Relegation

Babbel im Interview: "Hertha BSC braucht einen Neustart"

Europameister von 1996 über das Relegations-Duell seiner Ex-Klubs

Babbel im Interview: "Hertha braucht in jedem Fall einen Neustart"

Er glaubt an einen Klassenerhalt von Hertha: Markus Babbel.

Er glaubt an einen Klassenerhalt von Hertha: Markus Babbel. picture alliance

Hertha BSC war einst Markus Babbels zweite Station als Cheftrainer (nach dem VfB Stuttgart). Der Europameister von 1996 übernahm beim Hauptstadtklub nach dem Abstieg 2010 und führte die Mannschaft direkt zurück in die Bundesliga. Im Dezember 2011 wurde Babbel nach einem öffentlich ausgetragenen Zerwürfnis mit Präsident Werner Gegenbauer und dem damaligen Manager Michael Preetz beurlaubt.

Auch beim HSV, Herthas Gegner in den beiden Relegations-Duellen am Donnerstag und Montag, hat Babbel Spuren hinterlassen. Zwischen 1992 und 1994 spielte der Verteidiger auf Leihbasis für die Hamburger (60 Bundesliga-Spiele), ehe er nach seiner Rückkehr zum FC Bayern dann auch in München durchstartete.

HSV-Coach Tim Walter sagt vor dem Hinspiel der Relegation: "Wir haben das Momentum auf unserer Seite." Ist das Säbelrasseln oder hat er recht, Herr Babbel?

Er hat definitiv recht. Der HSV war schon zehnmal totgeschrieben und hat jetzt die Chance auf die Rückkehr in die Bundesliga. Ich muss sagen: Endlich seh' ich was beim HSV. Diesen neuen Hamburger Weg finde ich geil. Es gibt eine klare Idee. Hinter der versammeln sich alle und lassen sich auch von Rückschlägen nicht entmutigen. Diese Mannschaft will den Ball haben, sie will kreativ sein und Fußball spielen. Ich sehe da sehr viel, was mir ausgesprochen gut gefällt.

Meistens sehe ich acht Defensivspieler in der Aufstellung und weiß schon, was kommt - beziehungsweise, was nicht kommt.

Markus Babbel

Und was sehen Sie fußballerisch bei Hertha?

Das Gegenteil davon, und zwar seit langem. Hertha verteidigt. Man reagiert auf den Gegner, will vor allem kompakt stehen und zeigt nach vorn sehr wenig. Mir ist die Idee dahinter nicht ganz klar. Mit Suat Serdar, Marco Richter oder Jurgen Ekkelenkamp kamen vor der Saison gute Fußballer. Aber meistens sehe ich dann acht Defensivspieler in der Aufstellung und weiß schon, was kommt - beziehungsweise, was nicht kommt.

Trainer Felix Magath strahlt viel Ruhe und Zuversicht aus und kennt den Gegner HSV aus dem Eff-Eff. Ist er Herthas letzte Trumpfkarte?

Ja. Als Felix im März kam, war diese Mannschaft tot. Er hat sie wieder aufgeweckt, aber er kann natürlich in der Kürze der Zeit keinen Zauberfußball installieren. Und er hat recht: Dass Hertha nach so einer Saison in zwei zusätzlichen Spielen die Bundesliga sichern kann, ist nicht der Worst Case, sondern fast ein Geschenk. Die Berliner sollten froh sein, dass sie mit ihrer Performance nicht direkt abgestiegen sind.

Magath war neuneinhalb Jahre raus aus dem Bundesliga-Geschäft. Haben ihn viele zu früh abgeschrieben?

Definitiv! Was manche über ihn gesagt und geschrieben haben, fand ich im höchsten Maße despektierlich. Er ist eine Ikone der Bundesliga und ein herausragender Trainer. Ich gebe zu: Ich war im ersten Moment auch erstmal etwas überrascht von der Verpflichtung. Aber je länger ich drüber nachgedacht habe, umso mehr wurde mir klar, dass es ein genialer Schachzug von Fredi Bobic (Hertha-Geschäftsführer, d. Red.) war, in dieser Situation Felix zu holen.

Lars Windhorst hat 375 Millionen Euro in den Verein investiert, jetzt steht Hertha mit einem Bein in der 2. Liga. Was ist schiefgelaufen?

Gute Frage! Was ich weiß: Als Fredi Bobic letzten Sommer nach Berlin kam, war nichts mehr da von dem Geld, was bei der Größenordnung schon bemerkenswert ist. Fredi musste sogar einen Transferüberschuss erzielen und mit Matheus Cunha und Jhon Cordoba die beiden besten Offensivspieler verkaufen. Als ich das gehört habe, dachte ich nur: Viel Glück!

Für den 29. Mai ist eine Mitgliederversammlung angesetzt. Präsident Werner Gegenbauer steht auch intern schwer in der Kritik. Braucht dieser Klub einen kompletten Neuanfang?

Ja, Hertha braucht in jedem Fall einen Neustart. Die Probleme dort kommen nicht von außen, sondern von innen. Das ist ein großartiger Klub, aber er hat seit Jahren ein Führungsproblem. Die Strukturen in den Gremien sind verkrustet, mancher sitzt auch nach zwei Abstiegen (2010 und 2012, d. Red.) wie festgetackert auf seinem Stuhl. Vielleicht sollte der eine oder andere endlich erkennen, dass er selbst Teil des Problems ist - und den Weg freimachen.

Für den HSV waren Sie Anfang der 90er Jahre zwei Jahre als Jung-Profi aktiv. Wie wichtig war diese Zeit für Sie?

Extrem wichtig. Ich wusste damals, dass ich als ganz junger Spieler im Bayern-Kader keine Chance haben würde und Spielpraxis im Männerbereich brauche. Der HSV war damals die perfekte Adresse für mich. Und was ich als Kind in München nie laut sagen durfte, weil mir sonst Prügel gedroht hätte: Ich war weder Bayern- noch Sechzig-Fan, sondern HSV-Fan. Ernst Happel als Trainer, Felix Magath als Regisseur - das war eine unglaubliche Mannschaft.

Dann muss ich Sie ja nicht fragen, wem Sie in der Relegation die Daumen drücken …

(lacht) Naja, ganz so einfach ist es nicht. Beide Klubs gehören in die Bundesliga. Ich sage mal so: Ich bin emotional 51:49 für den HSV. Aber ganz ehrlich: Mein Gefühl sagt mir, dass es Hertha dank Felix Magath schafft und drin bleibt.

Interview: Steffen Rohr