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"Wir dachten, er würde sterben": Was passierte mit Ronaldo vor dem WM-Finale?

Ein Mitspieler verrät, was 1998 in Hotel und Kabine geschah

"Wir dachten, er würde sterben": Was passierte mit Ronaldo vor dem WM-Finale?

Ronaldo im Finale 1998, einmal im Duell mit Keeper Fabien Barthez (li.), einmal mit Brasilien-Coach Mario Zagallo.

Ronaldo im Finale 1998, einmal im Duell mit Keeper Fabien Barthez (li.), einmal mit Brasilien-Coach Mario Zagallo. picture alliance (2)

"Superstar 3.0", "Superstürmer 4.0" - die maschinell und irgendwie außerirdisch anmutenden Kosenamen häuften sich, waren aber auch nicht wirklich fehl am Platz für einen 21-Jährigen, der genauso gut 100-Meter-Sprinter sein könnte und bereits zweimal zum Weltfußballer gekürt worden war.

Eine neue Dimension

Ralf Rangnick hätte Ronaldo - später "El Extraterrestre" oder "Il Fenomeno" - 1994 gerne zum VfB Stuttgart gelotst, der brasilianische Teenager landete aber schließlich bei der PSV Eindhoven. Natürlich nur eine Übergangsstation. 1996 als Rekordtransfer zum FC Barcelona, 1997 als Rekordtransfer zu Inter Mailand. Viele Dribblings, viele Tore und viel, viel Geld, das rund um Galionsfigur Ronaldo zirkulierte. Der in sportlicher und wirtschaftlicher Hinsicht eine neue Dimension darstellte. Der Fußball boomte schließlich.

Nachvollziehbare Vergleiche mit dem großen Pelé - wobei die kommende WM, 1998 in Frankreich, dann aber bitte auch "seine" werden musste. Was sie nach Anlaufschwierigkeiten auch wurde, mit dem Höhepunkt im Halbfinale gegen die Niederlande. Ronaldo, das Phänomen, die Maschine - der beste Spieler des Turniers. Als solcher wurde der Brasilianer auch ausgezeichnet. Und doch überstrahlte am Ende - im verschwommenen Rückblick - Weltmeister Zinedine Zidane die WM 1998. Warum?

Phänomen, "Galactico", Kahns Alptraum: Ronaldos Karriere

Lebensretter Roberto Carlos

Der größte Moment in der Karriere des Roberto Carlos war wohl weder seine unwirkliche Freistoß-Flugkurve gegen Frankreich noch das physikalisch schier unmögliche Grundlinien-Tor gegen Teneriffa. Sondern als er seinem Kumpel und Zimmerkollegen Ronaldo die Zunge aus dem Hals zog und ihm damit wahrscheinlich das Leben rettete.

Wir waren nicht einmal bei 50 Prozent.

Ronaldos Teamkollege Cesar Sampaio

"Acht oder neun Stunden vor dem Finale hatte er im Hotel einen Schüttelkrampf. Eine schreckliche Szene, wir dachten, er würde sterben", erinnert sich der damalige Teamkollege Cesar Sampaio im Interview mit "The Blizzard". Die Aufregung eines unter Druck stehenden 21-Jährigen, auf dem die Hoffnung einer ganzen Fußballnation lastete? "Ronaldo war damals der beste Spieler der Welt. Wir machten uns große Sorgen." Der Weltfußballer musste derweil ins Krankenhaus, Trainer Mario Zagallo und die Spieler planten schließlich mit Ersatzmann Edmundo.

Pochte Sponsor Nike auf einen Einsatz?

Drückte dem WM-Finale 1998 seinen Stempel auf: Zinedine Zidane. picture alliance

Gerüchte ranken sich bis heute darum, ob Sponsor Nike auf einen Ronaldo-Einsatz im WM-Finale pochte oder sich gar die Politik einmischte. Das wird sich vielleicht nie herausstellen. Sampaio verrät nur so viel: "Es waren die Ärzte, die ihn untersucht, nichts festgestellt und ihm grünes Licht gegeben hatten." 40 Minuten vor dem Anpfiff tauchte Ronaldo jedenfalls in der brasilianischen Kabine auf und wollte spielen. Seine Kollegen wollten das nicht mehr, Zagallo jedoch auch nicht der Trainer sein, der das WM-Finale verliert, während der beste Spieler der Welt nur auf der Bank sitzt.

"In der Kabine ging es plötzlich wild zu", erinnert sich Sampaio, "wir dachten, Ronaldo riskiert sein Leben - und hatten uns mit Edmundo vorbereitet. Ich würde nicht sagen, dass es Ronaldos Schuld ist, dass wir das Finale verloren haben. Aber aus emotionaler Sicht wären wir zu diesem Zeitpunkt stabiler gewesen, wenn Edmundo gespielt hätte. Wir waren nicht einmal bei 50 Prozent."

Warum Zidane zwei Kopfballtore glückten

Ein weiterer Knackpunkt: "Ronaldo war bei Standards für Zidane zugeteilt gewesen. Wir mussten umstellen und haben es zweimal anders gemacht", verrät Sampaio. Zweimal setzte sich Zidane - kein ausgewiesener Kopfballspezialist - nach Eckstößen durch und köpfte erst das 1:0, dann das 2:0 für Frankreich (Endstand: 3:0).

Der sichtlich angeschlagene Ronaldo und seine verunsicherten Teamkollegen waren indes nur ein Schatten ihrer selbst, schienen kaum wirklich am Endspiel teilzunehmen und ihr Schicksal über sich ergehen zu lassen. Womit zumindest einige brasilianische Spieler vier Jahre später, beim 2:0-Erfolg im WM-Finale 2002 in Yokohama gegen Deutschland, abschließen konnten. Darunter auch Doppeltorschütze Ronaldo.

Niklas Baumgart

WM-Held Zinedine Zidane

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