Int. Fußball

Anstoß nach Sonnenlicht und Pinkelpause vor dem Fernseher

Digitalisierung im Auslandsfußball

Anstoß nach Sonnenlicht und Pinkelpause vor dem Fernseher

Alles Smartphone, oder was? Die Digitalisierung hält immer mehr Einzug in den internationalen Fußball.

Alles Smartphone, oder was? Die Digitalisierung hält immer mehr Einzug in den internationalen Fußball. Getty Images

Spanien: Neue VR-Perspektiven und Pissoirs mit Bildschirm

Die Liga setzt eine intelligente Software namens "Calendar Selector" ein, um für jedes Spiel die beste Anstoßzeit in Verbindung mit der größtmöglichen Zuschauerzahl im Stadion zu ermitteln. Mit dem Programm "Sunlight Broacasting Planning" wird zudem in Zukunft versucht, die Anstoßzeiten sowie die Kamerapositionen so zu wählen, dass die Zuschauer im Stadion wie am TV-Gerät so wenig wie möglich von einfallenden Sonnenstrahlen geblendet bzw. irritiert werden. Derzeit wird dieses Programm noch getestet.

Die Software "Replay 360" bietet bereits Wiederholungen aus allen möglichen Perspektiven, besonderes Interesse liegt dabei auf der Darstellung der Perspektive des Torschützen via Virtual Reality. Um dies technisch umzusetzen, sind 38 Kameras nötig, die im Stadion verteilt werden. Über diese Technik verfügen derzeit der FC Barcelona (Camp Nou), Real Madrid (Santiago Bernabeu), Atlético Madrid (Wanda Metropolitano), FC Sevilla (Ramon Sanchez Pijuan), Athletic Bilbao (San Mamés) und der FC Valencia (Mestalla). Real Sociedad (Anoeta) und Betis (Benito Villamarin) sollen 2020 dazu kommen.

Real Madrid verspricht, sein Bernabeu-Stadion, das aktuell bis 2024 umgebaut wird, zum "modernsten und avantgardistischsten Stadion der Welt" zu machen - mit Videotechnik, einem Bereich für eSport, einem interaktiven Museum und anderen digitalen Möglichkeiten, die allerdings nicht wirklich konkretisiert werden. Versprochen wird, dass sich Zuschauer mit ihren Handys Zugang zu Live-Infos verschaffen können, die die Spiele interessanter machen sollen. Geworben wird für das 600 Millionen schwere Projekt allerdings vor allem mit der futuristisch anmutenden Fassade. Aktuell gibt es im VIP-Bereich immerhin schon Toiletten und Pissoirs, auf denen einen kleiner Bildschirm installiert ist, damit man das Spiel während der Pinkelpause live weiter verfolgen kann.

England: Alles nur noch mit Karte

Die Digitalisierung ist weder Ausnahme noch Besonderheit, sondern eine akzeptierte Facette der Fußballbranche. Die Entwicklung beschleunigte sich ab 2012, als die Spitzenclubs sich der Notwendigkeit einer umfassenden digitalen Strategie bewusst wurden. Chelsea gehörte zu den Marktführern und arbeitet mit IT-Dienstleistern zusammen, um Fans und Sponsoren während des Spiels im Stadion und auch sonst jederzeit Mehrwerte zu bieten.

Inzwischen sind alle große Vereine in Sachen Verwaltung und Stadionerlebnis weit auf dem Weg der Digitalisierung fortgeschritten. Tottenham bietet Dauerkarten-Besitzern in ihrem neuen Stadion Ticketing über App an, die Eintrittskarte kann zudem über die Website weiterverkauft werden, wenn der Besitzer verhindert ist. An allen Verkaufsstellen im Stadion kann nur noch mit Karte bezahlt werden, selbst die Programmverkäufer außerhalb des Stadions akzeptieren nur noch Kreditkarten.

Italien: Digitalisierung noch Neuland?

Digitalisierung und Calcio liegen noch Lichtjahre auseinander. Das Durchschnittsalter der Stadien in der Serie A beträgt 64 Jahre, das der Serie B 68 Jahre. Die letzten signifikanten Arbeiten an den Arenen fanden zur Heim-WM 1990 statt - also vor 30 Jahren. Oft hindern Bürokratie, Kurzsicht der Klubs oder Faktoren wie Stadien, die als Kulturerbe gelten und im Besitz der Kommunen sind, notwendige Modernisierungen - auch im digitalen Bereich. Die modernsten Arenen sind derzeit die neu gebauten Vereins-eigenen Stadien von Sassuolo (Mapei), Udinese (Dacia Arena) und der italienische Vorreiter Allianz Stadium (Juventus).

Die Vorzüge liegen hier allerdings eher im Bereich Komfort, denn in Digitalisierung. Oft mäßig funktionierendes WiFi für die Fans gibt es in vielen Stadien, doch kein mobiles Ticketing oder Extra-Gimmicks. Das ist auch ein Resultat der Vereins-Philosophie und Fankultur, die weiterhin den Fokus auf das Ergebnis und nicht auf digitalen Zusatzdienste legt.

Inter war zu Saisonstart der erste Verein, der die offizielle App modifizierte, die den Weg zum Platz anzeigte, das Aufstellen der Wunschelf ermöglichte, und anderer interaktiver Optionen offerierte. Das war die bis dato "modernste" Möglichkeit der Serie A. Auch in den E-Sport investieren bislang nur die Roma, CFC Genoa, Sampdoria und Cagliari zaghaft. Die Übertragungen sind hingegen zeitgemäß mit den Top-Begegnungen in 4k, etlichen Perspektiven oder Abos für Übertragungen auf allen mobilen Geräten.

Lesen Sie im fünften Teil der kicker-Serie "Fußball im Wandel" in der Montagausgabe, wie die deutschen Vereine die Digitalisierung angehen und was führende Köpfe wie Stefan Mennerich (Bayern München), Andreas Heyden (DFL), Björn Borgerding (Geschäftsführer WhatsGoal und Aufsichtsrat von Fortuna Düsseldorf) und Tim Reichert (Schalke 04) dazu sagen.

Patrick Kleinmann/PSM/K.R./bir