Nationalelf

Analyse zum 0:6 der DFB-Elf: Jetzt müssen die Weichen gestellt werden - klar und konsequent

Eine kommentierende Analyse von kicker-Chefreporter Karlheinz Wild

Analyse: Jetzt müssen die Weichen gestellt werden - klar und konsequent

Muss Rückschlüsse aus dem 0:6 gegen Spanien ziehen: Bundestrainer Joachim Löw.

Muss Rückschlüsse aus dem 0:6 gegen Spanien ziehen: Bundestrainer Joachim Löw. imago images

Auf der nach unten offenen Negativskala taugen viele Begriffe für diese historische 0:6-Niederlage der deutschen Mannschaft in Spanien. Gnädig ist es noch, diesen Auftritt der DFB-Auswahl als schwarzen Tag zu verniedlichen. Bundestrainer Joachim Löw und seine Auswahl erlitten eine Klatsche, ein Debakel, eine Vorführung mussten sie hinnehmen, eine Erniedrigung, eine Demütigung. Unendlich ist die Liste der Defizite: Es gab keinen Widerstand, keine Körpersprache, keinen Zugriff, kein Zusammenspiel, keine Kombinationen, keine Abwehr, kein Mittelfeld, keinen Sturm. Keinen Fußball. Allenfalls einen Torhüter.

Diese 90 Minuten im Sevilla des November 2020 werden noch lange nachbeben. Eine fundamentale Bewertung - nicht nur dieses einen Spiels, sondern der gesamten Lage dieser deutschen Nationalmannschaft und aller dafür Verantwortlichen - ist nun eilends erforderlich. Löw selbst stellte noch vor Ort und unter dem unmittelbaren Eindruck dieses Rück- und Tiefschlags die entscheidende Frage, was denn fortan der richtige Weg sei.

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Qualität vorhanden - aber nur für die Offensive

Zuallererst muss dafür eine Antwort im Personal gesucht werden. Manuel Neuer ist trotz der sechs Treffer der weltbeste Keeper - und Marc-André ter Stegen ein großartiger Stellvertreter. Wie der Kapitän wurden Innenverteidiger Niklas Süle, Mittelfeldmotor Leon Goretzka und Serge Gnabry im August 2020 Triplegewinner mit dem FC Bayern, zudem der aktuell verletzte Joshua Kimmich. Und Leroy Sané steht ebenfalls bei der derzeit weltbesten Vereinsmannschaft in München unter Vertrag. Dazu kommen in internationalen Spitzenklubs angestellte und dort zum Stamm zählende Akteure wie Toni Kroos (Real Madrid), Ilkay Gündogan (Manchester City) oder Timo Werner (FC Chelsea). Qualität ist also reichlich vorhanden, sie wird noch angereichert vom besonderen Talent des Kai Havertz, der dieses Mal wegen Corona nicht dabei sein konnte. Alle diese Spieler - Neuer und Süle ausgenommen - sind aber offensiv ausgerichtete Fußball-Interpreten.

Und da tut sich das erste große Problem auf: Die Defensive hat keine internationale Topklasse, selbst der hochveranlagte Süle nicht in der aktuellen Verfassung. Matthias Ginter kann ihm ein passender Partner werden, bei Antonio Rüdiger sind Einsatz und Ehrgeiz größer als das fußballerische Vermögen. Robin Koch und Philipp Max, gegen die Ukraine ordentlich, erfuhren von diesen mitreißenden spanischen Könnern gnadenlos ihre Grenzen.

Hummels, Boateng, Müller und der Preis einer Rückholaktion

Drängt sich also der Ruf nach den von Löw aussortierten Innenverteidigern Jerome Boateng und Mats Hummels ganz logisch auf? Bieten beide die ideale Aushilfe für die EM 2021? Bildeten beide nicht das überforderte Abwehrzentrum, als die DFB-Elf am 13. Oktober 2018 in den Niederlanden mit 0:3 überrollt wurde? Und was kommt nach diesem kontinentalen Endturnier im kommenden Jahr? Müssen Boateng und Hummels, dann schon stramm auf Mitte 30 zugehend, auch die WM 2022 in Katar bestreiten? Und muss zudem Thomas Müller reaktiviert werden, weil - wie die Partie in Spanien krass enthüllte - eine Führungskraft schreiend vermisst wird? Kroos, der gerne Kapitän wäre, oder Gündogan waren jedenfalls nicht diese Köpfe und auch spielerisch komplett überfordert, der ehrgeizige und immer kämpferische Kimmich musste operiert zuschauen. Und Goretzka tauchte ab.

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Ist Joachim Löw noch der richtige Bundestrainer?

Ein Comeback der 2014er Weltmeister würde diese Mannschaft gewiss stabilisieren. Aber um welchen Preis? Die Hierarchie würde stark von diesem Trio geprägt, selbst wenn es die drei gar nicht wollten - sie sind einfach zu starke Persönlichkeiten. Die ehrgeizigen Nachrücker der neuen Altersgruppe, Kimmich, Goretzka, auch Gnabry und Sané, würden damit wieder auf die zweite Ebene abgesenkt. Ob sie dazu Lust haben? Aber wer hierarchische Ansprüche erhebt, muss sie auf dem Feld bestätigen.

Im Fußball auf diesem Niveau geht es grundsätzlich um Leistung. Deswegen müssen die von Löw gewählten Spieler das Vertrauen ihres Trainers schnellstmöglich rechtfertigen. Wenn nicht, hat sich Löw von Anfang an das Hintertürchen offengelassen, dass er die Situation vor dem Turnier 2021 neu bewerten werde - also in einer Notlage einen, zwei oder alle drei geschassten Weltmeister zurückholen werde. Aber eine glaubhafte Vertrauensbasis wird es in der Beziehung zwischen diesem Bundestrainer und diesen drei Routiniers Boateng-Hummels-Müller nicht mehr geben.

Die EM als möglicher Fortbildungs-Kurs

Soll also die Verjüngung - ganz nebenbei sind außer Havertz diese Spieler gar nicht so extrem jung - fortgesetzt werden? Muss ein Müller wegbleiben, weil er einen Havertz blockieren würde? Löw bleibt nur diese eine Richtung. Die andere ist mit ihm nicht mehr möglich, sie würde ihm in der jetzigen Stimmungslage als Gesichtsverlust ausgelegt. Und ein erneuter radikaler Kurswechsel wäre ohnehin ein Schritt zurück in die Vergangenheit. Doch im Fußball geht es auch um Zukunft und Entwicklung. Es würde den deutschen Fußball nicht entgleisen lassen, wenn die DFB-Auswahl 2021 zur EM, die unter den Corona-Vorzeichen ohnehin eine besondere zu werden droht, als Außenseiter und ein lernwilliges Team von Azubis fährt. Dieser paneuropäische Wettstreit kann sehr wohl als Fortbildung zur internationalen Klasse genutzt werden, 2022 folgt die WM und 2024 die Europameisterschaft im eigenen Land. Und eine Garantie für den EM-Titel 2021 kann sowieso kein Personal geben.

Bilder zur Partie Spanien - Deutschland

Schon einmal, 2010, startete eine junge deutsche Delegation bei der WM in Südafrika - ohne ihren vermeintlich wichtigsten Spieler und Anführer, Michael Ballack - in ein höchst erfolgreiches Jahrzehnt. Die derzeitigen Perspektivspieler müssen allerdings erst nachweisen, dass sie genauso talentiert sind wie die weltmeisterliche Generation 2014. Derzeit schlagen die Zweifel an ihrem Topniveau, gerade in der Defensivabteilung, gewaltig durch.

Löw wirkte passiv und müde

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Löw: "Eine Niederlage, die es so schon lange nicht mehr gab"

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Und auch Löw muss mit Wucht und Überzeugung nachweisen, dass ihn noch immer die nötige Power und Energie antreiben. Die spanische Übermacht hätte er von außen zwar nicht brechen können, aber irgendwie wirkte er doch auffällig passiv und müde. Der Bundestrainer muss grundsätzlich präsenter sein im deutschen Fußballalltag und darf nicht seiner Zurückgezogenheit frönen - wenn es nicht schon zu spät ist. Denn die Frage nach dem Trainer wird nach einem solchen Desaster ganz logisch laut und immer lauter gestellt, sie dröhnt auch von vielen Stellen der Liga. Und über potenzielle Nachfolger - Ralf Rangnick oder Thomas Tuchel - wird schon emsig spekuliert. Da rollt schon eine Lawine los.

Löw äußerte noch in Sevilla seine Bereitschaft zur Fortsetzung seines bis 2022 geltenden DFB-Engagements. Ob die Verbindung Bundestrainer-Mannschaft überhaupt noch zukunftsfähig ist, muss von den Verantwortlichen in den kommenden Tagen und Wochen schonungslos diskutiert werden; auch die Rolle und Verantwortlichkeit des DFB-Direktors Oliver Bierhoff sowie die gesamte, ziemlich verkrustet erscheinende Struktur. Vier Monate ohne Länderspiele bieten so auch die nötige Zeit zu Entscheidungen - ohne falsche Rücksichtnahme, aber mit ausgereifter Überlegung. Bis zur Wiederaufnahme des Betriebs im März 2021 muss eine klare und konsequente Weichenstellung erfolgt sein.

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