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Bestechungsvorwürfe, Final-Drama und Folter bei der WM 1978: Das befleckte Turnier

Argentiniens erster großer Titel und der "andere Aspekt"

Bestechungsvorwürfe, Final-Drama und Folter bei der WM 1978: Das befleckte Turnier

Diese Bild blieb aus sportlicher Sicht in Erinnerung: Der Argentinier Mario Kempes jubelt im WM-Finale von 1978.

Diese Bild blieb aus sportlicher Sicht in Erinnerung: Der Argentinier Mario Kempes jubelt im WM-Finale von 1978. imago images

Mario Kempes weiß es nur zu gut. Er war Torschützenkönig der WM 1978, er schoss Argentinien im Konfetti-Regen des Monumental-Stadions von Buenos Aires zum Titel an jenem 25. Juni 1978. Wenn es um die WM am Rio de la Plata geht, dann geht es aber immer auch um die Militärdiktatur, die damals in Argentinien herrschte. Es ist ein politisch verseuchtes Turnier, das weiß auch der Stürmer Kempes. Er weiß es so sehr, dass er eigentlich gar nicht mehr darüber sprechen möchte. Warum? "Weil es immer um die Militärdiktatur geht. Wir sind Weltmeister, aber immer liegt der Fokus auf dem anderen Aspekt."

Beschämender Auftritt der DFB-Delegation - Empfang eines Wehrmachtsoberst

Muss so sein. Auch für den kicker. Denn in Argentinien herrschte damals eine von Diktator Jorge Videla angeführte Militärjunta. Mit eiserner Hand und viel Blei wurde regiert, gefoltert und getötet. Das Turnier selbst wurde propagandistisch missbraucht. Ein Schatten liegt daher über der WM, die für Titelverteidiger Deutschland mit dem 0:0 gegen Polen im Monumental von Buenos Aires trostlos begann und beim 2:3 gegen Österreich mit der "Schmach von Cordoba" endete. Mindestens genauso beschämend war das sportpolitische Auftreten der deutschen Delegation: Kapitän Berti Vogts erklärte, "keinen politischen Gefangenen gesehen zu haben". Im Quartier der Nationalelf in Ascochinga wurde sogar ein ehemaliger Wehrmachtsoberst empfangen.

Gaben nicht nur sportlich kein gutes Bild ab: Die DFB-Delegation und die Nationalspieler Rüdiger Abramczik, Rainer Bohnhof und Rolf Rüssmann (v. li.). imago images

Politisch brisant ist auch das 6:0 des späteren Weltmeisters Argentinien gegen Peru, das den Gastgebern den Finaleinzug sicherte. War Peru von den Militärs bestochen worden? Bewiesen wurde nie etwas. Kempes freilich glaubt nicht an Schiebung: "Bevor ich zum 1:0 traf, hätten wir schon 0:2 zurückliegen können, bekamen den Ball gegen den Pfosten, einmal ging er knapp vorbei. Dann fiel mein Tor und die Psychologie spielte mit: Für Peru ging es um nichts mehr, sie bauten ab. Wir wurden immer stärker."

50 Millionen Dollar und Getreide für Peru?

Umstritten ist allein schon die Ansetzung, Kontrahent Brasilien musste vor Argentinien antreten, gewann gegen Polen 3:1. Die Albiceleste wusste also, welches Ergebnis zum Finaleinzug notwendig war: ein Sieg mit vier Toren Differenz. Zudem betraten vor dem Spiel Diktator Videla und der frühere US-Außenminister Henry Kissinger die Kabine der Peruaner. Was machten sie da? Es heißt, ein Kredit über 50 Millionen Dollar und eine riesige Lieferung Getreide an Peru sei an Argentiniens Finaleinzug geknüpft gewesen. Manches ist unklar rund um diese WM.

Ob wir wollen oder nicht, haben wir einer kriminellen Regierung geholfen.

Osvaldo Ardiles

Deutlich indes sind die Aussagen des Weltmeisters Ricardo Villa, der vor ein paar Jahren erklärte: "Wir sind politisch missbraucht worden." Und auch Osvaldo Ardiles weiß:"Auf dem Weg zum Titel vergaßen viele, was im Land los war. "Die Fans gaben uns Feuer für das Turnier", erinnerte sich Kempes. Den Ausbruch der Freude nach dem WM-Sieg hörten sogar die Gefangenen im nahe gelegenen Folterzentrum der Mechanikerschule der Marine, der ESMA.

Ein kurzer Fußweg vom Finalstadion zum Folterzentrum

Während der Diktatur von 1976 bis 1983 wurden in der ESMA bis zu 5000 Regimegegner oder auch nur solche, die die Militärs dafür hielten, gefoltert und zumeist ermordet. Viele wurde in Todesflügen über dem Rio de la Plata abgeworfen. Oft bei lebendigem Leib. Vom WM-Stadion Monumental, in dem Deutschland das Turnier eröffnete und in dem Argentinien am 25. Juni 1978 seinen ersten WM-Titel gewann, bis zum Silberfluss sind es nur ein paar Minuten Fußweg. Zur ESMA ist es kaum weiter. Dort wurde gefoltert, während sich das Land mit Kempes' Durststrecke in der Gruppenphase beschäftigte. Der spätere Held traf erst in der Finalrunde: je zweimal beim 2:0 gegen Polen und dem 6:0 gegen Peru und dann auch beim 3:1 im Endspiel gegen die von Ernst Happel trainierten Niederlande.

Argentiniens Kapitän Daniel Passarella erhält den WM-Pokal aus den Händen von Diktator Jorge Videla.

Argentiniens Kapitän Daniel Passarella erhält den WM-Pokal aus den Händen von Diktator Jorge Videla. imago images

Das Finale war ein Drama, das mit minutenlanger Verzögerung begann wegen der Überprüfung von René van de Kerkhofs Tape-Verband am Handgelenk. Argentiniens Kapitän Passarella hatte darum gebeten - eine vor allem psychologische Finte. Doch es hätte auch anders kommen können. Dick Nanningas Ausgleich kurz vor Ende der normalen Spielzeit und vor allem Rob Rensenbrinks Pfostenschuss in den Schlusssekunden schockten die Argentinier. Eine Niederlage wäre der GAU für die Diktatur gewesen. In der Verlängerung aber, passend zur bleiernen Zeit, überrollte die Albiceleste den Gegner. Doch "dass man uns etwas gegeben hätte, um die 30 Minuten durchzustehen" sei "Schwachsinn", regt sich Kempes immer mal wieder auf.

Nachdem der Erfolg Fakt war, hatte das Schicksal ein Auge auf Stars wie Kempes und Trainer Cesar Luis Menotti. Denn kaum hatte die Siegerehrung auf dem Rasen begonnen, stürmten die Fans den Platz. Diktator Videla hatte Mannschaftsführer Passarella den Pokal übergeben, den ersten Spielern noch die Hand geschüttelt, dann löste sich alles auf. Vor der WM hatte Videla die Albiceleste in den Präsidentenpalast Casa Rosada eingeladen. Dabei jedoch schüttelte der Junta-Chef, strenger Blick inklusive, der gesamten Nationalelf-Delegation die Hände. Kempes sagt zwar: "Was drumherum geschehen ist, dafür können wir Spieler nichts." Doch im Nachbarland Chile etwa hatte vier Jahre zuvor Nationalstürmer Carlos Caszely Diktator Augusto Pinochet den Handschlag verweigert.

Argentiniens nachdenklicher Nationaltrainer Luis Cesar Menotti.

Argentiniens nachdenklicher Nationaltrainer Luis Cesar Menotti. imago images

Und Menotti und der verweigerte Handschlag nach dem Finale? Wahrscheinlich war eine Verweigerung im Trubel also gar nicht nötig. Menotti hegte als bekennender Linker keine Sympathie für die Militärs. Darüber spricht er gerne, eloquent und glaubwürdig. Legendär seine Aussage: "Wir besiegten den Terror des Systems." Aber den Satz: "Ich habe den Handschlag verweigert", hört man nicht von ihm.

Happels Niederländer bleiben der Siegerehrung fern

Die Niederländer mit Trainer Happel waren der Siegerehrung ohnehin ferngeblieben, aus Protest gegen die Militärdiktatur. 30.000 Vermisste und Tote sind die Bilanz der Militärdiktatur. Überlebende Gefangene berichteten, wie sie nach dem Finalsieg psychisch gefoltert wurden: Indem sie von den Militärs unter Aufsicht unter die jubelnden Fans geschickt wurden. Und später wieder in ihre Zellen zurück mussten.

Jörg Wolfrum

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