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Andy Schmid: Vom Nationalspieler zum Nationaltrainer in fünf Wochen

Ein emotionaler Abschied und ein neuer Anfang

Andy Schmid: Vom Nationalspieler zum Nationaltrainer in fünf Wochen

Vom Nationalspieler zum Nationaltrainer: Andy Schmid.

Vom Nationalspieler zum Nationaltrainer: Andy Schmid. Sascha Klahn

Es war ein emotionaler Abschied für Andy Schmid bei der EHF EURO 2024: Nach seinem letzten Auftritt als aktiver Spieler auf der großen Handball-Bühne war der 40-Jährige zunächst minutenlang von den Fans in Berlin gefeiert worden, bevor er sich in einer Ecke der Katakomben gekauert und geweint hatte.

"Ich habe in den letzten fünf Minuten dreieinhalb Minuten geweint. Deswegen ist Wehmut wahrscheinlich leicht untertrieben", sagte der Spielmacher gegenüber den geduldig wartenden Journalisten, nachdem er seine Stimme wiedergefunden hatte.

Dass das 27:29 gegen Nordmazedonien im letzten Vorrundenspiel der EHF EURO 2024 Schmids letztes Spiel nicht nur im Schweizer Nationaltrikot, sondern generell gewesen sein könnte, deutete er damals bereits an.

"Ich muss mal nach Hause und meine Gedanken sammeln", diktierte er in die Mikrofone. "Ich habe einen Verband, ich habe eine Familie und dann werde ich entscheiden in den nächsten Tagen, ob das vielleicht sogar mein letztes Spiel war."

Karriereende nach der Handball-EM

Dass es tatsächlich so kommen sollte, bestätigte sich nur wenige Tage nach der EHF EURO 2024: Am 30. Januar gab Schmid sein Karriereende bekannt. "Die letzten Jahre haben Spuren hinterlassen, mein Körper bezahlt nun in Form kleinerer Blessuren den Tribut für die lange Karriere", begründete er die Entscheidung.

Über 200 Länderspiele, 12 Jahre bei den Rhein-Neckar Löwen, fünfmal wertvollster Spieler der Bundesliga-Saison, zweimal deutscher Meister - die Zahlen seiner beeindruckenden Karriere sprechen für sich.

Dank seiner 19 Tore bei der Handball-EM 2024 schwang er sich im buchstäblich im letzten Moment auch noch zum Schweizer Rekordtorschützen auf: Schmid kommt auf 1.094 Treffer - und damit auf genau ein Tor mehr als der vorherige Rekordhalter Marc Baumgartner.

Der Rekord war am Tag seines emotionalen Abschieds jedoch nur eine Randnotiz. "Wenn ich irgendwann noch langsamer und älter bin, werde ich auf diesen Rekord zurückschauen und werde sehen, dass ich darauf stolz sein kann", hatte er nach dem Abpfiff gegen Nordmazedonien in Berlin gesagt.

Weiterentwicklung im Fokus

Stattdessen stellte er auch in diesem Moment die Entwicklung der Mannschaft in den Vordergrund. "Es war eine unglaublich lange Reise in der Nationalmannschaft", hielt er fest "Wir haben viele Tiefen erlebt, immer wieder dagegen angekämpft und junge Wilde dazubekommen, die den Handballsport genauso lieben. Deshalb haben wir hier spielen dürfen und ich werde versuchen, das als Trainer weiterzuführen."

Denn es sei an der Zeit, "das Feld freizulassen für die Weiterentwicklung", spann Schmid den Bogen. "Ich weiß, dass es neben mir und im Schatten von mir nicht ganz einfach ist, zu gedeihen - und wir haben so viele junge Pflanzen, die gedeihen müssen und deswegen ist es Zeit, dass ich ihnen das Sonnenlicht gebe."

Den Raum und das Licht für ihre Entwicklung wird Schmid der nächsten Schweizer Generation in Zukunft von der Seitenlinie geben - als Nationaltrainer der Eidgenossen. Ursprünglich sollte er das Amt zum 1. Juli 2024 antreten, doch dann übernahm er bereits vier Monate früher.

"Die letzten zwei Monate haben mir die Unberechenbarkeit und Dynamik des Spitzensports einmal mehr eindrücklich aufgezeigt", kommentierte er. "Die Situation des Verbands und auch meine persönliche haben sich beide geändert, weshalb diese verfrühte Amtsübernahme für beide Parteien Sinn macht."

Das erste Aufgebot

Ein Test-Länderspiel gegen Weltmeister Dänemark sowie die WM-Playoffs gegen Slowenien werden seine erste Bewährungsprobe als Nationaltrainer. Am vergangenen Wochenende gab Schmid seinen ersten Kader als Nationaltrainer bekannt - mit 13 der nominierten 18 Spielern stand er im Januar noch gemeinsam im 20-köpfigen EM-Aufgebot seines eigene Vorgängers Michael Suter.

Wie diese ganz besondere Konstellation funktioniert, wird sich beim viertägigen Lehrgang sowie dem Testspiel am 16. März gegen Dänemark zeigen. Rund zwei Monate später wird es ernst: In den WM-Playoffs wartet der EM-Sechste Slowenien auf die Schweiz, das Team von Schmid geht als klarer Außenseiter in die beiden Partien am 9. bzw. 12. Mai 2024.

Nur, wenn der Schweiz die Überraschung gelingt, geht es zur WM 2025 nach Dänemark, Norwegen und Kroatien - und Schmid würde auf jener großen Handball-Bühne sein Debüt als Trainer geben, von der sich als Spieler im Januar erst verabschiedet hat.

jun