Europa League

Andreas Schicker: "Ich habe in keiner Sekunde Genugtuung verspürt"

Der Geschäftsführer Sport des SK Sturm im Exklusiv-Interview

Andreas Schicker: "Ich habe in keiner Sekunde Genugtuung verspürt"

Derzeit hat Andreas Schicker mit dem SK Sturm viel Grund zur Freude.

Derzeit hat Andreas Schicker mit dem SK Sturm viel Grund zur Freude. GEPA pictures

Herr Schicker, am Donnerstag feiert Sturm nach zehn Jahren Pause sein Europa-League-Comeback. Wie groß ist die Vorfreude auf das Spiel gegen Monaco?

Riesengroß. Der Verein war seit zehn Jahren in keiner Gruppenphase und man hat nach dem WAC-Spiel im vergangenen Jahr, in dem wir die europäische Gruppenphase fixiert haben, gemerkt, was das für den ganzen Verein und sein Umfeld bedeutet. Leider ist uns das in den letzten Jahren nicht gelungen. Ich habe dann aber umso mehr gespürt, welche Energie dieser Erfolg Sturm Graz gibt und wie viel das auch dem Sturm-Fan bedeutet.

EL-Auftakt

Zuletzt war Sturm Ende 2011 in der Europa League vertreten, damals holte die Mannschaft drei Punkte. Wie sieht die Erwartungshaltung für dieses Jahr aus?

Man muss nicht lange darüber sprechen: Wenn man sich die drei Gegner (AS Monaco, Real Sociedad und PSV Eindhoven, Anm.) ansieht, sind sie klar über uns zu stellen. Wir sind in dieser Gruppe der klare Außenseiter. Dadurch, dass in diesem Jahr 16 Mannschaften weniger in der Europa League spielen, gibt es für uns keine kleinen Gegner mehr. Wir waren in puncto UEFA-Klub-Koeffizient auch das zweitkleinste der 32 Teams. Wir trauen uns aber schon zu, dank unserer hohen Intensität zu punkten. Wir wissen natürlich, wie schwierig das wird. Ich traue dieser Mannschaft aber zu, an einem richtig guten Tag auch etwas mitzunehmen. Das wird sicher nicht einfach werden, aber wir werden nicht nach dem Motto "Dabei sein ist alles" agieren und drei schöne Städtereisen machen. Wir wollen Sturm Graz so teuer wie möglich verkaufen. Die Rollenverteilung ist ziemlich klar, aber ich traue uns etwas zu.

Neben dem Startgeld für die Europa-League-Teilnahme in Höhe von 3,63 Millionen Euro darf Sturm auch dreimal auf ein volles Stadion sowie etwaige Punkteprämien hoffen. Inwieweit ist dieses Geld auch angesichts der Corona-Pandemie für den Verein überlebensnotwendig?

Wir sind nach Rapid der Klub mit der größten Fanbasis. Sturm Graz ist ein publikumsstarker Verein. Wir haben für die drei Partien knapp 10.000 Abos verkauft. Ich bin mir sicher, die Spiele werden schnell ausverkauft sein. Auch das Startgeld ist für uns nach den vergangenen eineinhalb Jahren natürlich sehr wichtig. Das war für den Verein eine schwierige Zeit, wenngleich wir sehr gute Reserven gehabt haben. Von diesen haben wir auch teilweise gelebt. Jetzt müssen wir die Reserven wieder auffüllen. Es ist auch klar in unserem Leitbild verankert, dass wir den Verein wirtschaftlich solide führen wollen und daher ist es schon enorm wichtig, dass wir diese Gruppenphase erreicht haben. Auf der anderen Seite ist es uns auch gelungen, die Mannschaft in sportlicher Sicht zum Großteil zusammenzuhalten. Wir haben keinen Spieler verkaufen müssen, sondern bewusst versucht, mit einer ähnlichen Mannschaft und punktuellen Verstärkungen in diese Europacup-Saison zu gehen. Das Erreichen der Gruppenphase war auch ein Mitgrund, warum das funktioniert hat. Ansonsten hätten wir über Verkäufe nachdenken müssen. So ist es uns aber gelungen, wieder gut über dieses Jahr zu kommen.

Da muss man sich als Verein oder als Liga dagegen wehren.

Andreas Schicker über streikende Spieler.

Insbesondere auf internationaler Bühne können sich Spieler natürlich auch ins Rampenlicht spielen. Haben Sie die Befürchtung, dass Sturm Graz im nächsten Jahr ein ähnlicher Ausverkauf wie nach dem Cup-Sieg 2018 droht?

Unsere Aufgabe ist, uns in diesem Jahr bestmöglich auf verschiedene Szenarien vorbereiten. Seit ich Geschäftsführer Sport bin, ist unser Weg klar: Wir holen Spieler mit Potential und es ist es unser Weg, dass wir - wenn der Zeitpunkt gekommen ist und es für alle Seiten passt - Spieler wieder verkaufen. Es ist uns in diesem Jahr trotz einiger Anfragen gelungen, die Mannschaft zusammenzuhalten. Man muss aber realistisch sein. Wenn die Spieler jetzt auch noch die europäische Bühne haben, werden größere Vereine kommen. Sollte das für alle Seiten passen, werden wir einem Transfer auch zustimmen. Ich bin kein Freund davon, Spieler unbedingt zu halten, wenn die Umstände für alle Beteiligten passen. Das hat mir auch meine Erfahrung gezeigt. Man muss den guten Zeitpunkt potentieller Abgänge erkennen. Unsere Aufgabe wird sein, darauf zu reagieren und die Zeit bis zum nächsten Sommer zu nutzen, um uns auf mögliche Szenarien vorzubereiten.

Das klingt so, als würden Sie Spielern nicht gerne Steine in den Weg legen. Birgt das nicht auch die Gefahr, dass die Macht der Spieler - wie unlängst bei Emanuel Aiwu zu sehen - zu groß wird?

Wir bei Sturm Graz haben mit unseren Spielern und Beratern ein derart gutes Einvernehmen, dass uns so etwas hoffentlich nicht passieren wird. Ich bin auch mit den Spielern im Austausch und kenne ihre Pläne. Dieses konkrete Beispiel muss man allgemein betrachten. Generell gefällt mir diese Entwicklung gar nicht. Es muss nicht immer von Spielerseite ausgehen. Es wird manchmal von Beraterseite Druck auf den Verein ausgeübt und diese Entwicklung finde ich nicht gut. Da muss man sich als Verein oder als Liga dagegen wehren.

Wie kann das funktionieren?

Das ist schwierig. Die Vereine sollten sich zusammenschließen. Fakt ist, dass diese Entwicklung in keine gute Richtung geht. Wir müssen schauen, dass wir uns zusammensetzen und gemeinsam Ideen ausarbeiten. Eventuell könnten wir auch eine Arbeitsgruppe bilden, damit man dem entgegenwirkt.

Eine Nachfrage noch zu dieser Thematik: War Sturm Graz an Emanuel Aiwu interessiert?

Er ist schon ein Spieler, mit dem wir uns beschäftigt haben. Er ist auch für mich ein sehr guter Spieler. Ich kann den Transfer von Rapid zu 100 Prozent nachvollziehen. Es hat aber keinen direkten Kontakt gegeben, da wir uns relativ schnell mit Alexandar Borkovic beschäftigt haben. Die Medien haben das aufgegriffen, weil sie relativ schnell eins und eins zusammengezählt haben: Wir wollten einen jungen Österreicher verpflichten, da unsere Ausländerplätze schon voll waren. Aiwu war dann in den Medien schnell Thema, aber direkten Kontakt hat es - wie gesagt - keinen gegeben. Er ist jedoch definitiv ein guter Spieler.

Talente vor dem Durchbruch: Wer in dieser Champions-League-Saison durchstarten könnte

Sie persönlich haben unlängst Ihren Vertrag gemeinsam mit Trainer Christian Ilzer bis 2024 verlängert. Was waren die Beweggründe für diese Entscheidung?

Eine meiner ersten Aufgabe in dieser Funktion war, für Sturm Graz einen neuen Trainer zu finden. Wir sind dann schnell auf Christian Ilzer gekommen. Ich denke einfach, dass er perfekt zu Sturm Graz passt. Daher bin ich sehr froh, dass wir beide unsere Verträge verlängert haben. Der Hintergrund war jener, dass auch die Präsidentschaft von Christian Jauk bis 2024 läuft. Der Präsident und der Vorstand sind dann an mich herangetreten und haben mich gebeten, das gemeinsam bis 2024 durchzuziehen. Es freut mich, dass derart viel Vertrauen da ist. Ich persönlich fühle mich in Graz sehr wohl und denke, dass wir bereits in einem Jahr sehr viel bewirkt haben. Es war nicht davon auszugehen, dass wir im ersten Jahr nach dem großen Umbruch schon international dabei sind. Wichtig ist auch, dass der Verein den Weg, den wir eingeschlagen haben, weitergeht. Im besten Fall und auf ganz lange Sicht auch personenunabhängig. Die Art, wie wir derzeit Fußball spielen, passt sehr gut zu Graz: aktiv und mit Power. Da verzeiht der Sturm-Fan auch einmal eine schlechtere Leistung. 

Bei Ihrem Amtsantritt gab es hingegen einige Zweifel, ob Sie den Sprung aus dem Schatten von Günter Kreissl schaffen können. Verspüren Sie daher auch etwas Genugtuung?

Nein, absolut nicht. Ich habe in keiner Sekunde an Genugtuung gedacht. Als es am Anfang schlecht gelaufen ist, habe ich nie Zweifel gehabt. Da ich meine Stärken auch schon in dieser Position gezeigt habe und ich mir über meine Pläne klar war, war ich relativ sicher, dass der Erfolg über kurz oder lang zurückkommen wird. Es geht im Fußball immer schnell und daher muss man aufpassen, welche Personalentscheidungen man trifft. Das ist das Wichtigste. Ich habe aber in keiner Sekunde Genugtuung verspürt. Natürlich ist es derzeit eine schöne Situation, das ist klar. Andi Schicker ist aber auch der Gleiche, wenn es nicht läuft. Ich kenne das Geschäft und weiß daher auch, dass es sicher nicht einfach wird, sollte der Erfolg einmal ausbleiben. Dann ist der Druck in Graz natürlich groß. Das habe ich auch nach den ersten zehn Spielen, von denen wir neun verloren haben, gesehen. Wenn wir diesen Weg konsequent weitergehen, sind wir aber auf einem guten Weg.

Oben gibt es keinen Freibrief.

Andreas Schicker über einen fehlenden Stammspieler aus der eigenen Jugend.

Vom jungen und steirischen Weg, der beim Amtsantritt von Christian Ilzer von allen Seiten betont wurde und auch im Leitbild des SK Sturm eine wichtige Rolle spielt, ist derzeit allerdings noch nicht viel zu sehen. Warum?

Der junge, steirische Weg wurde vom Präsidenten und mir ausgerufen. Grundsätzlich denke ich, dass der SK Sturm in der Geschichte noch nie zwei steirische Geschäftsführer und ein Trainerteam, das großteils aus Steirern besteht, hatte. Das ist schon einmal positiv. Was die Spielerseite angeht, ist es so, dass wir natürlich versucht haben, Spieler aus der Akademie hinaufzuziehen. Wir haben in der Kaderplanung auch bewusst einige Plätze für sie geschaffen. Es trainieren derzeit auch relativ viele mit. Den ganz großen Durchbruch zum Stammspieler hat bislang - wie Sie richtig sagen - keiner geschafft. Niklas Geyrhofer und Vincent Trummer, der noch etwas mit seiner Verletzung (Kreuzbandriss und muskuläre Probleme, Anm.) zu kämpfen hat, sind nahe dran. Wir können als Verein zwar die Möglichkeit bieten, es liegt dann aber auch an jedem Einzelnen. Oben gibt es keinen Freibrief. Unsere Denkweise ist sehr leistungsorientiert. Wir haben im gesamten Verein jetzt allerdings eine einheitliche Spielidee implementiert und geschaut, dass diese in der Akademie durchgezogen wird. Wir haben Strukturänderungen in der Jugend vorgenommen und ich hoffe, dass wir in den nächsten Jahren daraus Profit ziehen können. Fakt ist aber, dass es aus der Akademie derzeit keinen Stammspieler gibt. Das muss man auch klar sagen.

Wohl auch aus diesem Grund gibt es seit etwas mehr als einem Jahr auch eine Kooperation mit Zweitligist Kapfenberg. Wie bewerten Sie diese Zusammenarbeit?

Man sollte nicht nach einem Jahr urteilen. Wir haben bei diesem Projekt langfristig gedacht und wissen, warum wir das gemacht haben. Das erste Jahr verlief sportlich zwar nicht optimal, aber es gab schon einige Erkenntnisse. Es gibt keinen Trainer auf dieser Welt, der einen Spieler, der abliefert, nicht spielen lässt. Wenn verliehene Spieler wenig spielen, ist das eine Erkenntnis, dass es für Sturm Graz nicht reichen wird. Darum haben wir auch fixe Transfers angestrebt. Grundsätzlich ist die Zusammenarbeit gut, es gibt immer wieder einen Austausch. Natürlich haben wir im Hinterkopf auch das Ziel, mit unserer zweiten Mannschaft in die zweite Liga aufzusteigen. 

Bedeutet das, dass die Kooperation mit Kapfenberg bei einem Aufstieg von Sturm II automatisch enden würde?

Das muss nicht sein. Wir müssten schauen, wie wir andere Sachen nutzen könnten. Es gibt auch mit Kapfenberg-Präsident Erwin Fuchs ein sehr gutes Einvernehmen. Es heißt nicht automatisch, dass die Zusammenarbeit enden würde.

Bei der zweiten Mannschaft ist der Aufstieg das klare Ziel, in der Kampfmannschaft hat man - bis auf das Erreichen der Top Sechs - noch nicht derart klar kommuniziert. Was sind die Ziele des SK Sturm in dieser Saison?

Wir haben für den Grunddurchgang, den Cup und den Europacup klare Ergebnisziele definiert. Die werde ich Ihnen allerdings nicht verraten. Wir haben bereits im vergangenen Jahr so gearbeitet. Aufgrund der Konstellation in der Bundesliga ist es zunächst einmal so, dass wir die Top Sechs erreichen wollen und das auch klar kommunizieren. Nach der Punkteteilung ist es aber wieder ein neuer Bewerb. Damit sind wir gut gefahren und wir werden das auch heuer so weiterverfolgen.

Nikolaus Fink