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Bern: Dem Wunder auf der Spur

Eine Suche rund um die Beschreibung des ersten deutschen WM-Titels

Bern: Dem Wunder auf der Spur

Wankdorf-Stadion, Bern

Die deutschen Spielern bejubeln den WM-Titel 1954 in Bern mit zahlreichen deutschen Fans. picture alliance

Das Wunder: Ereignis in Raum und Zeit, das menschlicher Erfahrung und den Gesetzlichkeiten von Natur und Geschichte widerspricht; in den Religionen Wirken Gottes.
(Universal-Lexikon 2004)

Die "Wende" ist auch so ein Fall. Jeder kennt sie, jeder weiß, was gemeint ist. Nämlich die Ereignisse rund um den Mauerfall 1989, kulminierend in der Wiedervereinigung zwischen West und Ost zu einem Deutschland. Doch wüssten Sie, wer diesen Begriff zum ersten Mal gebraucht hat und warum? Doch dieser Frage ist der kicker nicht nachgegangen - wir wollten wissen: Warum heißt das "Wunder von Bern" eigentlich Wunder von Bern? Und nicht anders? Wer ist der Urheber dieses so geflügelten und feststehenden Begriffs, der das Synonym für die WM 1954 und eben Deutschlands Titelgewinn bildet?

Nähern wir uns diesen Fragen von der wissenschaftlichen Seite und schauen auf den Lexikon-Eintrag zu Beginn des Textes: Ein Ereignis in Raum und Zeit war es unbestritten in Bern - egal, wie das Spiel ausgegangen wäre. Zum Wunder wurde das Resultat erklärt, weil es sicher der menschlichen Erfahrung widerspricht, dass der Außenseiter den Favoriten besiegt. Denn nur auf Grund der bisherigen Geschehnisse konnten schließlich beide den Status von David und Goliath erlangen und die verschiedenen Stempel vor dem Duell aufgedrückt bekommen.

Wunder: Etymologie und inflationäre Verwendung

Ob aber dieses 3:2 den Gesetzlichkeiten von Natur und Geschichte widerspricht? Den Gesetzen der Fußball-Geschichte sicher. Als Naturereignis aber müssen die Vorkommnisse jenes 4. Juli 1954 nicht eingestuft werden - schließlich ergänzten Historiker die sieben Weltwunder nicht um ein achtes. Außerdem spielten immer noch elf - und nicht acht - Deutsche gegen elf - wenn auch haushoch favorisierte - Ungarn.

Etymologisch bedeutet das "Wunder": "Ereignisse, Gegebenheiten, Gegenstände, die Verwunderung und Staunen hervorrufen." 1954 staunte bestimmt nicht nur der Fachmann. Den Begriff "Wunder" gebrauchten die Menschen damals, in den 50er oder 60er Jahren, ohnehin sehr inflationär. Da gab es wenig später das "Wirtschaftswunder", das, wenn auch keinen kausalen, so zumindest seinen psychologischen Ursprung im WM-Triumph der Deutschen erfahren hat. Da gab es das "deutsche Fräuleinwunder", als Petra Schürmann als Platzierte der "Miss-Germany-Wahl" - nicht als Siegerin - 1956 zur Miss-World-Wahl durfte und als Gewinnerin zurückkehrte.

Fritz Walter

Fritz Walter wird nach dem Sieg mit dem WM-Pokal getragen. picture alliance

Da gab es einige Jahre später auch das "Wunder von Lengede", die unglaubliche Rettung der verschütteten Kumpel, unlängst verfilmt in SAT.1. Auch im Ausland strapazierte man den Begriff "Wunder". Frankreich erlebte das "Wunder von Lourdes", der Ort der "Wunderheilung" avancierte zur Pilgerstätte für Hunderttausende.

"Müsste es wirklich ein Wunder sein?"

So erklärt sich, warum das Wunder weiterlebte: Es wurde zeitgenössisch transportiert. Doch die Thematik rund um das Wunder hatten die Medien bereits vor der WM 1954 aufgegriffen. "Hoffen wir auf ein Wunder", titelte der kicker in seiner Ausgabe Nr. 24 vom 14. Juni 1954, also drei Tage vorm ersten Vorrundenspiel der Deutschen gegen die Türkei. Der Autor des Vorschau-Textes auf das Turnier, der damalige kicker-Herausgeber Dr. Friedebert Becker, übermittelte aus Spiez: "Aber selbst eine Niederlage gegen Super-Favorit Ungarn zerstört noch nicht alle unsere Hoffnungen."

Gemeint war zunächst die Vorrunde. Und doch gesteht Becker in den folgenden Zeilen: "Insgeheim träumen wir alten Fußballbesessenen ja doch alle davon, dass in der Schweiz ein Wunder geschehe: Deutschland im WM-Endspiel '54!" Um mit einer vagen Hoffnung fortzufahren: "Müsste es wirklich ein Wunder sein?" Übrigens hatte Dr. Becker bereits in seinem WM-Rückblick auf Deutschlands dritten Platz 1934 vom "Wunder von Neapel" geschrieben.

1954 zog sich der Begriff des "Wunders" wie ein roter Faden durch die Berichterstattung: Hans Schiefele, damals Autor der Süddeutschen Zeitung, später kicker-Mitarbeiter und heute noch Ehren-Vizepräsident des FC Bayern München, ließ dem "Wunder von Genf" im Viertelfinale auch das "Wunder von Basel" in seinem Halbfinal-Bericht folgen. Und auch Herbert Zimmermann sprach zu Beginn seiner Endspielreportage von einem "Fußball-Wunder", meinte aber logischerweise nur das Erreichen des Finals. Mit Namensgebungen à la "Wunder von Bern" geizten die Autoren ohnehin nicht: So erklärte die Presse das Viertelfinale Ungarn gegen Brasilien wegen der ruppigen Spielweise und dreier Platzverweise schnell zur "Schlacht von Bern".

Der kicker als Ursprung für das "Wunder"?

Merkwürdigerweise, und dies erschwerte die Suche nach dem Ursprung des "Wunders von Bern", beinhaltete keine uns bekannte Schlagzeile einer großen Zeitung diese drei Worte unmittelbar nach dem Finale. Aber warum in die Ferne schweifen? Direkt in der Ausgabe nach dem Finale (Nr. 27 des Jahres 1954) verfasste jener Friedebert Becker im kicker "lediglich" dieses: "Ja, und nun geschah dieses Wunder..." Doch schon eine Woche später findet derselbe Schreiber in einer großen Analyse rund um die WM diese Worte: "...dass der DFB durch das Wunder von Bern aufgerüttelt worden ist,..."

Er schrieb es. Einfach so. So und nicht anders. Nicht in großen Lettern, auch nicht in Anführungsstrichen. Es ist sicher nicht abschließend zu beweisen, dass dieser Begriff, später ein Mythos, hier geboren wurde. Aber klar ist auch: Er stammt eben unmittelbar aus dieser Zeit nach jenen Tagen von Bern und entstand nicht erst Jahre oder gar Jahrzehnte später. Zurück zum "Wunder von Bern". Auch der Politik-Wissenschaftler Dr. Arthur Heinrich, der das Buch "Tooor! Toor! Tor! 40 Jahre 3:2" schrieb, hat sich mit der Thematik befasst: "Ich denke, dieser Begriff vom 'Wunder von Bern' ist auch der Sentimentalität der Zeit entsprungen."

Filmplakat

Das Plakat zum Film "Das Wunder von Bern" von 2003. picture alliance

Wohl wahr. Denn was Fußball-Lehrer Dettmar Cramer noch heute als "Explosion des deutschen Selbstwertgefühls" umschreibt, war für Heinrich "die wahre Geburtsstunde der Bundesrepublik". Das im Krieg besiegte, das zerstörte, zerbombte und das ungeliebte Deutschland "war endlich wieder wer", und dies nicht in einem gefährlich-nationalistischen Denken - das Bewusstsein war geweckt, mit großem Einsatz auch Unvorstellbares - eben ein Wunder - erreichen zu können.

Das "Wunder" als Geburtsstunde der deutschen Tugenden

Elf Fußballer hatten dafür gesorgt, dass die Welt ab diesem Zeitpunkt die Begriffe "Kampfgeist, Einsatz, Willen und Leidenschaft" als deutsche Tugenden deklarierte. So sind auf einem großen Plakat des koreanischen Autoherstellers "Daewoo" die geehrten Deutschen von 1954 zu sehen. Dazu sind die folgenden Zeilen zu lesen: "Bern, 4. Juli 1954 - 8. Minute, Czibor 0:2 - Was wäre wohl gewesen, wenn die Jungs jetzt aufgegeben hätten? - 84. Minute, Rahn 3:2. - Es lohnt sich zu kämpfen!"

Fußball-Wunder gab es schon oft. Doch keines hatte auch nur annähernd eine so lange Haltbarkeitszeit. Ganz zu schweigen vom historisch minder bedeutenden Wert. Oder aber, und da sind wir wieder am Anfang, ist auch dieses "Wunder von Bern" ein Wirken Gottes? Für viele ist schließlich auch Fußball eine "Religion"...

Wie auch immer, das "Wunder von Bern" wurde geboren - und es lebt durch den überragenden Kinofilm gleichen Titels weiter. Interessant: Seit 1954 betitelte niemand die drei EM- oder folgenden zwei WM-Erfolge ähnlich euphorisch. Einfach, weil Deutschland sich im Laufe der Zeit in der Fußball-Weltspitze etablierte.

Thomas Böker

WM 1954 - Das Wunder von Bern

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