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Ballacks Kollaps und Terrys Augen, leerer als jede Flasche

Als der DFB-Kapitän mit Chelsea das Finale von Moskau verlor

Ballacks Kollaps und Terrys Augen, leerer als jede Flasche

Die Vorentscheidung: Ein bitterer Moment für Chelsea und Michael Ballack, als John Terry den Elfmeter verschießt.

Die Vorentscheidung: Ein bitterer Moment für Chelsea und Michael Ballack, als John Terry den Elfmeter verschießt. picture-alliance

Es gibt ja Wege, die hält man für weit. Zum Supermarkt. Dann wird doch mal das Auto genommen, wenn die Zahnpastatube leer wird. Oder so. Nicht sehr Greta-freundlich, eher schlecht, aber alles andere wäre wohl geheuchelt. Jedenfalls - wer schon mal in Moskau war, der wird den Begriff "weit" für sich höchstwahrscheinlich neu definieren.

Moskaus U-Bahn hält eine Mutprobe parat

Die Stadt ist ohnehin ein Koloss, ein Moloch, der einen zu verschlingen droht. Und wo im Fußball kurze Wege im Mittelfeld ratsam sind, gelten sie in Moskau als Fremdwort. Im US-amerikanischen Pendant, in Washington, steht das Pentagon. Das ist so konzipiert, dass man von keinem Punkt zum anderen länger als sieben Minuten laufen muss. Ein Traum. In Moskau hingegen kann man schon mal Plattfüße bekommen. Auf dem Weg zur U-Bahn-Station des Luschniki-Stadions zum selbigen, zum Beispiel. Schier endlos zieht sich das, Google maps sagt zwölf Minuten, aber nicht ohne Motor an den Füßen, anders kann das nicht gemeint sein. Und wenn man glaubt, man sei nach tatsächlich eher 25 Minuten endlich da, muss man gegebenenfalls noch einmal um den Pudding laufen. Oder ums Stadion. Ach ja, apropos U-Bahn: Auch den Begriff "Angst" könnte für die Menschen neu entdeckt werden, die dort mit der Metro fahren. Schnell ist gut. Klapprig ist nicht gut. Schnell und klapprig zusammen lässt einen schon mal spontane Stoßgebete senden. Aussteigen ist dann ein deutlich angenehmeres Gefühl als einzusteigen.

Das hier soll aber gar kein Reisebericht sein. Aber es sind markante Erinnerungen rund um das Champions-League-Finale 2008. Ein geiles Spiel übrigens. Die Premier League unter sich. Vier Jahre später wäre das cooler gewesen, weil da Wembley der Endspielort war. Nun aber müssen die Teams von Manchester United und dem FC Chelsea sowie Zehntausende von Fans von England nach Moskau fliegen. Und nur einer würde glücklich zurückreisen. Wer das Ergebnis nicht kannte, musste sich nur in der Mixed Zone in den Katakomben der riesigen Stadionschüssel aufhalten. Die Augen von John Terry waren leerer als alle Flaschen, die Giovanni Trapattoni rund zehn Jahre zuvor meinte. Terry war Kapitän der Blues. Und hauptsächlich an ihm lag es, dass die anderen feiern durften, die Red Devils.

Selbst Ronaldos Fehlschuss hilft nicht - Ballack kollabiert

Mit den besten Wünschen hatten Michael Ballack und seine Kollegen vom FC Chelsea ihren Kapitän zum Elfmeterpunkt begleitet. Doch dann Terrys Ausführung: Halb zog es ihn, halb sank er hin. Er rutscht aus, als er schießt. Der rechte Pfosten. Klatsch. Von dort landet der Ball virtuell in dieser Nacht am 21. Mai 2008, der Nacht eines hochdramatischen Finals direkt im Herzen Ballacks. Entmutigt, schockiert fällt er um, seine Mitspieler, die das sportliche Drama nebeneinander aufgereiht mit ihm von der Mittellinie aus betrachten, können ihn nicht auffangen. Ballacks Kreislauf war okay, doch er war komplett desillusioniert. Das Ganze war letztlich so etwas wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Denn United hatte durch diesen Fehlschuss Terrys noch gar nicht gewonnen. Aber Chelsea hatte es versäumt, den Triumph zu besiegeln. Obwohl Ballack als erster Chelsea-Schütze nervenstark verwandelt hatte, obwohl Cristiano Ronaldo an Petr Cech gescheitert war. Doch am Ende jubelte der Portugiese, damals ein angehender Weltstar. Denn nach Terry treffen für die Red Devils noch Anderson und der ewige Ryan Giggs, für Chelsea nur der heute suspendierte Berliner Corona-Sünder Salomon Kalou. Nicolas Anelka schließlich patzt gegen Manchesters Keeper Edwin van der Sar, der im Dauerregen von Moskau - also dem passenden Ambiente zu einem rein englischen Duell - zum finalen Helden des neunten Endspiel-Elfmeterschießens in diesem Wettbewerb avanciert. 6:5 für ManUnited!

Der Blues-Ballack

Ballack bleibt der Henkelpott versagt

Viel später als der scheinbar flüchtende Terry, der sich für das Auflegen seines Parfüms wohl mehr Zeit genommen hatte als für seinen Elfmeter, schleicht auch Ballack Richtung Mannschaftsbus. Seine Traurigkeit: greifbar. Er senkt den Blick, schweigt. Der Kapitän der Nationalelf, der so viele nationale Titel gewann, bleibt dieser Henkelpott versagt. Anders als zuvor Rudi Völler (1993 mit Marseille), Bodo Illgner (1998 mit Real Madrid) und Didi Hamann (2005 mit Liverpool) verlässt dieser deutsche Star bei einem ausländischen Klub sein Champions-League-Finale als Verlierer. So wie Jens Lehmann zwei Jahre zuvor mit Arsenal gegen Barça, bei dem der Torwart sogar früh vom Platz flog und eine Mitschuld trug.

Die trifft Ballack nicht. Er liefert ein gutes Spiel, bekommt die kicker-Note 2,5 - und steht doch mit leeren Händen da. Der Kollege der Bild-Zeitung auf der Pressetribüne, hatte übrigens seiner Redaktion telefonisch durchgegeben, dass doch alle Chelsea-Spieler die Note 1 bekommen sollten, wenn Terry verwandelte. Es blieb dann bei gewöhnlichen Noten. Sinnvollerweise.

Chelsea verdient sich den Ausgleich - Drogba sieht Rot

Das Spiel hatte zuvor alles mitgebracht: Cristiano Ronaldo hatte mit einem herrlichen Kopfball United dem Spielverlauf gemäß in Führung gebracht, der Ausgleich durch den heutigen Trainer Frank Lampard kommt kurz vor der Pause überraschend - Chelsea verdient sich dieses Tor aber quasi nachträglich, weil es im zweiten Durchgang Druck macht, die besseren Chancen hat. Da fällt dann auch die Fehlentscheidung von Trainer Avram Grant nicht mehr so ins Gewicht, den bärenstarken Mittelfeldspieler Michael Essien als rechten Außenverteidiger aufzubieten. In der Verlängerung sieht Didier Drogba rot und bekommt Rot für seine Tätlichkeit gegen Nemanja Vidic. Ein guter Elfmeterschütze weniger. Und so holt Manchester United zum dritten Mal den Henkelpott, wie schon 1999 gegen Bayern triumphiert wieder mal Trainer Sir Alex Ferguson - bedenkt man diesmal Cristiano Ronaldos Fehlversuch im Elfmeterschießen, erneut aus einer fast aussichtslosen Situation. In der Nacht, als Terry ausrutschte und Ballack zusammenbrach.

Der Weg zur U-Bahn fühlte sich für die enttäuschten Chelsea-Fans wohl doppelt so weit an. Ob das Klappern des wackligen Wagons nach diesem Elfmeter-Drama noch jemanden in Angst und Schrecken versetzt hat, ist nicht überliefert.

Thomas Böker

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