Europa League

Auf ein Eis mit Charly Körbel

Aktueller Stimmungsbericht aus Sevilla

Auf ein Eis mit Charly Körbel

Karl-Heinz "Charly" Körbel plauscht mit SGE-Fans.

Karl-Heinz "Charly" Körbel plauscht mit SGE-Fans. kicker

Aus Sevilla berichtet Martin Gruener

Wie viele Liter genau, kann Fernando noch nicht sagen, allenfalls schätzen. "Etwa das 15-fache eines normalen Abends", habe er in der Nacht zum Mittwoch ausgeschenkt, sagt der Thekenmann des Koko, einer Bar im Zentrum Sevillas, die derzeit ganz in blau gehalten ist. Nur Rangers-Fans haben Zutritt, um Stress zu vermeiden. Schließlich ist einer ihrer Treffs gleich nebenan unter dem Metropol Parasol, einem der neuen Wahrzeichen der Stadt, das aussieht wie ein gigantisches Pilzgeflecht aus Holz.

"Sieht interessant aus - und macht Schatten", meint Marco über das Bauwerk, er ist mit einer Gruppe von Frankfurter Anhängern unterwegs, die ein paar Stunden vor dem Anpfiff des Europa-League-Finales bei rund 35 Grad durch die Altstadt schlendern. Geschimpft haben viele auf das kleine Stadion Ramon Sanchez Pizjuan mit seinen nur gut 40.000 Plätzen, aber das Gezeter ist vergessen angesichts der Szenerie in Sevilla; die Stadt gilt nicht umsonst als eine der schönsten Europas. Enge Gassen, historische Gemäuer, romantische Plazas umsäumt von Orangenbäumen und Dattelpalmen.

Europa-League-Finale

Und dazwischen rund 150.000 Fans, so jedenfalls die offizielle Schätzung der Stadt. Ausnahmsweise sind diesmal nicht die Eintrachtler in der Überzahl. "Das ist schon beeindruckend, wie viele Leute die am Start haben", sagt Robert und schaut rüber in die Cerveceria La Surena, die komplett in schottischer Hand ist. 3,50 Euro kosten dort zwei Bier - ein Angebot, das viele Gäste aus Glasgow schwer abschlagen können. Die allermeisten haben ohnehin kein Ticket für das Spiel, aber die Reise wollten sie sich nicht nehmen lassen. Nathan ist mit seinem 15-jährigen Sohn Nathan Junior via London und Madrid nach Sevilla gekommen. "Ich hoffe, dass wir zumindest noch eine Karte auftreiben können. Dann losen wir, wer ins Stadion darf", sagt er und lacht. Wahrscheinlicher aber ist, dass sich beide das Spiel im Stadion La Cartuja ansehen, das auf Initiative der Rangers kurzfristig fürs Public Viewing geöffnet wird.

Denn wo sonst mehr oder weniger offen Schwarzmarkthändler mit ihren Schildchen wedeln, sind bei diesem Finale anscheinend kaum mehr Karten auf dem Markt. Zu groß war der Run auf die nur jeweils 10.000 Tickets, die jedem Klub zugeteilt wurden, allein die Eintracht hatte 200.000 Anfragen. 39 Sonderflieger schwebten am Mittwoch aus Deutschland ein, und so sind auch viele Frankfurter in der Stadt, nur um die Atmosphäre zu genießen und um ja die Siegerparty nicht zu verpassen. Fast alle wie üblich im weißen Shirt, während die Rangers nicht nur ihr gewohntes Blau tragen, sondern das komplette Sortiment an Auswärtstrikots, von Pink über Gelb bis Schwarz. Und ab Mittag sieht man jede Menge nackte Männerbrüste.

Vor der Bodega Santa Cruz stimmen Dutzende Frankfurter plötzlich "Charly-Körbel"-Rufe an. Ihr Idol steht mitten unter ihnen und isst gemütlich ein Eis, all die Selfie-Wünsche nimmt er lachend hin. Dann muss Körbel rüber zum offiziellen Fan-Fest in den Jardines del Prado. Gegen 15 Uhr kommt auch dort die Stimmung immer mehr auf Touren, spätestens als Mitglieder der UEFA-Cup-Sieger von 1980 auf der Bühne stehen. Damit es alle kapieren, gibt es in regelmäßigen Abständen die Regeln durchgesagt: "Eincremen. Ab und an in den Schatten gehen. Viel Trinken, gern auch zwischendurch ein Wasser. Nicht in die Brunnen pinkeln. Und keine Pyro." Denn die spanische Polizei hat zu verstehen gegeben, dass sie sofort durchgreifen werde.

Schließlich sieht man in Sevilla, einer Stadt mit gut 700.000 Einwohnern den Ansturm der ausländischen Fans auch mit gemischten Gefühlen. "Ernste Probleme", sieht der zuständige Polizeichef Juan Carlos Castro auf seine Mannschaft zukommen, Alarmstimmung aber wolle er nicht verbreiten. Über 3000 Polizisten sind im Einsatz, dazu allerhand privates Sicherheitspersonal. Und die spanischen Beamten sind in Fankreisen bekannt dafür, nicht zimperlich zu sein. In der Nacht auf Mittwoch hatten sie fünf Eintracht-Fans arretiert, die offenbar eine Gruppe von Rangers-Anhängern attackiert hatte. Am Spieltag blieb die Lage bislang entspannt, immer wieder sangen die Lager gemeinsam oder um den anderen zu übertönen. Das Finale kann kommen.