EM

Melanie Behringer im Interview: "Der Anspruch sind Titel"

Weltmeisterin blickt auf die EM

Behringer im Interview: "Hinter Spanien und England hinken wir ein bisschen hinterher"

Traut der deutschen Nationalmannschaft den Titel zu: Melanie Behringer.

Traut der deutschen Nationalmannschaft den Titel zu: Melanie Behringer. Getty Images for DFB

Als Fußballspielerin hat Melanie Behringer fast alles erreicht, was man sich für eine erfolgreiche Karriere wünschen kann: Weltmeisterin 2007, Europameisterin 2009 und 2013, Olympiasiegerin 2016 und vieles mehr. Seit 2019 ist sie als Co-Trainerin neben Teamchefin Friederike Kromp und der zweiten Co-Trainerin Julia Simic bei der U-17-Nationalmannschaft tätig, die im Mai den Europameistertitel holte. Mit internationalen Turnieren kennt sich die 36-Jährige also aus, die nun mit Spannung auf die Europameisterschaft in England blickt.

Der Europameistertitel mit der U 17 liegt inzwischen einen guten Monat zurück. Wie haben Sie das Turnier rückblickend erlebt, Frau Behringer?

Das war ein Riesenturnier von uns. Es war schon sehr knackig, dass wir innerhalb von 13 Tagen fünf Spiele hatten, aber die Mädels haben das super gemeistert. Es hat riesigen Spaß gemacht und im Nachhinein ist man einfach stolz auf die Leistung der Mädels.

Sie haben selbst zwei Europameistertitel mit der A-Nationalmannschaft gewonnen. Was ist Ihnen davon besonders in Erinnerung geblieben?

2009 war meine erste Europameisterschaft in Finnland. Da habe ich im Finale gegen England das Tor zum 2:0 geschossen, das zum "Tor des Monats" gewählt wurde. In Erinnerung geblieben ist mir aber auch meine zweite EM 2013 in Schweden. Da habe ich wenig gespielt, nur ein Spiel über 20 Minuten gemacht. Das war nicht mein Turnier.

Für einige Spielerinnen im deutschen Kader ist die kommende EM in England ebenfalls das erste große Turnier. Was würden Sie diesen Spielerinnen raten?

Sie sollen auf jeden Fall locker in das Turnier gehen, nicht verkrampfen. Oftmals ist es aber auch so, dass die Spielerinnen bei ihrem ersten Turnier nicht wissen, was auf sie zukommt, und deshalb schon eine gewisse Lockerheit reinbringen. Ich wünsche den jungen Spielerinnen vor allem, dass sie dieses Erlebnis genießen, dass sie es aufsaugen können, gerade in den vollen Stadien. Vor so einem Publikum ist das natürlich etwas ganz Besonderes.

Sie sprechen die Kulisse an. Hätten Sie in diesen vollen Stadien auch gerne noch gespielt?

Definitiv! Ich habe mir oft gewünscht, vor vollem Haus zu spielen. Das ist das Schönste für eine Spielerin, und das wünscht man allen. Ich freue mich, dass es bei der EM in England tatsächlich so weit ist und es hoffentlich auch in Deutschland in Zukunft immer mehr Unterstützung von den Rängen geben wird.

In England werden jetzt alle Spiele der Liga auf Sky gezeigt. Da müssen wir auch schnellstmöglich hinkommen.

Melanie Behringer

Werden Sie sich denn ein Spiel live in England anschauen?

Wenn es möglich ist, nach England zu reisen, dann gerne. Ansonsten versuche ich natürlich, alle Spiele am Fernsehen anzuschauen.

Wer ist aus Ihrer Sicht der Favorit auf den EM-Titel?

Ich sehe Spanien, Frankreich, England und Schweden als Favorit. Deutschland darf man aber auch nie abschreiben.

Gibt es eine deutsche Spielerin, die dem Turnier ihren Stempel aufdrücken könnte?

Sara Däbritz: Sie hat schon sehr viel internationale Erfahrung gesammelt und ist zu einer absoluten Führungspersönlichkeit geworden.

Und wer hat das Zeugt dazu, der große internationale Star dieser EM zu werden?

Das wird sich erst im Verlauf des Turnieres herauskristallisieren. Ich würde mir aber wünschen, dass es eine deutsche Spielerin wird.

Wo sehen Sie den deutschen Fußball aktuell im internationalen Vergleich?

Gerade Spanien und England stecken sehr viel Geld in den Frauenfußball. Ich glaube, da hinken wir ein bisschen hinterher, auch was die Medienpräsenz angeht. In England werden jetzt alle Spiele der Liga auf Sky gezeigt. Da müssen wir auch schnellstmöglich hinkommen.

Kommen wir mal zu Ihrem beruflichen Werdegang. Sie besitzen bereits seit 2019 die Trainer-A-Lizenz und haben in der Saison 2020/21 den SC Freiburg II in der Regionalliga trainiert. Warum nur eine Saison?

Ich wurde gefragt, ob ich Lust hätte, das Traineramt im Nebenjob zu übernehmen. Zudem hatte ich den Job beim DFB auf Honorarbasis, mein Studium und war auch noch halbtags beim Skiverband Schwarzwald tätig. Das war insgesamt einfach zu viel. Als ich dann vom DFB das Angebot für eine volle Stelle bekommen habe, war ich natürlich glücklich und habe mich dafür entschieden.

Sie sind auch sozial sehr engagiert…

Ja, wir haben letztes Jahr "Charity11" gegründet, das die Expertise aus Profifußball, professioneller Spielerberatung, Ökonomie und dem Verständnis von sozialem Engagement verbindet. Unser Ziel ist es, Gesellschaft und Profifußball wieder enger zueinander zu bringen. Mit Anja Pfluger vom 1. FC Köln, die zweimal den Blutkrebs besiegt hat, hatten wir zum Beispiel gerade ein Projekt. Dabei sind wir auf vier Unikliniken (Heidelberg, Schwabing/München, Ulm, Freiburg) zugegangen und haben den jeweiligen kinderonkologischen Stationen das Angebot gemacht, dass jedes Kind etwas auf unseren Wunschzettel schreiben darf, zum Beispiel eine Videobotschaft oder eine Autogrammkarte ihres Lieblingsspielers oder ihrer Lieblingsspielerin. Das ist einfach wunderschön, wenn man den Kindern und den Eltern eine Freude bereiten kann. Außerdem bin ich seit Anfang des Jahres Kinderfußballpatin des Südbadischen Fußballverbandes. Ich finde es einfach wichtig, dass die Kleinen Fußball spielen, dass sie Spaß daran haben. Und ich glaube, es ist für die Kleinen auch wichtig, dass sie Vorbilder haben, denen sie nacheifern können.

EM in England

Sie haben bereits 2010 Ihr Fernstudium zur Sportfachwirtin an der IST-Hochschule abgeschlossen, vor kurzem auch noch den Bachelor "Fitness and Health Management". Inwiefern kann Ihnen das künftig helfen, welchen Werdegang streben Sie an?

Aktuell sehe ich mich im Fußball, aber so ein Abschluss kann in jedem Bereich helfen. Ich wollte neben dem Fußball auch immer etwas dazulernen, nicht nur selbst spielen. Deshalb war es für mich wichtig, auch den Bachelor noch dranzuhängen. Aber ich hatte nie die Intention, dass ich zu irgendeinem Zeitpunkt ein bestimmtes Ziel erreichen muss. Momentan gefällt es mir sehr gut in der U 17, und dann mal sehen, was die Zukunft noch bringt.

Sie könnten sich also auch in Zukunft eine Trainertätigkeit vorstellen?

Ja, definitiv! Ich wollte mich einfach breit aufstellen, damit ich in alle Richtungen offen bin.

Blicken wir noch einmal nach England: Was trauen Sie der deutschen Mannschaft in diesem Jahr zu?

Wir haben mit Spanien, Dänemark und Finnland eine sehr gute, schwierige Gruppe erwischt. Der Anspruch von Deutschland ist es natürlich, Titel zu holen, aber ich glaube, es wird sehr schwer. Die Vorbereitung war nicht optimal mit den angeschlagenen Spielerinnen, und dann war Alex Popp auch noch Corona-positiv. Trotz allem kann das auch zusammenschweißen, deswegen bin ich sehr gespannt. Ich drücke auf jeden Fall die Daumen und hoffe, dass sie es bis zum Ende packen!

Interview: Susanne Müller

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