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"Auch der Bewegungsmangel kann krank machen"

Kolumne von Sportwissenschaftler Ansgar Thiel

"Auch der Bewegungsmangel kann krank machen"

Ansgar Thiel, Professor am Institut für Sportwissenschaften der Uni Tübingen

Ansgar Thiel, Professor am Institut für Sportwissenschaften der Uni Tübingen privat

Der 57-Jährige hat mit seinem Team gesucht und recherchiert, was Corona mit den Kindern macht. "Die Bedeutung des Sports wird nicht gesehen", bemängelt er und fordert in seiner Kolumne einen Kurswechsel von der Politik, denn: "Auch der Bewegungsmangel kann krank machen."

Von Ansgar Thiel

Wir wissen noch nicht, wie sich diese Krise langfristig auf Kinder und Jugendliche auswirken wird, dafür ist es noch zu früh. Was wir aber schon jetzt sehr stark sehen: Der durch die Lockdowns verursachte Bewegungsmangel bringt große Probleme.

Kinder brauchen Bewegung und Sozialkontakte. Ihre Bedürfnisse wurden bislang in der Corona-Zeit marginalisiert. Auch die Bedeutung des Sports wird nicht gesehen. Dass die jungen Leute ewig nicht in die Vereine durften und keinen Sportunterricht bekommen, sorgt dafür, dass ihr Bewegungsverhalten massiv zurückgegangen ist. Wir haben das im ersten Lockdown bei Kindern beobachtet, die sich nicht gerne bewegen, die es am nötigsten hätten. Auffällig im zweiten Lockdown war, dass nun auch viele Jugendliche nicht mehr rausgingen, die sich eigentlich gern bewegen. Spazieren gehen oder Joggen ist für sie nicht attraktiv. Viele haben konditionell stark abgebaut. Dazu kommt, dass der Zusammenhalt, den sie in ihren Sportteams hatten, weggebrochen ist. Corona ist psychisch extrem belastend. Der fehlende Sport und die fehlenden Kontakte verstärken das.

Ein Paradoxon

Die Situation ist also nicht nur aufgrund der Infektionskrankheit alarmierend. Auch der Bewegungsmangel kann krank machen. Inaktivität kann früh zu Haltungsschäden und Übergewicht führen und steigert das Risiko von Bluthochdruck oder Diabetes im Erwachsenenalter. Sport ist ein wichtiges Medium der Gesunderhaltung. Wir befinden uns daher in einer hochproblematischen Situation: Der Infektionsschutz, der uns schützen soll, führt gleichzeitig zur Krankheitsgefährdung. Das ist paradox. Hinzu kommen die digitalen Medien. Wenn sich die Kids nicht treffen dürfen, wo sehen sie sich dann? Online. WhatsApp und Zocken sind fast schon soziale Überlebensbedingungen, verstärken aber ebenso das Problem, dass sich die Kinder zu wenig bewegen. Ob sie rausgehen, hängt vom Engagement der Eltern ab - oder ob man einen Garten hat.

Die Politik sollte sich anschauen, was sich die Vereine überlegt haben.

Die Politik der Vorsicht verstehe ich, Corona ist gefährlich. Aber trotzdem verstehe ich nicht, dass die Politik das Problem des Bewegungsmangels so ignoriert. Wir brauchen jetzt, nach einem Jahr des Zuschauens und Hinnehmens, einen Kurswechsel. Die Politik sollte nicht mehr nur fragen, was sie verbieten muss, um Infektionen zu vermeiden. Sie sollte fragen: Wie können wir viel Sport und Bewegung realisieren und dabei einen hohen Schutz garantieren? Das ist ein Unterschied! Wir dürfen den Sport nicht mehr ausblenden. Das gesundheitliche Risiko für alle ist viel zu groß.

Wie können wir also trotz des Virus möglichst gut leben? Die Politik sollte sich anschauen, was sich die Vereine überlegt haben. Im Sport, wie in der Gastronomie oder der Kultur, wurden exzellente Hygienekonzepte entwickelt. An der frischen Luft ist das Infektionsrisiko sehr gering, wenn man Maßnahmen beachtet, es spricht nur wenig gegen ein Training auf dem Platz. Wie sie sich drum herum zu verhalten haben, damit nichts passiert, kann man jungen Menschen vermitteln. Die Politik muss auch an sie denken. Erst wenn sie mit in die Verantwortung genommen werden, kann die Politik sehen, dass sie vielen vertrauen kann. Im Moment fehlt dieses Vertrauen.