2. Bundesliga

Fürths Rachid Azzouzi im kicker-Interview: "Mich frustriert das auch"

Fürths Geschäftsführer Sport im kicker-Interview

Azzouzi: "Mich frustriert das manchmal auch"

Setzt also konsequent auf Talente, vorzugsweise aus dem eigenen Nachwuchs: Rachid Azzouzi.

Setzt also konsequent auf Talente, vorzugsweise aus dem eigenen Nachwuchs: Rachid Azzouzi. imago images

Viele Fürther Fans träumen vom Aufstieg. Sie auch, Herr Azzouzi?

Die Fans dürfen träumen, dafür machen wir das ja auch alle. Ich persönlich versuche immer, im Hier und Jetzt zu leben und mich darauf zu konzentrieren - auch, weil ich mich mit verschiedenen Szenarien, sprich dem Aufstieg in die Bundesliga und dem Verbleib in der 2. Liga auseinandersetzen muss.

Das Kleeblatt liegt auf Rang 2 und hat nur noch fünf Spiele vor der Brust. Warum haben Sie im Gegensatz zu anderen Vereinen den Aufstieg bisher noch nicht öffentlich als Ziel ausgegeben?

Das hat gar nichts damit zu tun, dass man sich nicht traut oder Angst vor irgendetwas hat. Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir uns keine Grenzen setzen - das bedeutet ja im Umkehrschluss, dass man das Maximale erreichen will. Deswegen bringt es nichts, irgendwelche Sprüche loszulassen. Wir wollen weiter alles mitnehmen, was möglich ist. Eines darf man dabei aber nicht vergessen.

Was meinen Sie?

Man darf nicht vergessen, wo wir herkommen und mit welchen Möglichkeiten wir das machen: Wir sind die jüngste Mannschaft der Liga und liegen in der Nachwuchssäule des deutschen Fußballs mit großem Abstand vorne, weil wir am meisten ausgebildete deutsche Spieler unter 23 Jahren haben. Wir haben zudem den kleinsten Kader und einen der geringsten Etats der 2. Liga. Trotzdem spielen wir mit den attraktivsten Fußball im Unterhaus - und das schon seit 29 Spieltagen. Unser Erfolg ist also keine Selbstverständlichkeit.

Rachid Azzouzi

Bierdusche beim Aufstieg 2012: Rachid Azzouzi. imago images

Wie stolz macht es Sie, trotz der geringen finanziellen Möglichkeiten in Fürth eine solch schlagkräftige Truppe geformt zu haben?

Das ist meiner Meinung nach gar nicht hoch genug einzuschätzen. Damit so etwas möglich ist, müssen alle am Anschlag arbeiten. Deshalb bin ich nicht nur auf die Mannschaft stolz, sondern auch auf unser Trainerteam und alle Mitarbeiter im Verein. Denn ich bin immer davon überzeugt, dass das, was man am Ende auf dem Platz sieht, seinen Ursprung außerhalb hat.

Hätten Sie es vor Saisonbeginn für möglich gehalten, dass Fürth ganz oben mitspielen kann?

Vom Potenzial der Mannschaft bin ich schon seit zwei Jahren überzeugt. Wir haben schon in der Vorsaison einen Riesenschritt gemacht, auch wenn wir das nach dem Re-Start in den Heimspielen leider nicht mehr bestätigen konnten und am Ende Neunter geworden sind. Ich war aber immer davon überzeugt, dass wir diesen Weg gehen können. Wenn man so wenige Möglichkeiten hat wie wir, muss man trotzdem eine Fantasie haben - und diese den Jungs auch vermitteln. Dass es dann so gut läuft, macht es umso schöner.

Trotz des sportlichen Erfolgs verliert das Kleeblatt mit Linksverteidiger David Raum, Innenverteidiger Paul Jaeckel und Mittelfeldspieler Sebastian Ernst im Sommer drei Eckpfeiler ablösefrei. Was löst das in Ihnen aus?

Das schmerzt. Das tut mir genauso wie den Fans weh. Deswegen kann ich die Traurigkeit ein Stück weit auch nachempfinden. Mich frustriert das manchmal auch, dass man trotz der ganzen Anstrengungen und Mühen der vergangenen Monate und Jahre mit anderen Vereinen nicht mithalten kann. Gleichzeitig spornt mich das an, mit dem Trainerteam zusammen diesen Verein immer wieder so aufzustellen, dass wir wieder eine gute Mannschaft haben.

Können Sie die Sorge der Fans verstehen, dass die Erfolgsmannschaft auseinanderbricht?

Natürlich verstehe ich eine gewisse Besorgnis bei den Fans, das ist ja ganz normal. Wir haben eine gute Mannschaft, die sehr erfolgreich ist. Dann wünscht man sich als Fan natürlich, dass die Mannschaft am liebsten die nächsten fünf, sechs Jahre zusammenbleibt und alles gewinnt, was man gewinnen kann. Aber die Realität ist halt nun mal eine andere - nämlich die, dass wir die wirtschaftlichen Gegebenheiten in Fürth so hinnehmen müssen. Wir müssen einfach schauen, dass wir immer wieder Lösungen finden. Das haben wir in den letzten zwei, drei Jahren hervorragend gemacht.

Vor dieser Saison hatte die Spielvereinigung mit Maximilian Wittek, Marco Caligiuri und Daniel Keita-Ruel ebenfalls drei absolute Stammspieler verloren.

Auch da hatten viele Angst, was aus dieser Saison werden wird. Und wir haben uns wieder steigern können. Auch damals war die Situation so, dass ein paar Verträge ausliefen. Die Frage war: Versuchst du, die Spieler jetzt schon abzugeben, um zumindest ein bisschen Ablöse zu bekommen? Oder sagst du, ich will mit dieser Mannschaft eine wirklich erfolgreiche Saison spielen? Wir haben uns für Letzteres entschieden. Und der bisherige Saisonverlauf gibt uns recht.

Dabei ist gerade das Kleeblatt eigentlich auf Transfererlöse angewiesen.

Wenn wir nicht aufsteigen, müssen wir uns natürlich damit auseinandersetzen, auch wenn man weiß, dass der Markt aktuell sehr schwierig ist, was Ablösesummen angeht. Das Geld sitzt in dieser unsicheren Zeit einfach nicht mehr so locker wie vor der Pandemie. Natürlich sehen wir uns auch ein Stück weit als Ausbildungsverein, aber bei uns steht quasi in der Vereinssatzung, dass wir im Grunde genommen fast nur ablösefreie Spieler holen können und gleichzeitig Transfererlöse generieren müssen. Es geht halt einfach nicht anders, weil das unser Geschäftsmodell ist.

Apropos Geschäftsmodell: Unter Ihnen ist die Spielvereinigung wieder zum ureigenen Fürther Weg zurückgekehrt, setzt also konsequent auf Talente, vorzugsweise aus dem eigenen Nachwuchs.

Die Philosophie, die wir jetzt wieder seit zwei, drei Jahren leben, ist genau das, was Fürth ausgemacht hat. In den letzten zwei, drei Jahren haben wir uns wieder einen Namen gemacht für talentierte Spieler, die den nächsten Schritt machen wollen. Das macht einen schon stolz und ist letztlich auch ein Faustpfand, das dieser Verein hat.

Sind Raum, der nach Hoffenheim wechselt, und Jaeckel, der sich Union Berlin anschließt, Paradebeispiele für den Fürther Weg?

Definitiv. David und Paul sind aus der eigenen Jugend beziehungsweise aus der Regionalliga gekommen, bei uns U-21-Nationalspieler geworden und spielen in der neuen Saison für zwei Bundesligisten. Das zeigt, dass man sich in Fürth einerseits gut weiterentwickeln und den nächsten Schritt machen und andererseits gleichzeitig auch mit dem Verein sportlich erfolgreich sein kann.

Am Sonntag geht es für Sie und Fürth zum FC St. Pauli, wo Sie von Juli 2012 bis zur Trennung im Dezember 2014 als Sportdirektor tätig waren. Ein besonderes Spiel für Sie?

Es gab seitdem zwar schon einige Spiele gegen St. Pauli, aber es ist nach wie vor besonders, weil dieser Verein ein Stück weit besonders ist und weil ich dort sehr gerne gearbeitet habe. Es ist nie schön, wenn man sich trennt, aber ich kann sagen, dass ich damit fein bin. Wenn man sich den Weg anschaut, den wir damals bestritten haben, dann sieht man, dass der gar nicht so viel anders ist als der jetzt in Fürth. Wir hatten damals auf St. Pauli auch eine blutjunge Mannschaft mit Spielern wie Marcel Halstenberg, Michael Gregoritsch oder Philipp Ziereis, der jetzt noch dort ist. Ich freue mich aufs Wiedersehen am Sonntag.

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