr Ruhe reinzubekommen und um uns wirklich mal zu fokussieren auf die wesentlichen Dinge. Wir müssen probieren, alle zusammen für die Stadt Berlin einfach Ruhe reinzubringen. Natürlich liegt es an uns, dass die Leistung auf dem Platz stimmt. Daran arbeiten wir. Da haben wir den richtigen Trainer dafür. Das Wichtigste ist, ruhig zu bleiben und nicht gleich zu denken: Oh mein Gott, jetzt geht es wieder los. Das letzte Jahr war so turbulent, das kann nicht schlimmer werden. Es wurde im letzten Jahr viel geredet von der Vergangenheit und was davor war. Wir müssen das Jetzt leben. Wir haben einen neuen Trainer, der frischen Wind mitbringt, und einen neuen Präsidenten, der für mich auch frischen Wind mitbringt. Das sieht man, wenn man ein Foto von ihm sieht. Das ist ein Typ, der vorausgeht, der vorangeht. Das ist das Ziel, das muss Hertha jetzt sein, positiv denken."

… den Umbruch im Kader: "Ich hoffe, dass man so schnell wie möglich den Kader hinstellt und wir dann spezifisch für die nächste Saison arbeiten können. Natürlich ist es schwierig: Es sind ganz viele junge Spieler dabei, es sind Spieler dabei, die noch gehen werden, andere werden kommen. Ich hoffe, dass es schnell geht mit den ganzen Transfers, dass wir uns im nächsten Trainingslager mit der Mannschaft vorbereiten können."

Wer hat denn noch die Hertha-DNA, die wirkliche?

Kevin-Prince Boateng

… die Situation des Klubs: "Die Hertha-DNA ist nicht mehr da. Die Spieler, die die Hertha-DNA haben, sind weggegangen und nicht mehr zurückgekommen. Wer hat denn noch die Hertha-DNA, die wirkliche? Das bin vielleicht wirklich nur ich. Du musst den Jungs beibringen, was es heißt, für Hertha zu spielen, du musst nicht die DNA haben. Es ist nicht einfach nur ein Verein. Das müssen die Jungs verstehen. Es ist nicht nur einfach Berlin, eine super Stadt. Du kommst nicht für die Stadt zum Spielen, du musst wissen, warum du hier bist. Das ist genau das, was wir suchen müssen: Diese Charaktere, die herkommen und verstehen, was es heißt, für Hertha aufzulaufen."

… einen möglichen Einstieg ins Trainer-Geschäft nach der Profi-Karriere: "Mein Berater sagt immer, ich wäre der perfekte Trainer. Aber ich sehe mich da noch nicht so. Ich glaube, da brauche ich noch ein bisschen. Wie gesagt: Ich habe keine Geduld. Das ist mein größtes Problem. Wenn es für meine Mannschaft nicht laufen würde, hätte ich nach 20 Minuten schon drei Wechsel gemacht. Als Trainer brauchst du Geduld, da musst du auch mal ruhig bleiben. Da muss ich noch ein bisschen wachsen, um Trainer zu werden."

… den Job als TV-Experte: "Da gibt es ein paar Angebote. Aber ich konzentriere mich jetzt erstmal auf die Mannschaft und meine letzte Saison. Danach ist Schluss, da habe ich so viel Zeit, etwas anderes zu machen. Kontakt ist noch da, ich wurde auch angefragt. Aber erstmal ist die Hertha-Familie wichtiger."

… den neuen Hertha-Präsidenten Kay Bernstein: "Er hat sich bei uns noch nicht vorgestellt. Ich glaube, er ist noch ein bisschen beschäftigt jetzt. Ich hab' ihn schon mal kennengelernt, wir haben uns auch schon mal unterhalten. Er ist ein ganz normaler, netter Typ, er sieht mir nicht aus wie ein Ultra, aber er hat die Hertha-DNA. Er weiß ganz genau, was es bedeutet, den Verein anzufeuern oder zu probieren, den Verein weiterzubringen. Wir müssen einfach darauf vertrauen, dass die Leute richtig gewählt haben. Und das Foto von ihm ist schonmal positiv."

Wir haben letztes Jahr dreimal verloren, das darf nie wieder passieren.

Kevin-Prince Boateng über das Derby gegen Union

… die Stärke der Bundesliga: "Die Bundesliga kann ganz stark sein, das ist ganz sicher. Wenn sie genau das macht, was Frankfurt macht - Leidenschaft und Emotion reinbringen. Wenn wir über fußballerische Qualitäten reden, ist die Bundesliga vielleicht nicht top. Aber diese Athletik und diese Leidenschaft, die der deutsche Fußball mitbringt, das ist, was kein anderer hat. Das sieht man einfach. Was Frankfurt erreicht hat, ist unglaublich. Da hätte auch keiner dran geglaubt. Die haben Mannschaften rausgehauen wie Barcelona, wo man auch gesagt hätte: Wir machen schöne Auswärtsfahrten und genießen das Stadion. Und dann fährst du plötzlich nach Hause und hast gewonnen. Genau das ist die Bundesliga! Das ist das, wo es in meinem Alter schwierig für mich wird. Fußballspielen, den Ball annehmen und verarbeiten, das mache ich noch, bis ich 50 bin. Aber diese Intensität hochhalten und die Laufbereitschaft - damit haben viele Probleme, die nach Deutschland kommen. Das ist das A und O."

… den Liga-Start gegen Union: "Super! Da wissen wir direkt, was abgeht. Wir haben ja noch eine Rechnung offen. Wir haben letztes Jahr dreimal verloren, das darf nie wieder passieren."

aufgezeichnet von Steffen Rohr

Kevin Prince Boateng (Hertha)

Gerland: "Uli, wir müssen Kevin-Prince Boateng holen"

alle Videos in der Übersicht