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Wie Cristiano Ronaldo bei Manchester United zum Superstar wurde

kicker & DAZN - die Story

Aufstieg eines Angebers: Wie Cristiano Ronaldo bei ManUnited zum Superstar wurde

War schon immer "confident", auch wenn er das Wort erst lernen musste: Cristiano Ronaldo.

War schon immer "confident", auch wenn er das Wort erst lernen musste: Cristiano Ronaldo. imago images/VI Images

Wer bis 2018 an einer Führung durchs Old Trafford teilnahm, durfte auch in der erstaunlich schmucklosen Heimkabine Platz nehmen. Für die Macher einer Hochglanz-Doku wäre es hier ganz schön eng gewesen, aber daran hatte Sir Alex Ferguson noch nicht gedacht, als er sie einst hatte einrichten lassen. Er war der Meinung, dass die Kabine ein Ort der Arbeit sei, an dem sich erst mal niemand wohlzufühlen habe.

Und genau hier tauchte 2003 ein 18-Jähriger auf "und erzählte so ziemlich jedem, dass er der Beste ist", erinnerte sich Quinton Fortune, Manchester-United-Profi von 1999 bis 2006, später im "Guardian": "Nicht in perfektem Englisch, aber man konnte es sich erschließen. Er kam mit dermaßen viel Selbstvertrauen - es war unglaublich."

Es heißt, nur dieser "rotzfreche" Kerl, Cristiano Ronaldo sein Name, habe seinen Platz sicher gehabt, wenn Ferguson regelmäßig die Sitzordnung in der "Umkleide" ändern ließ: "Hier", sagt der Stadionführer dann und bleibt grinsend vor dem Spiegel stehen.

Schon 2003 wusste Ronaldo: "Wer auf mich setzt, gewinnt"

Inzwischen ist auch im Old Trafford die Kabine mehr Luxusoase als "dressing room", obwohl Ferguson, der im Dezember 80 Jahre alt wird, seit seinem Abschied 2013 immer noch im Hintergrund mitmischt. Gerade hat er kurzerhand Ronaldo zum zweiten Mal zu United gelockt. Die Trainerikone "war der Schlüssel" bei dem Wechsel, sagt einer, der es wissen müsste: Ronaldo selbst.

Und so war das eigentlich schon 2003. Die Legende besagt, dass die United-Profis Ferguson über den Wolken bekniet hätten, Ronaldo sofort zu verpflichten, was fünf Tage später prompt geschah. Zu alt hatte der Sporting-Youngster gerade den armen John O'Shea bei Uniteds 1:3-Testspielniederlage in Lissabon aussehen lassen.

Doch auch wenn Englands Rekordmeister in den letzten Jahrzehnten schon so manchen Hals-über-Kopf-Transfer getätigt hat: Ganz so "legendär" ging es wohl nicht zu, zumindest musste Ferguson auf jenem Rückflug keiner mehr überzeugen.

Die Klamotten weiter, die Arme schmaler: So präsentierte sich Neuzugang Cristiano Ronaldo (li. mit Kleberson) 2003 bei Manchester United.

Die Klamotten weiter, die Arme schmaler: So präsentierte sich Neuzugang Cristiano Ronaldo (li. mit Kleberson) 2003 bei Manchester United. picture alliance/imago images 

"United war schon vor dem Spiel an mir interessiert", erzählte Ronaldo 2019 bei DAZN seine Version dieser sagenumwobenen Hochsommertage, "das Spiel war so was wie die Kirsche auf der Torte. Danach wusste jeder Klub: Wenn er auf mich setzt, gewinnt er." Nach dem Schlusspfiff an jenem 7. August 2003 habe Ferguson ihn in der Kabine zu sich gebeten und gesagt: "Hör zu, ich will dich sofort." Für rund 19 Millionen Euro Ablöse, damals noch Rekord für einen U-21-Spieler in England, begann sie schließlich: die goldene Ära des CR7! Also, na ja, so ähnlich.

Um ein Haar hätte es sie nämlich nie gegeben, zumindest nicht unter diesem Namen. Als ihn Ferguson nach seiner Wunsch-Rückennummer fragte, "habe ich '28' gesagt", erzählte Ronaldo mal, so bescheiden war er damals immerhin. "Aber er meinte: 'Nein, du bekommst die 7'", wie Best, Cantona oder Beckham. "Das war eine Extra-Motivation."

Nun darf man sich nicht vorstellen, dass da vor 18 Jahren ein durchgestylter, muskelbepackter Teenieschwarm mit Waschbrettbauch und Abermillionen Followern in England auftauchte, der nicht aufhören konnte, Tore zu schießen. Die damaligen Teamkollegen erinnern sich eher an "schreckliche Klamotten" (Eddie Johnson) und eine "dürre, sehnige, nicht sehr starke" Erscheinung (Gary Neville). An einen, der zwar bei einem seiner ersten englischen TV-Interviews die Frage, ob er denn "confident" sei, nicht verstand, der aber schon damals breitbeinig zum Freistoß antrat und wegen seiner aufreizenden Art immer wieder bei den United-Routiniers aneckte.

Kurzum: Was Nebenmann Neville bei jenem TV-Interview an Ronaldos Stelle antwortete, dachte wohl so ziemlich jeder im Kader: "Ja, er ist sehr selbstbewusst!" Sogar Ferguson nannte den jungen Ronaldo mal einen "kleinen Angeber, der unbedingt jeden davon überzeugen wollte, wie gut er war". Sie hatten es weiß Gott nicht immer leicht mit ihm.

Von der WM 2006 kommt Ronaldo wie verwandelt zurück: "Es war absolut unglaublich"

Schon damals wollte Ronaldo nicht "den nächsten Schritt gehen", wie es heute jeder sagt, er wollte von Anfang an der Beste sein; er war besessen davon. Als er 2008 seinen ersten Ballon d'Or erhielt, erklärte er, davon "schon als Kind geträumt" zu haben. Doch bis dahin musste er sich als Fußballer erst finden, seine spektakulären Talente sinnvoll einsetzen lernen, auf dem Platz und im Kopf.

Schon in seiner ersten Saison schoss Ronaldo ManUnited zwar im FA-Cup-Finale 2004 gegen Millwall zum Titel, die Transformation vom personifizierten Übersteiger zum Weltklassespieler fand aber erst zwei, drei Jahre später statt - als er eigentlich schon keine Lust mehr auf Manchester hatte. Gerade als er die weniger schönen Seiten des Fußballgeschäfts näher kennenlernte, begann er es zu dominieren.

Anfang 2006 flog er im Derby bei Manchester City nach einer eingesprungenen Frust-Grätsche Richtung Andy Cole mit Rot vom Platz, keinen Monat später zeigte er beim Champions-League-Aus den provozierenden Benfica-Fans den Mittelfinger. Und als er bei der WM in Deutschland im Viertelfinale gegen England erfolgreich den Platzverweis gegen seinen United-Teamkollegen Wayne Rooney forderte, schien das Kapitel United unehrenhaft zu enden. "Ich sollte weg aus Manchester", klagte "Sündenbock" Ronaldo, damals erst 21 Jahre jung, am Rande des Spiels um Platz 3. "Niemand hat sich hinter mich gestellt."

Stattdessen kam er nach dem Turnier wie verwandelt zurück. "Es war absolut unglaublich", erinnerte sich Gary Neville bei "Sky Sports". Aus dem dürren Teenager war "plötzlich" eine Art "Boxer im Supermittelgewicht" geworden. Nicht nur "sein Körper hatte sich komplett verändert", so Neville, "er war gereift, physisch, mental".

Im Herbst 2007 erlebt Ronaldo die wohl wertvollste Rotsperre seiner Karriere

Am Saisonende hatte Ronaldo, obwohl immer wieder ausgepfiffen, erstmals mehr als 20 Pflichtspieltore geschossen (23) - im 30. Einsatz auch seine ersten beiden in der Champions League - und war erstmals Meister; erstmals kürten ihn sowohl Mitspieler als auch Journalisten zu Englands Spieler des Jahres, und beim Ballon d'Or war nur noch einer, Kaka, vor ihm.

Aber weil für Ronaldo ein "nur" eher ein "immer noch" ist, legte er jetzt erst richtig los. Und da kam René Meulensteen ins Spiel.

Wie Sohn und Vater - auch heute noch: Cristiano Ronaldo mit Sir Alex Ferguson.

Wie Sohn und Vater - auch heute noch: Cristiano Ronaldo mit Sir Alex Ferguson. Getty Images

Als Ronaldo zu Beginn der Saison 2007/08 rotgesperrt war, machte Fergusons Assistent daraus die wohl wertvollste Zwangspause in dessen Karriere. Der Niederländer, heute 57, hat davon in englischen Medien immer wieder erzählt: wie er Ronaldo mehr als 40 Saisontore prophezeite, als dieser sich selbst höchstens 35 zutraute; wie er ihm klarmachte, dass es nicht auf die Schönheit eines Tores ankomme, sondern auf das Tor; wie er mit ihm penibel an Laufwegen und Abschlüssen aller Art arbeitete und an dessen allzu "arroganter" Körpersprache.

"Momentan spielst du, um zu zeigen: 'Schaut, wie gut ich bin'", habe er Ronaldo gesagt. "Du willst jedes Mal das perfekte Tor schießen. Du musst lernen, so Fußball zu spielen, wie Björn Borg oder Roger Federer Tennis spielen: eiskalt." Und Ronaldo lernte. Er war kein Gefäß, das gefüllt werden musste. Es ging vielmehr darum, Ordnung in dessen prall gefüllten Inhalt zu bekommen.

2008 will Ronaldo erneut weg - Blatter-Eklat inklusive

Von nun an war Ronaldo nicht mehr der wilde Dribbler auf der Außenbahn, der andere mit Flanken suchte, sondern besetzte immer öfter das Zentrum und setzte auch zunehmend seine Kopfballstärke ein.

Nach 42 Toren in 48 Pflichtspielen, als 23-jähriger Mittelfeldspieler wohlgemerkt, gewann er 2008 Englands Torjägerkrone und Europas "Golden Shoe", die Champions League und den Ballon d'Or. Gut, er war nicht eiskalt genug, um im Elfmeterschießen von Moskau zu verwandeln und nach der glücklichen Wende den Rasen nicht mit Rotz und Wasser zu tränken. Aber es hatte ja auch niemand von ihm verlangt, ein anderer Mensch zu werden.

Ein anderer Mensch hätte vielleicht im Sommer 2008, ein Jahr nach Unterzeichnung eines neuen Fünfjahresvertrags, auch nicht derart penetrant auf einen Wechsel zu Real Madrid gedrängt und dem damaligen FIFA-Präsidenten Sepp Blatter zugestimmt, der von "moderner Sklaverei" gesprochen hatte, weil United Ronaldo nicht ziehen lassen wollte. Später fühlte sich Blatter falsch verstanden; und Ferguson, den das königliche Baggern besonders genervt hatte ("Ich würde ihnen nicht mal einen Virus verkaufen"), überzeugte seinen "Sklaven", noch ein Jahr zu bleiben.

Wieder einmal zeigte sich, dass dieser emotionale junge Mann nicht nur auf dem Rasen zu spektakulären Richtungswechseln fähig ist. Und, dass Ronaldo bei United nicht ohne Ferguson denkbar war und ist. "Sir Alex hat ihn aufgezogen", sagt Ex-Mitspieler Fortune. "Und zusammen, oh mein Gott: Diese zwei könnten die Welt beherrschen. Es war die perfekte Kombination."

Unvergessen immer noch, wie Ferguson nach dem EM-Finale 2016 am Tribünengeländer wartete, bis er seinen Cristiano endlich in den Arm nehmen konnte. Während sich andere United-Legenden irgendwann mit Ferguson zerstritten, nennt Ronaldo ihn auch mit 36 Jahren noch seinen "Vater im Fußball". 

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Als CR7 2009 schließlich nach 118 Treffern in 292 Spielen für die damalige Weltrekordsumme von 94 Millionen Euro nach Madrid wechselte, war er längst eine Weltmarke mit ersten Boutiquen und lukrativen Werbeverträgen. ManUnited und er hatten zu Beginn des digitalen Zeitalters in sich perfekte Partner gefunden und waren dabei gemeinsam reich geworden.

"Cristiano Ronaldo hat die Spieler, die Mitarbeiter, den ganzen Klub in eine neue Dimension geführt", sagte Fergusons rechte Hand Mike Phelan 2018. "Er war eine Inspiration." Und auch wenn er alle paar Jahre abhauen wollte: Das war Manchester United ganz bestimmt auch für ihn.

Jörn Petersen

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