Bundesliga

BVB-Analyse: Auch Terzic wird Anlaufzeit benötigen

Kommentierende Analyse

Auch Terzic wird Anlaufzeit benötigen, umso wichtiger ist die Geduld der Bosse

Zurück im Rampenlicht beim BVB: Edin Terzic.

Zurück im Rampenlicht beim BVB: Edin Terzic. IMAGO/RHR-Foto

Eines lässt sich über Borussia Dortmund in diesen Tagen wahrlich nicht behaupten: dass man es nach der Saison erst einmal gemütlich angehen lässt. Im Gegenteil. Die BVB-Verantwortlichen - allen voran der neue Sportdirektor Sebastian Kehl - drücken so stark aufs Gas, als sei bei einem Formel-1-Rennen gerade die Ampel erloschen.

Mit Hochdruck wurde in den vergangenen Wochen bereits der Kaderumbau vorangetrieben. Drei Neue - Nico Schlotterbeck, Niklas Süle und Karim Adeyemi - standen schon vor dem Saisonausklang fest. Ein Vierter, Kölns Mittelfeld-Ringer Salih Özcan, wurde am Montag verpflichtet. Ebenfalls am Montag schloss der BVB zudem die Lücke, die am vergangenen Freitag durch die zwar ungeplante, aber am Ende konsequente Trennung von Trainer Marco Rose entstanden war: Edin Terzic, Interims- und Pokalsiegertrainer von 2021, wird wenig überraschend der neue starke Mann an der Seite von Kehl.

Terzics erster Auftrag glich eher einem Himmelfahrtskommando

Eine Entscheidung, die nur folgerichtig ist, nachdem man den gebürtigen Mendener im vergangenen Sommer auf dem neu geschaffenen Posten des Technischen Direktors im Klub gehalten hatte - was clever, aber mit Blick auf den Schatten, den er ohne eigenes Zutun auf Rose warf, auch riskant zugleich war.

Ein Jahr lang hatte der 39-Jährige Zeit, seine ersten Monate als Bundesliga-Trainer zu rekapitulieren, zu verarbeiten und daraus Schlüsse für seine zukünftige Arbeit zu ziehen. Zeit, die wohl auch nötig war angesichts des Kräfteverschleißes in Terzics erstem Halbjahr als Chef. Denn auch wenn am Ende der Pokaltriumph über RB Leipzig und die erneute Qualifikation zur Champions League stand: Leicht war der Auftrag für den früheren Co-Trainer von Lucien Favre damals nicht, er glich eher einem Himmelfahrtskommando.

Erst stand Terzic dann auch wegen ausbleibender Ergebnisse in der medialen Kritik, später wurde er schließlich nach einer emotionalen Aufholjagd plötzlich als Heilsbringer gefeiert - es war eine Achterbahnfahrt, mit der man erst einmal umzugehen lernen muss, wenn man zum ersten Mal in vorderster Reihe steht. Erst recht, wenn man so eng mit dem Klub und seiner Geschichte verbunden ist wie Terzic, der früher als Fan auf der Tribüne stand, bevor er in der Ära von Jürgen Klopp als Mitarbeiter im Scouting aktiver Teil des BVB wurde.

Auch Rose hatten die Bosse zugetraut, eine neue Ära zu prägen

Aus seiner besonderen Beziehung zu Schwarz-Gelb machte Terzic nie einen Hehl - und zeigte seine Leidenschaft auch am Spielfeldrand. Die Fans dankten es ihm mit inniger Zuneigung, wie sie nur wenigen zuteilwird, zuletzt etwa Marcel Schmelzer oder Michael Zorc. Identifikationsprobleme muss er zu seinem Amtsantritt daher nicht fürchten - wohl aber einen enormen Erwartungsdruck. Terzic ist zwar angesichts des Eindrucks seiner Zeit als Interimstrainer zuzutrauen, dass er diese Energie zu nutzen und auf seine Mannschaft zu übertragen weiß. Anlaufzeit jedoch dürfte auch er benötigen. Erst recht, da sich das Gesicht des Teams in diesem Sommer massiv verändert.

Bis eine neue Hierarchie, eine neue Struktur und eine gemeinsame Spielidee gefunden sind, kann es dauern. Umso wichtiger wird es aus Sicht der Dortmunder sein, dass das oft nervöse Umfeld und nicht zuletzt die handelnden Personen im Klub Ruhe bewahren und Geduld aufbringen. Geduld, die nicht so schnell aufgebraucht sein sollte wie zuletzt bei Rose, dem man bei seiner Verpflichtung ebenfalls zutraute, eine neue Ära bei den Schwarz-Gelben zu prägen - was sich nach nur einem Jahr als menschlich schmerzhafte und noch dazu recht teure Fehleinschätzung entpuppte.

Die Bundesliga könnte eine lebendige Borussia gut gebrauchen

Terzic - für den der Job als Chef weiterhin vergleichsweise neu ist und der durch seine nur auf den ersten Blick einfache Entscheidung für die neue Aufgabe durchaus Mut bewies - jederzeit zu stärken, gerade auch dann, wenn die Ergebnisse zunächst ausbleiben sollten, das sollten sich die Verantwortlichen der Borussia daher nicht nur vornehmen, sondern auch vorleben. Dass die Fans einem Mann an der Seitenlinie, den sie als einen der ihren ansehen, das eine oder andere nicht so positive Ergebnis eher verzeihen dürften als sie das beim aufgrund der vorangegangenen Entwicklung von Anfang an mit Skepsis beäugten Rose taten, dürfte ihnen dabei helfen.

Brannte bei der Borussia zuletzt fast nur noch das Feuer der Nostalgie, ist durch die jüngsten Personalentscheidungen die Chance gegeben, dass sich das in Zukunft ändert und der Klub künftig wieder in positiver Weise brennt. Für das Miteinander. Und für den Erfolg. Es wäre eine gute Nachricht für den BVB und seine Fans. Es wäre aber auch eine gute Nachricht für die Bundesliga, die angesichts der fehlenden Spannung an der Spitze eine leistungsfähige und lebendige Borussia wahrlich gut gebrauchen kann.

Matthias Dersch