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Ambitioniert aber technisch minderwertig: Pokémon Karmesin

Arceus' peinlicher Bruder - Nintendo verkauft Spiel im Alpha-Status

Ambitioniert aber technisch minderwertig: Pokémon Karmesin

Viele neue Ideen, behutsame und liebevolle Weiterentwicklung. Pokémon hätte großartig werden können. Die technischen Fehler machen es leider peinlich.

Viele neue Ideen, behutsame und liebevolle Weiterentwicklung. Pokémon hätte großartig werden können. Die technischen Fehler machen es leider peinlich. Nintendo

Fünf Minuten hat es gedauert, bis der erste Bug mein Spiel beendet. Die Kameraperspektive wird vom Spiel auf der ersten Treppe so unglücklich gewählt, dass alles schwarz bleibt. Nur wilde Stickbewegungen führen überhaupt zurück ins Spiel.

Die neuen Pokémon-Editionen Karmesin und Purpur sind seit Release das Gespött in den sozialen Medien. Fast scheint es ein Sport, die dämlichsten oder gröbsten Fehler zu finden, oder einfach die meisten zu sammeln. Es ist aus technischer Sicht ein Trauerspiel, was Nintendo in die Welt geschickt hat: Sowas würden andere Entwickler als "Alpha-Version" bezeichnen, also etwas, das noch am Anfang der Entwicklung ist.

Scarlet Violet Nov 8 Screenshot 24

Einer der seltenen Innenräume. Aber Vorsicht: Ist die Kamera falsch eingestellt, bleibt der Bildschirm schwarz. Nintendo

Kaputte Animationen, wilde Pokémon, die in Trainerkämpfe rennen, NPCs, die sinnlos im Kreis laufen, kaum programmierte Innenräume, hässliche Texturen und am schlimmsten: Alles, was vier Meter weit entfernt (und kein wildes Pokémon) ist, laggt abgehackt durch die Welt. Von Immersion keine Spur, Fehler überall: Möglich, sich Abhänge auf einfachste Weise hochzutricksen, möglich, vom Spiel an Stellen versetzt zu werden, von denen kein Weg wegführt, außer ein Reset per Flug ins nächste Pokécenter. Was hat Nintendo sich dabei gedacht?

Scarlet Violet Nov 8 Screenshot 28 DE

Erstaunlich hässlich: Alles, was kein Pokémon ist, laggt, buggt oder hat grauenhafte Texturen. Schon NPCs oberhalb der Treppe würden herumruckeln. Nintendo

Im Vorgänger "Pokémon-Legenden: Arceus" war die Kritik über Spielfehler schon laut, aber wurde hingenommen. Denn es war das erste Pokémon-Spiel mit einer quasi-offenen Welt. Längst waren die Bugs nicht so gravierend. Nintendos Switch scheint einfach zu alt, um dem Projekt Pokémon noch gerecht zu werden.

Eigentlich hat die neue Edition viel Charme und Witz

Das Ganze ist äußerst schade, denn unter all diesen Fehlern steckt ein durchaus gutes Spiel. Mit Witz und Charme entwickelt Nintendo behutsam weiter, ohne jedoch den Kontakt zu den vorherigen Editionen zu verlieren. Wo Arceus ein mutiger Schritt war, bleiben Karmesin und Purpur eher an ihren Vorgängern.

Hier gibt es die bekannte Arenen-Struktur, es gibt eine böse Organisation und mehr Geschichten, die nebenherlaufen. All das ist mit der Idee einer offenen Welt versehen. Gut gedacht, leider schlecht gemacht, dazu gleich mehr.

Nachtara

Die Pokémon sind allesamt hervorragend getroffen. kicker eSport

Es gibt viel Gutes im neuen Spiel: Die Pokémon sehen fantastisch aus, es ist beeindruckend, durch die Welt zu laufen, zu sammeln, zu kämpfen, sich neue Wege und Aufgaben zu suchen. Die Musik ist ein ganz besonderer Pluspunkt: Zeitgemäß, treibend, abwechslungsreich und immer angemessen. Alles, was in den Kämpfen stattfindet, sieht großartig aus. Die Storylines sind spannend gestaltet, mit Witz erzählt und angenehm unterschiedlich. In sich sind sie leider jeweils arg repetitiv.

Die offene Welt

Das größte neue Feature. Es sei die erste Pokémon-Edition, in der Spielende völlig frei entscheiden können. Solche Flausen sind leider nur Marketing: Das Spiel setzt natürliche Barrieren wie Flüsse oder Felswände, baut Wegsperren ein, durch die man erst kommt, wenn das eigene Team stark genug ist.

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Vieles ist offen in der Welt vom neuen Pokémon, hübsch ist es leider selten. Hier ein Picknick mit dem eigenen Team. Nintendo

Es ist so gesehen also vieles beim Alten, obwohl die Freiheit zu wählen, größer geworden ist. Genau darin zeigt sich jedoch das große Manko: "Entscheide dich", sagt das Spiel oft. Das habe ich getan und bin rechtsrum, statt linksrum gegangen. Habe mich mit viel Strategie durch höherlevellige Gebiete, gegen Trainer und "Team Star" gekämpft. Herausfordernd war das gar.

Als ich dann zum linken Pfad zurückkehrte, musste ich aber feststellen: Nintendo wollte, dass ich erst hier lang gehe. Die übrigen Arenaleiter sind nur noch Pappkameraden, zehn Level unter mir. Dasselbe für wilde Pokémon: Das bietet kaum Anreiz zum Kämpfen. 

Es gibt genug aktuelle Spiele, in denen zumindest die gegnerischen Trainer mit dem eigenen Level mitgehen. Der Ansatz der Open World ist trefflicher Quatsch, wenn ich mich langweile, weil ich zuvor Gebrauch von meiner Freiheit gemacht habe.

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Die Freiheiten sind teilweise trefflicher Quatsch: Nintendo will, dass man diesen Titanen noch mit seinem Starterpokémon (li.) besiegt. Stöbert man erst durch die Welt und kommt später, braucht dieses riesige Monster nur einen Angriff. Nintendo

Ansonsten ist die gut: Ich kann picknicken, die Welt bewundern, Pokémon fangen, züchten, aufziehen wie und wo ich möchte. Auch die neue Funktion, mit Druck auf die Schultertaste das erste Teampokémon loszuschicken, um Items zu sammeln und wilde Pokémon zu bekämpfen, ist toll. Anders als in Arceus können die Monster nicht mehr direkt gefangen werden: Ich muss immer in die Kämpfe und die Ladezeiten zwischen allem sind längst nicht mehr zeitgemäß.

Das Kampfsystem

Pokémon war schon immer ein zahlenbasiertes Spiel mit hübscher Grafik. Das ist krasser geworden. Schon in Arceus hat Nintendo die Kämpfe stärker auf Action getrimmt. Dort waren sie meist nach zwei Runden vorbei. In den aktuellen Editionen geht es wieder stärker zum Ursprung zurück. Erneut ist das austrainierte Level 100-Pokémon, mit dem man das ganze Spiel gewinnen kann, eine Option.

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Mit der Terakristallisierung gibt Nintendo dem Spiel einen neuen Kniff. Der verändert die Klasse eines Pokémon. Nintendo

Das Kampfsystem ist arg levelabhängig. Ist der Gegner deutlich über meinen Pokémon, habe ich wenig Chancen. Gleichzeitig rücken aber die tiefenstrategischen Aspekte in den Vordergrund. Greife ich den Gegner mit seiner Schwäche und meiner Stärke an, passt die Attacke zum stärksten Wert meines Pokémons und ist der Gegner kein Staller mit vielen Lebenspunkten und Verteidigung, meine ich: Auch ein Gegner 15 Level drüber könnte geschlagen werden. Komme ich dann mithilfe meines gesamten Teams noch zu perfiden Taktiken, wie Statusverbesserungen oder Terrainveränderungen, kann ich Arenaleiter viel eher im Spielverlauf besiegen. Ganz schön viel Rechnerei allerdings.

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Wie gewohnt, ist der Kampfbildschirm aufgeräumt. Hier das epische Aufeinandertreffen mit dem Auto(-Pokémon) von Team Star. Funktioniert leider auch immer gleich. Nintendo

Stattdessen kann ich auch ein Knuddeluff Level-80 mit Gigastoß in jeden Kampf schicken und spare mir taktische Überlegungen. Die Kombo Hohes Level/Viele Lebenspunkte/Starke Attacke macht Nachdenken überflüssig.

Will ich das nicht, zwingt das Spiel mich, Pokémon bestimmter Typen zu finden und zu trainieren, um gegen die Arenaleiter zu bestehen. Eine hervorragende Mechanik, die das eigene Sechserteam immer wieder aufbricht.

Die neuen Editionen bringen 43 neue Attacken und 107 neue Pokémon. Viele der Moves haben zusätzliche Effekte, mit denen Statuswerte verändert werden. Darüber hinaus gibt es die Terakristallisierung, mit denen bestimmte Attacken eines Pokémons nochmal verstärkt werden können. Das macht Kämpfe auf hohem Niveau erneut komplizierter. Obwohl über 550 Pokémon der anderen Generationen nicht im Spiel enthalten sind.

Spielspaß

Nintendo buttert viel rein. Drei unterschiedliche Storylines, eine große Welt, über 300 zu fangende Pokémon, Raids, ein Geheimnis um die Zone 0 - langweilig wird‘s wirklich nicht. Besonders hervorzuheben sind die Aufgaben, die vor jedem Arenaleiter zu lösen sind. Abwechslungsreich und durchaus mit Nachdenken verbunden, frischen sie das Spielprinzip auf.

In sich sind die drei Storylines aber repetitiv. Jeder Kampf gegen Team Star, die Arenaleiter oder die Titanen ist gleich. Der wirkliche Spaß kommt für mich durch das Fangen der Pokémon. Arceus hat es geschafft, mir das nahezubringen. Steckten in den vergangenen Editionen noch nur 15 Pokémon in meinen Boxen, sind es in Karmesin nach vier Orden schon weit über 100. Leider belohnen die neuen Editionen das kaum. Es ist fast unerheblich, viele Pokémon zu fangen: Zwar gibt es kleine Rewards, aber steht das eigene Team, ist es nicht mehr spielentscheidend, weiterzufangen wie in Arceus. Schade.

Scarlet Violet Screenshot 09 DE

Behutsam entwickelt Nintendo weiter. Pokécenter und Shop sind zusammengelegt und in die Welt integriert. Eine Tür und ein Ladebildschirm weniger. Nintendo

Ein Punkt, den die Open World-Idee aber einfängt: Der Spieler sollte seine eigenen Quests bestimmen können. Die Integration eines Nachtara, Schlüssel-Pokémon in meinen Teams, war ein sich über Tage ziehender Quest. Das ist beeindruckend, aber es gibt noch zu wenig davon.

Fazit

Vergleiche ich die beide parallel in der Entwicklung gewesenen Spiele Karmesin und Arceus auf einer Skala bis 100, bekommt Arceus eine 90 und die aktuelle Edition höchstens eine 50. Grundlegend ist das Spiel toll, es gibt gute Weiterentwicklungen, spannende Inszenierung, interessante Storylines, die Welt ist offen und divers…

40 Punkte Abzug bekommt Karmesin für das Alpha-Desaster von Nintendo. Alles ruckelt, buggt, lädt lange, vieles ist hässlich und nicht zu Ende gedacht. Was für eine Peinlichkeit, die Nintendo da auf den Markt gebracht hat. Noch immer gibt es kaum Updates, die die Probleme beheben. Nintendo sollte in der Lage sein, auf seinem eigenen System ein eigenes Spiel zum Laufen zu bringen.

Dass der Publisher versucht, ein tolles neues Pokémon hinzuzaubern, ist löblich, aber es ist schlecht umgesetzt worden. All das beiseitegelassen, ist es jedoch nicht umsonst das schnellstverkaufte Pokémon aller Zeiten. Was Nintendo und Gamefreak schaffen wollten, ist toll.

Wie auch meinen Arceus-Test schließe ich: Das nächste Pokémon auf einer eventuell neuen Konsole könnte großartig werden. Dieses ist "ein Schuss in den Ofen". Spielerisch toll, technisch minderwertig.

Holm Kräusche

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