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Zum Karriereende von Roger Federer: Bis zur Perfektion

Zum Karriereende von Roger Federer

Bis zur Perfektion

"King of Grass": Roger Federer dominierte zu seinen besten Zeiten nicht nur in Wimbledon.

"King of Grass": Roger Federer dominierte zu seinen besten Zeiten nicht nur in Wimbledon. Getty Images

Es hätte schon 2016 zu Ende sein können. Beim Abendessen. Roger Federer hatte gerade wegen einer Meniskusverletzung seine Saison vorzeitig für beendet erklärt, die Chance auf das lange ersehnte Olympia-Gold im Einzel sausen gelassen. Sein letzter Grand-Slam-Titel lag vier Jahre zurück.

"Ob ich aufhören soll oder ob sie denke, dass ich noch etwas Bedeutendes gewinnen könne", hatte Federer seinem Biografen René Stauffer zufolge damals beim Essen seine Frau Mirka gefragt. Nachdem diese ihm den Rücken gestärkt hatte, antwortete Federer: "Okay, und was ist nun der Plan mit den Kindern morgen?" Keine sechs Monate später gewann er die Australian Open.

So leicht wie diese Szene im Nachhinein anmutet, so schwer muss es Federer nun gefallen sein, den Schlussstrich zu ziehen. Den Schlussstrich nach über zwei Jahrzehnten, in denen der Sohn eines Schweizers und einer Südafrikanerin das Profitennis geprägt und den Sport an sich verändert hat. Das Ende einer der größten Karrieren im Profisport.

Ein Schicksalsschlag als Startschuss

Federer wird in diesen Tagen viel an Peter Carter denken. An den Mann, der einen so großen Anteil an seinen 20 Grand-Slam-Titeln, den 310 Wochen an der Spitze der Weltrangliste, der olympischen Goldmedaille im Doppel hat - und nichts davon miterleben konnte. Carter, Federers Entdecker, erster Trainer und enger Vertrauter, starb 2002 bei einem Autounfall. Der Maestro, damals 20 Jahre alt, war am Boden zerstört, taumelte weinend und schreiend durch die Innenstadt von Toronto. Fast genau ein Jahr später gewann Federer zum ersten Mal Wimbledon.

Roger Federer 2003

Der erste von 20 Grand-Slam-Titeln: Roger Federer mit der Wimbledon-Trophäe 2003. Bongarts/Getty Images

Nach dem größten Schicksalsschlag seiner Karriere wurde aus dem Talent, dem der Ruf anhaftete, die großen Spiele nicht gewinnen zu können, der Dominator, der über Jahre hinweg fast jedes große Spiel gewann. Die vielleicht noch größere und wichtigere Verwandlung des Roger Federer hatte Carter noch zu Lebzeiten angeregt: Er schaffte es, ihn zu beruhigen.

Wer den auffallend stillen, auf dem Platz teils schon stoischen Federer während seiner Profikarriere beobachtete, dem scheint nur schwer vorstellbar, dass dem begabten Juniorenspieler Federer in erster Linie das Temperament im Weg stand. Der Schläger flog mehrfach pro Spiel, selbst nach gewonnenen Punkten kritisierte sich Federer lautstark selbst.

Man sollte eben perfekt spielen können.

Roger Federer im Alter von 15 Jahren

"Ich kann mir Fehler nicht vergeben, auch wenn sie normal sind", sagte der 15 Jahre alte Federer im Jahr 1996 dem Schweizer "Tages-Anzeiger" und schob ein wenig gedankenverloren nach: "Man sollte eben perfekt spielen können".

Und auch, wenn der Hitzkopf Federer mit den Jahren wich - genau das ist es, was diesen Tennisspieler so besonders machte: Federer wollte nie in erster Linie seinen Gegner beherrschen. Er wollte das Spiel beherrschen. Die Umdrehungen und die Platzierung des kleinen gelben Balles bis auf den Zentimeter genau bestimmen. Schön zu spielen, ohne dabei in Schönheit zu sterben. Bis zur Perfektion eben.

"Maestro", "King of Grass", Tennis-Legende: Die Karriere von Roger Federer

Ob Federer das perfekte Spiel jemals gespielt hat? Ob das überhaupt irgendeinem Spieler möglich ist? Wenn nicht, dann war Federer auf dem Höhepunkt seines Schaffens zumindest nahe dran.

2004 etwa, als er im Finale der US Open zwei der drei einseitigen Sätze gegen Lleyton Hewitt mit 6:0 gewann. Oder 2003, als sein erster Masters-Cup-Sieg im Finale gegen Andre Agassi in nur 96 Minuten zur Machtdemonstration wurde. Vielleicht aber auch im Halbfinale der Australian Open 2007, als Federer einen bemitleidenswerten Andy Roddick nach allen Regeln der Kunst deklassierte und Tennis von einem anderen Stern bot. Danach sagte selbst Federer: "Es war surreal. Ich bin selbst geschockt." Aber war er das wirklich? Man sollte doch perfekt spielen können.

Wer Tennis liebt, muss traurig sein

Gegner Roddick, der eigentlich gerade in der Form seines Lebens gewesen war, aber immer wieder an Federer scheiterte, sagte zu dieser Zeit zum Schweizer: "Ich würde dich gerne hassen, aber du bist echt nett."

Roger Federer

Mehr Ballgefühl als jeder andere: Roger Federer zelebrierte den Tennissport. Getty Images

In der Tat: Federer zu hassen, fällt schwer. Wer Tennis liebt, der muss zwangsläufig ein wenig traurig sein, seine einzigartig schöne Spielweise nicht mehr auf den großen Turnieren der Tour sehen zu können. Die technisch annähernd perfekte Art, den Tennissport auszuüben, sie wird fehlen.

Der Variantenreichtum, mit dem Federer krachende Vorhände mit dem zischenden Rückhand-Slice kombinierte.

Das Ballgefühl bei den ansatzlosen Stops und den direkt hinter das Netz gehauchten Volleys.

Die Ästhetik, mit der Federer teils über den Platz zu schweben schien und mit Leichtigkeit aus der Bewegung schlug.

Die zurückhaltende, höfliche Art auf dem Court, die nur selten von einem gepressten "Come on!" zerhackt wurde.

Und nicht zuletzt die Zeitlupen, in denen Federers Augen, mit einer Sehkraft von 110 Prozent ausgestattet, noch ewig an der leeren Stelle zu kleben schienen, an der gerade noch der Ball für einen Sekundenbruchteil zu stehen vermochte, ehe sein Schläger ihn getroffen hatte. Ohne Vibrationsdämpfer.

Er spielt das schönste Tennis, das ich jemals gesehen habe.

John McEnroe über Roger Federer

Tennis, das ist für Federer ein Gefühl. Und Federer, das ist für viele im Tennis ein Gefühl. "Er ist das größte Naturtalent, das ich jemals gesehen habe und spielt das schönste Tennis, das ich jemals gesehen habe", schwärmte die US-amerikanische Tennis-Legende John McEnroe während der TV-Übertragung des Wimbledon-Finals 2005, in dem Federer mal wieder Roddick nach Belieben dominiert hatte.

2018 befand sein ehemaliger Coach Tony Roche in der "Herald Sun": "Roger spielt das Spiel, wie es gespielt werden sollte. Sein Tennis ist so entspannt, dass es ihn fast keine Energie kostet." Zumindest sah es so aus. Gerade in den Duellen mit seinen späteren Dauerrivalen Rafael Nadal und Novak Djokovic, die ihn letztendlich mit außergewöhnlicher Athletik und Defensivqualität überflügelten.

Mittlerweile haben beide mehr Grand Slams gewonnen als Federer. So gespielt wie er hat keiner.

Michael Bächle

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