Champions League

Benitez im Interview: "Ich brauche keine Super League"

62-jähriger Trainer über die Königsklasse, die Bundesliga und Angebote

Benitez im Interview: "Ich brauche keine Super League"

Die Entwicklung des Fußballs gefällt ihm teilweise nicht: Rafa Benitez.

Die Entwicklung des Fußballs gefällt ihm teilweise nicht: Rafa Benitez. imago images/Shutterstock

Egal, ob das 3:3 in der Nations League zwischen England und Deutschland oder Spiele, die schon lange zurückliegen, oder auch der tolle Start von Union Berlin - Rafa Benitez ist ein Fußballjunkie, dem nichts entgeht. In der vergangenen Saison war er noch Coach des FC Everton, aktuell gibt es Gerüchte um eine Anstellung bei Premier-League-Aufsteiger Nottingham Forest. Er gehört zu den wenigen internationalen Toptrainern, die aktuell ohne Job sind und jederzeit in einer großen Liga anfangen könnten.

Herr Benitez, die Champions League nimmt langsam Fahrt auf. Wie sehr juckt es, bald selbst wieder an der Linie zu stehen?

Klar wäre ich gerne wieder auf dem Platz, wenn der große internationale Fußball gespielt wird. Ich liebe meinen Job, also die Spieler zu entwickeln, mich mit anderen zu messen und vor allem: zu gewinnen. Ich weiß, wie’s geht.

Was halten Sie für Ihre größte Stärke?

Ich denke, es ist die Erfahrung. Die Leute reden gerne über den modernen Fußball, aber das Fundament ist doch immer dasselbe: Chancen rausspielen, Tore schießen, gewinnen. Und wenn man eben routiniert ist, weiß man, wie man es angehen muss, auch, wie man mit Druck umgeht. Ich habe schon viele Teams gesehen, die schönen Fußball gespielt haben. Aber letztlich geht es doch ums Gewinnen, ich möchte beides vereinbaren.

Viele Fans halten die Gruppenphase der Champions League für langweilig, weil sich immer dieselben Teams durchsetzen. Aktuell aber strauchelten schon Liverpool, Chelsea, Juve, Atletico - fliegt vielleicht doch mal einer frühzeitig raus?

Ich denke nicht. Nehmen wir ManCity gegen Dortmund, das Spiel habe ich gesehen. Die Borussia war nah dran, und doch setzte sich der Favorit durch. All die Teams werden da sein, wenn es drauf ankommt, wegen des besseren Kaders.

In knapp zwei Jahren gibt’s dann die Reform - wird es dann spannender oder doch zäher mit einer großen Tabelle?

Derzeit ist das Format zwar auch okay, aber man sieht, wie die Schere auseinandergegangen ist. Ob sich das ändert? Ich weiß es nicht, denn wir müssen erstmal den neuen Modus kennenlernen.

Länderspiele, die 8:0 enden oder so - das ist nicht gut für den Fußball.

Rafa Benitez

Glauben Sie denn, dass die Champions League generell eine Zukunft hat, oder setzt sich früher oder später die Super League durch, obwohl sie derzeit noch auf breite Ablehnung stößt?

Ehrlich gesagt: Ich mag diese Idee nicht, die da manche Topklubs hatten. Ich brauche auch keine Super League, denn die nationalen Ligen und die Champions League sind interessant genug. Andererseits muss man aber die Entwicklung im Auge behalten. Man sieht es an Länderspielen, die 8:0 enden oder so - das ist nicht gut für den Fußball. Also sollte es auch bei den Klubs spannend zugehen.

Aber nicht immer gewinnen die mit dem besten Kader den Pott, siehe City. Ist Haaland das fehlende Puzzleteil, damit es im siebten Anlauf unter Pep Guardiola in dieser Saison klappt?

Es gab schon Spiele, in denen Haaland nicht so involviert war, wie man sich es gewünscht hätte bei City. Aber er wird weiter seine Tore machen, er ist eine Bereicherung für jedes Team. Entscheidend bleibt aber, wie oft er ins Match gut einbezogen wird. Das ist nicht immer leicht, wenn man sieht, wie wenige Räume City gegen tiefstehende Gegner hat. Dennoch gibt Haaland den Skyblues andere Möglichkeiten, erfolgreich zu sein.

Während meiner ersten Wochen wollte ich auf dem Trainingsplatz mal sagen: "Achtung, es ist windig", also "windy", ich sagte: Wein, also "vine".

Rafa Benitez

Haben Sie Duelle mit Guardiola geliebt, weil Sie die taktischen Mindgames ebenso beherrschen? Oder wollten Sie lieber nicht gegen ihn spielen?

(lacht) Nein, nein. Ich mag es immer, mich mit großen Gegnern zu messen. Ein Schlüssel in den Matches gegen seine Teams ist, dass man darauf achten muss, wie sehr sie den Keeper ins Spiel einbinden. Dies und ihre große Qualität lassen sie die Partien dominieren. Nehmen Sie England gegen Deutschland: Die meisten Chancen der Engländer resultierten aus Kontern. Mit wenig Raum können nur wenige Teams ihren Gegnern Probleme bereiten, aber Pep Guardiolas Mannschaften reichen kleine Räume.

Vor Haaland ließ er oft mit falscher Neun spielen. Denken Sie, dass jedes Team Typen wie Haaland, Robert Lewandowski, Harry Kane braucht, echte Mittelstürmer, um erfolgreich zu sein?

Falsche oder echte Neun - das ist nicht entscheidend. Ich mag vor allem intelligente Spieler, die diese Rolle da im Sturmzentrum ausfüllen können, gute Abschlüsse haben. Die einen lassen sich mehr, andere weniger fallen. Und: Eine falsche Neun ist nur sinnvoll mit starken Flügeln. Wenn von dort oder überall aus dem Offensivbereich Tore erzielt werden können, ist eine falsche Neun ein zusätzliches Element. Wenn man aber zum Beispiel mit hinterlaufenden Außenverteidigern agiert, ist ein Abnehmer für Flanken ebenso wichtig.

Steven Gerrard und Rafa Benitez mit der Champions-League-Trophäe.

Gemeinsam auf dem Gipfel des Vereinsfußballs: Steven Gerrard und Rafa Benitez nach dem Champions-League-Triumph mit dem FC Liverpool 2005. picture-alliance/ dpa

Sie haben die Champions League 2005 mit echten Neunern gewonnen. 0:3 stand es zur Pause gegen Milan im Finale. Ihr Ex-Spieler Didi Hamann sagte, Sie seien in der Pause ruhig geblieben. Wie schwer fiel Ihnen das?

Ganz ehrlich? Ich war damals noch viel jünger, 45 Jahre, war am Ende meiner ersten Saison in England. Es war nicht einfach, gerade mit der Sprache. Dass wir letztlich im Elfmeterschießen noch gewonnen haben, war ein Wunder. Aber ich glaube nicht, dass wir das geschafft hätten, wenn ich mit meinem nicht perfekten Englisch getobt hätte in der Kabine. Während meiner ersten Wochen wollte ich auf dem Trainingsplatz mal sagen: "Achtung, es ist windig", also "windy", ich sagte: Wein, also "vine". Heute kann ich darüber schmunzeln, aber wenn dir so etwas in einem Finale passiert, verlierst du die Kontrolle, deine Botschaft. Grundsätzlich ist die Sprache wichtig, aber auch nicht das alles Entscheidende: Man muss das Spiel verstehen, man muss wissen, wie man gewinnen kann.

Ich habe noch nie in Deutschland gearbeitet, aber ich mag die Art der Deutschen, ihre Mentalität, Professionalität.

Rafa Benitez

Auch wenn Sie aus Spanien kommen, aus Madrid, und für Real gearbeitet haben - sind die Reds Ihr Herzensklub für alle Zeiten, schließlich wohnen Sie ja auch noch in Liverpool?

Real ist wichtig, aber ich war auch in Teneriffa, Valencia glücklich. Liverpool war schon speziell, ja, allein schon, weil ich dort sechs Jahre war, das ist eine lange Zeit. Aber auch in Newcastle oder Neapel war es fantastisch. Und wissen Sie was? Ich habe noch nie in Deutschland gearbeitet, aber ich mag die Art der Deutschen, ihre Mentalität, Professionalität.

Also - wann sehen wir Sie dann hier, zum Beispiel irgendwann mal bei Bayern, das ja auch immer ambitioniert ist, die Königsklasse zu gewinnen?

Ich mag die Bundesliga, ihre Stadien, ihre Finanzkontrolle, verfolge sie. Franz Beckenbauer war mein Idol, als ich jünger war. Aktuell finde ich gut, wie Union und Freiburg mitmischen, es ist immer interessant. Zu Bayern möchte ich konkret nichts sagen, auch wenn ich weiß, wie Sie die Frage meinen. Aber die haben mit Julian Nagelsmann einen jungen, guten Trainer. Grundsätzlich, ja, wäre die Bundesliga eine Herausforderung.

Wo wir gerade bei den Deutschen sind: Wie bewerten Sie Jürgen Klopps Arbeit in Liverpool, wie nachdenklich stimmt Sie die Entlassung eines Kollegen wie Thomas Tuchel bei Chelsea?

Beide sind großartige Trainer, die einen Plan verfolgen, Deutschland toll vertreten. Sie haben das Element des aggressiven Pressings forciert. Jürgen Klopp hat einen unglaublichen Spirit, auch darüber gewinnt er Spiele, Titel. Thomas Tuchels Entlassung kam überraschend, aber eine Erklärung von außen ist schwierig.

Wer weiterkommen will, muss investieren.

Rafa Benitez

Sie erwähnten Newcastle als eine gute Station. Wie traurig sind Sie persönlich, dass sich ein Klub mit dieser Tradition und Leidenschaft nun Eignern aus einem Unrechtsstaat wie Saudi-Arabien verschrieben und die Premier League dies zugelassen hat?

Als ich da war, haben alle zusammengestanden, sich über den Aufstieg und den Klassenerhalt in der Premier League gefreut. Aber wer weiterkommen will, muss investieren. Grundsätzlich müssen wir akzeptieren, dass manche Leute Entscheidungen treffen und treffen müssen. Jeder kann aber in seinem Umfeld Gutes tun und helfen, das können wir beeinflussen, anderes nicht. Meine Familie und ich betreuen viele soziale Projekte.

Demnach gehören Sie zu den Menschen, die der Ansicht sind, dass auch eine WM in einem Land wie Katar sinnvoll sein kann, weil man nur so Einfluss auf Entwicklungen dort nehmen kann?

Die Antwort darauf wird die Zeit nach dem Event geben, wenn man sieht, ob sich dort tatsächlich etwas verbessert. Dazu braucht man Leute, die sich wirklich engagieren und etwas verändern wollen.

Sie waren bisher kein Nationaltrainer. Steht das noch auf Ihrer Agenda?

Ja, klar. Aber erst mal möchte ich noch jede Woche auf dem Platz stehen und meine Erfahrung weitergeben. Aber interessant kann das durchaus irgendwann mal werden.

Benitez hat Angebote abgelehnt, "weil nicht Geld das Wichtigste ist, sondern Erfolg mit dem Team"

Wenn ein Angebot aus einem Land käme, bei dem die Menschenrechte nicht respektiert werden - sprich: Wo ziehen Sie, der auch Vereinstrainer in China war, da eine Grenze?

Es gab tatsächlich solche Angebote, ich habe sie dann abgelehnt, weil ich nun lieber in Europa arbeite. Und weil nicht Geld das Wichtigste ist, sondern Erfolg mit dem Team. Wenn das passt, werde ich wieder einen Klub übernehmen in Europa.

Apropos Geld: Was meinen Sie dazu, dass der FC Barcelona quasi gerade seine Zukunft verkauft, um mit Transfers wie Lewandowski zu glänzen?

Letztlich unterliegt alles strenger finanzieller Kontrolle, gerade in Spanien. Aber man muss die Vorgaben analysieren und eine Balance finden.

Bei Real Madrid läuft es indes gut. Wie sehen Sie das Innenverteidiger-Duo David Alaba/Antonio Rüdiger?

Rüdiger hat es in England super gemacht, er hat das Potenzial, sich auch bei Real zu behaupten. Und Alaba habe ich aufgrund seiner Vielseitigkeit schon immer gemocht.

Abschließend: Wer gewinnt die Champions League, wer wird Weltmeister?

In der Königsklasse gibt es so viele gute Klubs, da möchte ich mich jetzt nicht festlegen. Gleiches gilt eigentlich auch für die WM, aber hier sehe ich Brasilien derzeit noch einen Tick vor den anderen Topteams.

Interview: Thomas Böker