Bundesliga

"Ballack will jetzt etwas beweisen"

Leverkusen: Rudi Völler im kicker-Interview

"Ballack will jetzt etwas beweisen"

"Natürlich habe ich eine besondere Beziehung zu Michael": Bayer-Sportchef Rudi Völler bei Michael Ballacks Vorstellung.

"Natürlich habe ich eine besondere Beziehung zu Michael": Bayer-Sportchef Rudi Völler bei Michael Ballacks Vorstellung. picture-alliance

kicker: Herr Völler, am Mittwoch stellte Bayer Leverkusen Michael Ballack offiziell vor. Sie kennen ihn seit vielen Jahren. Hatte dieser Transfer für Sie auch eine menschliche Komponente?

Rudi Völler: Natürlich habe ich eine besondere Beziehung zu Michael. Aber so weit würde ich nicht gehen. Der Hauptgrund für seine Verpflichtung war die Überzeugung, dass er uns sportlich helfen kann. Michael kann uns nach vorne bringen und wir ihn. Er kann seine Qualitäten in einer funktionierenden Mannschaft einbringen.

kicker: Wie?

Völler: Offensiver als bei Chelsea! Michael ist ein Spielertyp, der seine Stärken dann hat, wenn er in die Spitze stoßen kann. Das soll er machen, seine Torgefährlichkeit ausspielen.

kicker: Wird er die als 33-Jähriger noch haben?

Völler: Davon bin ich überzeugt. Michael wird topfit hier antreten.

Das hat der Philipp unterschätzt.

Rudi Völler über Lahms Aussagen während der WM in Richtung Kapitänsamt

kicker: Er sprach davon, mit Bayer einen Titel holen zu wollen. Ist das nicht zu forsch?

Völler: Wir sind in drei Wettbewerben. Und wie schnell man ins Pokalfinale kommen kann, haben wir 2009 erlebt. In der Europa League sind starke Teams dabei, in der Liga sind die Bayern das Maß aller Dinge. Wenn man die Champions League erreicht, ist das heutzutage auch so etwas wie ein Titelgewinn.

kicker: Das wird schwer genug...

Völler: Machen wir uns nichts vor, ein Platz in der Champions League ist immer für die Bayern reserviert. Aber danach kommen fünf, sechs Teams, die sich um die anderen Plätze balgen. Und da sind unsere Chancen gegenüber der Konkurrenz mit Michael Ballack besser geworden.

kicker: Ballack wirkt sehr motiviert. Hat das etwas zu tun mit Philipp Lahms Aussagen während der WM Richtung Kapitänsamt?

Völler: Das hat der Philipp unterschätzt. Aber Fakt ist, dass Michael umso mehr brennt. Und das ist gut für uns. Er will jetzt etwas beweisen, obwohl er keinem mehr etwas beweisen muss. Ich bin unabhängig von diesem Thema davon überzeugt, dass beide gemeinsam noch viele gute Spiele für Deutschland absolvieren werden.

kicker: Mussten Sie eigentlich viel Überzeugungsarbeit leisten, ehe Sie Michael zum Wechsel überredet hatten?

Völler: Er hatte ja viele Angebote, das machte die Entscheidung sicherlich nicht einfacher. Weil es ja gute Klubs waren, die ihn wollten. Es gab auch bessere finanzielle Angebote. Aber unsere Argumente gaben dann letztlich im Paket den Ausschlag.

kicker: Welche waren das?

Völler: Nach dem Abschiedsspiel von Bernd Schneider, als er hier gefeiert wurde, wusste Michael, dass ihn die Menschen mit offenen Armen empfangen. Diese Euphorie, dann das tolle neue Stadion und die junge Mannschaft, das gab in den Gesprächen mit Jupp Heynckes, Wolfgang Holzhäuser und mir den Ausschlag.

kicker: Der Dauerkartenverkauf boomt, auch der Verkauf von Ballacks Shirt. Haben Sie das Geld für den Star-Einkauf bald wieder drin?

Völler: Schön wär's! Das ist sicherlich ein angenehmer Nebeneffekt. Aber es ist ja auch kein Geheimnis, dass bei diesem Transfer die Bayer AG mit dem Vorstandschef Werner Wenning wie eine Wand hinter uns stand. Das hat die Aktion erst ermöglicht.

"Kießling muss jetzt dranbleiben"

kicker: Themenwechsel: Der Boulevard bezeichnet Leverkusens Nationalspieler als "Verlierer". Müssen Sie vor der Saison psychische Aufbauarbeit betreiben?

Völler: Quatsch! Das sind keine Verlierer, das sind Pechvögel. Ob Ballack, Adler oder Rolfes: Sie wären alle im Team gewesen. Auch Helmes Chancen standen gut. Sie alle haben sich verletzt. Das ist Pech!

kicker: Und Kießling?

Völler: Klar, Stefan hätten wir mehr Einsätze gegönnt. Er muss jetzt dran bleiben und genauso konzentriert und hart arbeiten wie in der vergangenen Saison. Das gilt aber auch für Patrick Helmes, Stefan Reinartz, Gonzalo Castro - wir haben jede Menge Potenzial in diesem Kader. Verlierer sind wir sicher nicht.

kicker: René Adler stuft sich selbst nach der WM nur noch als Nummer zwei hinter Manuel Neuer ein...

Völler: Für jetzt ist das in Ordnung. Ansonsten prophezeie ich einen fairen und korrekten Zweikampf zweier Keeper auf Augenhöhe. Und das über viele Jahre.

kicker: Eine Menge Zweikämpfe drohen auch beim Bayer-Training. Helmes will den Stammplatz von Derdiyok zurück, Friedrich will seinen gegen Stefan Reinartz behaupten. Birgt die große Konkurrenz im Kader Gefahren?

Völler: Überall, wo es im Fußball um etwas geht, wird es diesen Konkurrenzkampf geben. Aber wir werden viele gute Spieler brauchen. Wir haben den Kader ja bewusst verbreitert. In der vergangenen Saison mussten wir mit ansehen, wie schwer es ist, bei zu vielen Verletzungen adäquaten Ersatz zu finden. Da hat der Trainer jetzt mehr Möglichkeiten.

kicker: A propos Trainer. Jupp Heynckes Vertrag läuft am Saisonende aus. Wird es Gespräche wegen einer vorzeitigen Verlängerung geben und wenn ja, wann?

Völler: Es ist so, dass Jupp Heynckes sich gewünscht hat, dass wir um die Weihnachtszeit schauen wie es läuft und dann gemeinsam über die Zukunft entscheiden und sehen, wie es weitergeht. Ich würde mich freuen, wenn es gut läuft...

Interview: Frank Lußem