Bundesliga

Reschke exklusiv: Als Mané schon einmal Bayern-Thema war

Reschke erinnert sich

Als Mané schon einmal Bayern-Thema war - und was seine Zahlen heute sagen

Er bringt frischen Glanz nach München: Sadio Mané.

Er bringt frischen Glanz nach München: Sadio Mané. IMAGO/MIS

Michael Reschke (64) kann sich genau erinnern. Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit als Technischer Direktor, die er zum 1. Juli 2014 in München startete, war Sadio Mané "Thema beim FC Bayern". Zu Jahresbeginn, am 18. Januar, hatte der deutsche Rekordmeister deftig mit 0:3 in Salzburg verloren. Er glaube, sagt Mané nun im achtjährigen Rückblick, er "habe damals ein schönes Tor geschossen", das 1:0, nach Kevin Kampls Pass in die halblinke Tiefe setzte er souverän einen Flachschuss mit links.

Mané erzählt da nur ein Drittel der Geschichte, denn vor dem Strafstoß zum 2:0 war er von Dante umgerempelt worden, das 3:0 servierte er nach coolem Dribbling vorbei an Jerome Boateng. Ein Stürmer, der die Bayern-Abwehr in knapp 45 Minuten so zerlegt, erregt bei den FCB-Bossen sofort Aufmerksamkeit. Die Liste ist lang und prominent und ein Paradebeispiel Roy Makaay, der für Deportivo La Coruña 2002/03 in der Champions League vier von fünf Toren gegen Bayern erzielte und in der anschließenden Saison für München stürmte. Mané engagierten die Bayern-Bosse damals nicht.

Der Mané von heute ist ein anderer Spieler.

Michael Reschke

"Mané war vor acht Jahren nicht der Mané von heute", sagt der damals mitverantwortliche Reschke. "Er war ein hochtalentierter, explosiver Außenstürmer, ein wilder, ungezähmter, wahnsinnig schneller, toller Perspektivspieler. Der Mané von heute ist ein anderer Spieler, er hat sich noch entscheidend und super weiterentwickelt. Heute ist er total ausgereift und taktisch auf einem völlig anderen Niveau."

Die Zahlen zeigen: Mané hat viele Chancen und nutzt sie

Zunächst glänzen da die für einen Stürmer wichtigsten Quoten, 111 Tore in acht Spielzeiten der Premier League. Allein Harry Kane gelangen mehr Tore, 152. In der vorigen Runde erzielte Mané alle 176 Minuten, also in jeder zweiten Partie, einen Treffer, sechs Spieler schossen schneller ins Tor, Jamie Vardy (Leicester) auf Platz 1 brauchte nur 120 Minuten für ein Tor, Heung-Min Son (Tottenham) 130, Kevin De Bruyne (Manchester City) 146, Mo Salah (Liverpool) 153, Diogo Jota (Liverpool) 157 und Cristiano Ronaldo (Manchester United) 163. Als einziger Akteur verewigte sich Mané seit 2014/15 immer unter den Top 15 in dieser Kategorie, 2018/19 war er sogar auf Rang 2 gelistet (alle 139 Minuten ein Tor).

In der Addition sandte die Nummer 10 des FC Liverpool in seiner letzten LFC-Saison 98-mal den Ball auf einen Premier-League-Kasten, die viertmeisten nach seinem Teamkollegen Salah (139) sowie Kane (133) und Cristiano Ronaldo (110). Alle 6,13 Torschüsse brachten ein Mané-Tor. Nur sechs Profis waren besser in England, am effizientesten zielte Son (3,4 Schüsse für einen Treffer). Salah und Ronaldo brauchten im Schnitt sieben Versuche für ein Tor, Kane knapp zehn.

Wenn es eine ideale Welt gäbe, wäre Mané für mich eine zweite Spitze um einen Stoßstürmer herum.

Michael Reschke

2018/19 musste Mané nur 3,95-mal auf das gegnerische Tor zielen, um als Torschütze gefeiert zu werden (87 Schüsse, 22 Treffer), im Jahr danach 4,28-mal (77 Torschüsse, 18 Treffer). In beiden Saisons hat kein anderer Akteur in der Premier League eine bessere Quote. 2021/22 traf er mit 37,4 Prozent seiner Schüsse das gegnerische Tor, kein Mitspieler der Reds war besser.

Mané - das besagen diese Werte - kommt zu vielen Chancen und nutzt sie.

"Wenn es eine ideale Welt gäbe, wäre Mané für mich eine zweite Spitze um einen Stoßstürmer herum, ein sehr offensiver Zehner", sagt Reschke und begründet: "Weil er mittlerweile eine besondere Qualität hat, in der Box Situationen zu erkennen und handlungsschnell selbst zum Abschluss zu kommen oder Tore vorzubereiten. In höchster Geschwindigkeit sieht Mané unheimlich viel. Das ist das Außergewöhnliche bei diesem Spieler."

Mané weiß sich zu positionieren - aber beim Dribbling sind andere noch bessere

Mané lenkt ein feines Gespür in die optimalen Positionen, wie die hohe Anzahl sogenannter progressiver Pässe belegt. Pro Liga-Partie erhielt er 11,3 Zuspiele, die in die offensiven 60 Prozent des Spielfeldes und mindestens über neun Meter oder direkt in den Strafraum gelegt wurden. Einzig Salah nahm mehr dieser progressiven Pässe auf (12,0), zudem kam noch Kai Havertz (Chelsea) auf einen zweistelligen Wert (10,5).

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Und es gibt nur drei Premier-League-Profis, die pro 90 Minuten mehr Ballberührungen in des Gegners Sechzehner aufweisen als Mané: Salah (10,8), Raheem Sterling (ManCity/9,19) und Jack Grealish (ManCity/9,11). Ein überraschend geringer Wert - Platz 8 in England - sind durchschnittlich 1,73 Dribblings pro Spiel hinein in den Strafraum (Bestwert: Grealish mit 4,13). Knapp 193 Meter pro 90 Minuten legte Mané 2021/22 mit dem Ball am Fuß zurück und steht auf Platz 6 in dieser Liste (Grealish mit Bestwert: 333,94 m).

Mané hält zweifelhaften Vereinsrekord

Für seine Abschlüsse sucht Mané gerne die Nähe des Tores. Von den 45 Spielern, die in der vorigen Runde der Premier League mindestens 50-mal auf die Kiste zielten, waren nur vier näher am gegnerischen Allerheiligsten: Diogo Jota (Liverpool) mit im Schnitt 10,8 Metern war da am nächsten, bei Havertz wurden 11,3 Meter gemessen, bei Mané 12,2. Dass sich dieser Stürmer gerne in vorderster Linie bewegt, zeigt die Abseitsstatistik: 2021/22 hält Mané da den zweifelhaften Vereinsrekord (19-mal). 2020/21 war er sogar der Mann mit den zweitmeisten Abseitsstellungen in der gesamten Liga (31, hinter Vardy mit 36).

Zwei Assists für Kollegen in der vorigen Saison bedeuten ebenfalls einen sehr dünnen Ertrag. Salah bereitete 13 Tore vor. Manés Zweikampfquote liegt mit 44,3 Prozent knapp über dem Schnitt der Ligastürmer (42,12). Aber kein Spieler griff im vorderen Drittel häufiger als er zum Tackling (alle 214 Minuten). Nur Diogo Jota (384) war im Kader der Reds in mehr Zweikämpfe verwickelt als Mané (361).

Wo soll Mané beim FC Bayern spielen? Er selbst witzelt, Hauptsache nicht im Tor oder in der Abwehr. Im Angriff kann er es überall. "Grundsätzlich hat Mané eine sehr hohe Flexibilität", sagt Reschke. "Er kann außen spielen, die Neun, die Neuneinhalb oder Zehn." Jürgen Klopp schickte ihn 2021/22 in seinem 4-3-3-System 22-mal über links los, einmal über rechts und neunmal durch die Mitte, davon fünfmal in den letzten sechs Startelfeinsätzen der Premier League. Seine Stammposition war aber in den sechs Jahren bei den Reds die (halb-)linke Startrampe: 142-mal war er da bei Anpfiff positioniert, achtmal rechts, 13-mal mittig.

Reschke: "2014 standen die Topklubs nicht Schlange"

"Mit diesem Spieler ist eine Mannschaft extrem flexibel", so Reschke weiter. "Er kann außergewöhnlich gut Konter spielen, mittlerweile aber auch in engen Momenten Situationen hervorragend lösen. Mané ist ein sehr kompletter Spieler", also "ein sehr guter Transfer". 2014 stellte sich die Konstellation anders dar. Für das damalige Talent, 22 Jahre jung, "war eine Ablösesumme von 23 Millionen Euro kein Schnäppchen", sagt Reschke, "und die internationalen Topklubs standen in jener Zeit nicht bei ihm Schlange".

Zudem hatten die Bayern in jenem Jahr "andere Transferziele". Mané wollten sie, so der damalige Technische Direktor, "voll im Fokus für die folgende Saison behalten, er war eines unserer Transferbeobachtungsziele für 2015/16". Doch dann holte ihn Southampton. Und nun, acht Jahre später, kam dieser Ausnahmestürmer doch noch nach München.

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Karlheinz Wild

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