Amateure

Axel Bellinghausen: "Man erwartet keine Wunderdinge von mir"

Eine Fortuna-Vereinslegende in der Bezirksliga

Axel Bellinghausen: "Man erwartet keine Wunderdinge - die würde ich auch nicht können"

Steht nach seiner Trainertätigkeit seit Sommer wieder aktiv auf dem Platz: Axel Bellinghausen.

Steht nach seiner Trainertätigkeit seit Sommer wieder aktiv auf dem Platz: Axel Bellinghausen. imago images/Fotostand

Herr Bellinghausen, Sie haben in einem kicker-Interview mal die These aufgestellt, dass ein Cristiano Ronaldo nach drei Monaten in der Regionalliga nicht mehr auffallen würde. Fällt ein Axel Bellinghausen denn in der Bezirksliga auf?

Ne, überhaupt nicht (lacht). Das ist ja die Krux: Man redet immer über 'Amateure', die können aber alle kicken! Das ist ja längst nicht mehr so, wie es vielleicht irgendwann mal war. Das sind ja teilweise Jungs, die selbst aus Nachwuchsleistungszentren kommen, selber höher gegen die Kugel getreten und sich dann irgendwann anders entschieden haben, für den Job zum Beispiel. Mal unabhängig davon, dass wir teilweise 20 Jahre Altersunterschied haben - da muss schon viel passen, dass ich da mal heraussteche.

2017 haben Sie ihr letztes Bundesliga-Spiel bestritten. Hat Ihnen der aktive Fußball so gefehlt?

Die Rückkehr auf den Platz ist keiner Blödelei geschuldet. Man merkt ja auch: Ich bin kein Einzelfall, wenn man das quer durch die Republik verfolgt. Es ist schön zu sehen, dass sich so viele, die noch in einem 'vernünftigen' Alter sind, zurück an die Basis begeben. Früher gab es ja vor allem die Traditionsmannschaften, und man sieht, mit welchem Spaß die ganzen Ehemaligen vor die Kugel treten. Das ist das, was wir gelernt haben, was uns Spaß gemacht hat, was uns einen Großteil unseres Lebens begleitet hat. Und von heute auf morgen plötzlich nicht mehr dabei zu sein, das können, glaube ich, die Wenigsten. 

Axel Bellinghausen (Mitte)

Axel Bellinghausen (Mitte) mit den beiden Trainern Roberto Marquez (links) und Andrea Del Polito. imago images/Fotostand

Warum der SC Unterbach? 

Wir wohnen nicht weit entfernt, als Ausgleich waren wir schon früher immer mal wieder dort, Spiele gucken, und haben uns dann immer wohl gefühlt. Mit den beiden Trainern Roberto Marquez und Andrea Del Polito bin ich auch befreundet. Und dann kam immer die Frage auf: 'Wann kommst du denn zu uns?' Das war am Anfang noch Jux und Tollerei, es gab immer den Punkt, an dem ich gesagt habe: Solange du noch selber im Fußball aktiv bist, sprich an den Wochenenden als Spieler oder als Co-Trainer im Einsatz, ergibt das keinen Sinn. Als es dann im Sommer so weit war und ich kein Co-Trainer mehr war, hieß es natürlich sofort: 'Und jetzt? Wie sieht es aus?' Und ich bereue das keine Sekunde, weil es mit den Jungs einfach wahnsinnig viel Spaß macht. Wir haben einen guten Zusammenhalt, eine gute Truppe - auch wenn es die Tabellensituation gerade vielleicht nicht so her gibt.

Sie waren ja überall, wo Sie gespielt haben, Publikumsliebling. Wie ist das in Unterbach? Sind die Zuschauer da kritischer, weil sie von einem Ex-Profi vielleicht besondere Dinge erwarten?

Nee. Die meisten hier beim SCU kennen mich aus meiner Zeit bei der Fortuna, deswegen wusste man ja, womit man zu rechnen hat. Ich stand in meiner ganzen Karriere ja nie für die große Show, sondern für ehrliche Arbeit. Also erwartet man auch keine Wunderdinge von mir - denn die würde ich ja auch gar nicht können. Ich stelle mich in den Dienst der Mannschaft, damit bin ich immer ganz gut gefahren. 

Das körperliche Spiel haben Sie beibehalten, oder machen Sie mit 38 Jahren auch mal einen Schritt weniger?

Tatsächlich mach ich das (lacht). Auf der linken Außenbahn bin ich auch nicht mehr zu Hause, das würde ich nicht mehr hinbekommen. Es hat mich mehr ins Zentrum verschlagen. Man darf jetzt nicht denken, man geht mit 38 Jahren in die Bezirksliga und macht da mal eben weiter. Die Zeiten sind vorbei. Mit Erfahrung kann man zwar einiges wettmachen, vor Fehlern sind wir aber alle nicht gefeit, gerade ich nicht in meiner Karriere. Aber es sind immer ein paar Jungs da, die meine Fehler ausbügeln - und umgekehrt genauso. 

Untere Ligen geraten ja auch immer wieder mal in Verruf, aber es ist schön, zu sehen, dass es auch anders geht.

Axel Bellinghausen

Und wie reagieren die Gegner?

Ich muss wirklich sagen: Es ist ein toller, respektvoller Umgang. Das ist etwas, was ich mir erhofft hatte. Es ist fair, aber es geht auch mal ordentlich zur Sache. Manchmal hat man auch ein paar Sekunden Zeit für einen Plausch, da geht's dann aber nicht um ehemalige Geschichten sondern eher darum, was abseits unseres Spielgeschehens passiert. Untere Ligen geraten ja auch immer wieder mal in Verruf, aber es ist schön, zu sehen, dass es auch anders geht. Man trifft manchmal auch auf ehemalige Weggefährten, die auch in der Liga unterwegs sind und die man lange nicht gesehen hat - sowas ist dann eine coole Geschichte.

War Ihnen schon während Ihrer Profi-Zeit klar, dass Sie es später nochmal an der Basis versuchen?

Nein, es war ein spontaner Entschluss. Wenn ich sehe, wie viele meiner Mannschaftskollegen von morgens bis abends irgendwo an der Schippe stehen, abends aber gut gelaunt ins Training kommen, weil sie Bock haben, Fußball zu spielen, dann erkennt man darin genau den Grund, warum man als kleiner Junge mit Fußball angefangen hat. Da war das Profi-Dasein noch ganz weit weg, man wollte einfach nur kicken! Es ist schön, dass man diesen Weg zurück nochmal nehmen kann... und man bekommt vor Augen geführt, was man für ein Glück hatte, dass man weiter oben spielen durfte. Etwas, was man im Laufe einer Karriere ja ein bisschen aus den Augen verliert.

Sie galten ja immer als bodenständig, die "11 Freunde" haben Sie mal als "den vielleicht letzten Grasfresser der Liga" bezeichnet. Wie blicken Sie auf die Veränderungen im Profi-Geschäft?

Wir waren damals ja längst nicht so gläsern. In meinen ersten Profijahren gab es noch gar keine Fotohandys, heute gibt es Social Media. Damals hat man auf den kicker gewartet, um etwas zu erfahren. Es gab das kicker-Sonderheft im Sommer, damit man sich die Gesichter einprägen konnte mit all den Daten. Das war mehr oder weniger das damalige Social Media. Und die Ausbildung hat sich natürlich verändert, es ist alles professionalisiert. Sowas beschleunigt die Karriere. Früher wurde man mit 21 Jahren Profi, heute stehen 17-Jährige im Kader. Es hat sich schon viel verändert, aber das liegt ja in der Natur der Sache.

Was ich gelernt habe: Dass ich mich nicht in erster Reihe als Cheftrainer sehe.

Axel Bellinghausen

Sie standen ja nach ihrer aktiven Karriere in der Saison 17/18 als "Co" in Düsseldorf an der Seitenlinie, blieben das auch, bis Sie zu Beginn der Saison als Trainee in die Marketing-Abteilung der Fortuna gewechselt sind. Ist das Trainergeschäft etwas, das für Sie in Frage kommt?

Tatsächlich nicht. Ich bin stolz auf diese vier Jahre, die ich da erleben durfte, es war eine mordsmäßige Erfahrung und wohl auch das beste, was mir passieren konnte - eben weil ich als Quereinsteiger auch das Glück hatte, sofort in einer Profimannschaft arbeiten zu dürfen. Was ich aber auch gelernt habe: Dass ich mich nicht in erster Reihe als Cheftrainer sehe. Ich kann voll und ganz verstehen, wenn ehemalige Profis diesen Schritt gehen, ich für mich kann das aber verneinen.

In einem anderen Interview haben Sie mal gesagt: „Mir war immer klar, dass ich mir mit dem Fußball nicht mein ganzes Leben finanzieren kann, dass es mit meinem bescheidenen Talent nicht für die großen Fleischtöpfe reicht." Mit ein bisschen Abstand nun: Haben Sie das rausgeholt, was möglich war, oder gibt es was, das sie bereuen?

Bereuen tue ich gar nichts! Rückblickend kann ich sagen: Ich hatte eine tolle Karriere, eine tolle Zeit, die ich gerade am Ende - wenn man nicht mehr so getrieben ist - wahnsinnig genießen konnte. Ich hatte drei tolle Vereine - und jetzt auch noch das Happy-End, bei dem Verein, bei dem ich groß geworden bin, arbeiten zu dürfen. Bereut habe ich höchstens sonntags mal Entscheidungen, die ich samstags getroffen habe (lacht).

Haben Sie diese eine Erinnerung, an die Sie immer wieder zurückdenken?

Was mir immer sofort in die Gedanken schießt: Das allererste Spiel, das ich für Fortuna Düsseldorf in der Regionalliga machen durfte, zu Gast bei Preußen Münster. Damals war ich noch A-Jugendlicher, saß auf der Bank, und es hieß plötzlich, dass ich mich aufwärmen sollte. Ich habe am Anfang gar nicht gerafft, was Cheftrainer Stefan Emmerling von mir wollte und bin einfach sitzengeblieben. Zwei Minuten später hat er gesehen, dass ich immer noch da bin. 'Du sollst dich warm machen', hat er gerufen. Just, als ich hinterm Tor angelangt bin, fiel das 2:0 für Münster. Wir standen kurz vor dem Abstieg in die Oberliga, hatten 5000 Fans dabei, die waren nicht begeistert. Da ging der Punk ab.  Ich bin in der Halbzeit eingewechselt worden, wir haben das Spiel letztlich auch mit 0:2 verloren. Wenn man da plötzlich das erste mal vor so vielen Leuten steht, macht das etwas mit einem. Eine Woche später, im Heimspiel, hing an der Gegengerade ein großes Transparent: 'Unsere Jugend, unser Stolz', stand dort. Damit waren sowohl Jan Tauer als auch ich gemeint. Das war etwas ganz Besonderes für mich, einer der nachhaltigsten Momente bis heute.

Amateurfußballer, Trainee im Marketing, Mitglied eines Galopp-Rennstalls - woraus besteht der Alltag von Axel Bellinghausen noch?

Büro, das ist schon ein neues Leben für mich abseits des Fußballplatzes. Man führt viele Telefonate, lernt viel mit dem Laptop umzugehen - oder zumindest anders, als es als Trainer der Fall ist (lacht). Da ist viel Neuland dabei. Die Zeit nach dem Büro verbringe ich wahnsinnig gerne mit meiner Frau und auch mit dem Pferd, und ich hoffe, wenn es mit der Pandemie wieder in die richtige Richtung geht, wieder mehr Freunde treffen, wieder mehr Spontaneität an den Tag legen zu können. Das ist auch wenig das, was mich mein Leben lang begleitet hat, ich hatte immer gerne Menschen um mich herum.

Axel Bellinghausen

Voller Einsatz: Axel Bellinghausen in seiner letzten aktiven Saison im Trikot der Düsseldorfer Fortuna. imago/Moritz Müller

Axel Bellinghausen wurde 1983 in Siegburg geboren. TuS 05 Oberpleis hieß sein erster Verein, bevor er zunächst in die Jugendabteilung von Bayer Leverkusen, dann in die der Düsseldorfer Fortuna ging. Dort schaffte der Außenbahnspieler den Sprung in den Herrenbereich und blieb bis 2005. Weitere Stationen des Linksfußes waren der 1. FC Kaiserslautern und der FC Augsburg, bevor 2012 die Rückkehr zur Fortuna folgte. Im Oktober 2017 wurde Bellinghausen wenige Tage nach seinem Karriereende zum neuen Co-Trainer bei Fortuna Düsseldorf bestellt. Er kam in seiner Laufbahn auf 76 Bundesliga-Spiele (5 Tore) und 218 Zweitliga-Spiele (14 Tore).

Jan Mauer

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