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"König" gegen "Kaiser": Otto Rehhagel und das Bayern-Missverständnis

Nur wenige Monate in München

"König" gegen "Kaiser": Rehhagel und das Bayern-Missverständnis

"Otto find' ich gut" - es sollte aber nur für ein paar Monate gelten. Otto Rehhagel (li.) und Franz Beckenbauer im Juli 1995.

"Otto find' ich gut" - es sollte aber nur für ein paar Monate gelten. Otto Rehhagel (li.) und Franz Beckenbauer im Juli 1995. imago images

Als das Ende nahe ist, weiß Rehhagel es bereits. Vielleicht ist es nur ein sicheres Gefühl, doch die Gewissheit ist da. Zumindest einen kleinen Sieg kann der damals 57-Jährige im Moment der großen Niederlage wenigstens noch davontragen. Über seine bevorstehende Entlassung spricht er mit den Journalisten, über die er sich doch so oft geärgert hat, in der Pressekonferenz nicht offen. Dafür aber mit Rostocks Trainer Frank Pagelsdorf, den er noch auf dem Podium mit dem Rücken zur Medienmeute leise murmelnd informiert. So sehr die Journalisten auch die Ohren spitzen, verstehen können sie nichts. Die TV-Kameras fangen das Bild der beiden Männer, Seite an Seite, ein, ehe sie den Raum verlassen. Eine Stunde nach dem Spiel an diesem 27. April 1996 ist Rehhagel nicht mehr Bayern-Trainer.

Rehhagel und Bayern München - was zu Superlativen führen sollte, wird zum Rohrkrepierer mit Schaden für beide Seiten. Schon der Neuanfang am 10. Juli 1995 auf dem Trainingsgelände an der Säbener Straße steht unter keinem guten Stern. Nur wenige Wochen ist es her, dass Rehhagel in seinem letzten Spiel mit Werder Bremen eine bittere Pleite einsteckt, ausgerechnet in seinem neuen Wohnzimmer, dem Olympiastadion. Sein künftiger Arbeitgeber schlägt Werder mit 3:1 und vermiest dem künftigen Übungsleiter damit den perfekten Abschied. Nur allzu gerne hätte "König Otto" Bremen nach 14 Jahren nochmal die Meisterschaft geschenkt. Stattdessen zieht Dortmund im Fernduell noch vorbei.

Die Enttäuschung ist noch präsent, als Rehhagel an der Seite des damaligen Bayern-Präsidenten Franz Beckenbauer offiziell vorgestellt wird. In Anlehnung an einen Werbeslogan eines Versandhauses, der später als Fangesang zweckentfremdet wurde, tragen die beiden schwarze Baseball-Caps mit der Aufschrift: "Otto find' ich gut". Sogar auf den Teppichen ist der rote Schriftzug zu lesen. Die gute Laune ist Pflichtprogramm. Beckenbauer zeigt sich nach dem glücklosen Versuch mit Giovanni Trapattoni von seiner Wahl überzeugt.

Doch Rehhagel, der sich schon in Bremen mit Journalisten immer wieder heftige Auseinandersetzungen geliefert hat, eckt schnell das erste Mal an. Im Münchner Medienzirkus findet er sich schwer zurecht. Seine hemdsärmelige Art, kritische Berichte in direkter Konfrontation zu kommentieren, stößt an ihre Grenzen und sorgt im Saisonverlauf für ungewollte weitere Schlagzeilen. Schon im Sommer-Trainingslager schreibt kicker-Reporter Karlheinz Wild mit Verweis auf die mittägliche Presserunde: "So ganz einsehen mag Otto Rehhagel den tieferen Sinn der tagtäglichen Prozedur nicht." In München weht einer anderer Wind als im Norden.

Klinsmann, Sforza und Herzog: Namhafte Transfers für Rehhagel

Die Erwartungen sind groß, Rehhagel hat einen guten Kader an die Hand bekommen. Im Tor steht Oliver Kahn, zur Abwehr zählen die Nationalspieler Thomas Helmer und Markus Babbel. Im Mittelfeld tummeln sich Lothar Matthäus - der nach schwerer Verletzung erst im Herbst zur Verfügung steht -, Mehmet Scholl, Christian Nerlinger und Christian Ziege. Ganz vorne bringt Jean-Pierre Papin viel Routine mit. Bei Rehhagels Amtsantritt wird der Kader zudem hochgradig verstärkt: Jürgen Klinsmann kommt aus England, Ciriaco Sforza von Kaiserslautern, Thomas Strunz aus Stuttgart und der Coach darf sich sogar ein Geschenk machen und Andreas Herzog von Bremen nach München mitnehmen.

Erste Kratzer in der heilen Welt - dann kommt es zur ersten Eskalation

Seinen Wunschspieler Jürgen Kohler bekommt er aber nicht. Und als Scholl im August seinen Vertrag bis 2000 verlängert, ist Rehhagel nicht eingeweiht. Das schmeckt ihm, der alles kontrolliert, gar nicht. Es sind erste Kratzer in der heilen Welt.

Wir spielen seit acht Wochen und haben noch immer keine Taktik.

Mehmet Scholl über Otto Rehhagel

Dem glanzlosen Start gegen den HSV (3:2) folgt jedoch erstmal ein rauschhaftes 6:2 in Karlsruhe. Nach Pflichtsiegen gegen die Stuttgarter Kickers (1:0 im Pokal), Uerdingen (2:0), dem Triumph im Stadtderby gegen 1860 München (2:0) und gegen Freiburg (2:0) und Lautern (3:2) scheint alles im Lot. Gegen Lok Moskau setzt es in der ersten UEFA-Cup-Runde zwar eine überraschende 0:1-Niederlage, doch in der russischen Hauptstadt haben die Bayern leichtes Spiel (5:0). Wesentlich schwerer wiegt das Pokal-Aus gegen Düsseldorf (1:3) und als es am 8. Spieltag auch in der Bundesliga die erste Niederlage bei Meister Borussia Dortmund setzt (1:3), kommt es zur ersten Eskalation. Mehmet Scholl kritisiert öffentlich: "Wir spielen seit acht Wochen und haben noch immer keine Taktik." Borussia Mönchengladbach gewinnt in München eine Woche später 2:1, Rehhagel ist jetzt in Erklärungsnot.

Scholl oder Herzog? Rehhagel im Machtkampf

Die Probleme mit dem meinungsstarken, schillernden Kader machen Rehhagel zu schaffen. Allen voran die Frage, ob Scholl oder Andreas Herzog im Mittelfeld spielen soll, treibt nicht nur Fans und Medien um. Sie ist auch eine interne Angelegenheit mit den Vereinsbossen. Rehhagel zögert nicht, seine Rotation durchzusetzen, zieht damit aber auch Kritik der Verantwortlichen auf sich. "König Otto" allerdings bleibt stur. Er sieht sich nicht in der Pflicht, seine Entscheidung zu verteidigen oder zu erklären, selbst wenn ihm der "Kaiser", also Präsident Beckenbauer, Ratschläge geben will.

Zum Abschluss der Hinrunde steht Bayern auf Rang zwei hinter Dortmund und hat gute Karten im Titelrennen. Doch öffentlich geäußerte Kritik von Spielern, allen voran von dem unzufriedenen Scholl ("Rehhagel oder ich. Jetzt tut's einen Schlag. Und wenn sie mich rausschmeißen, ist es mir auch wurscht"), bringen den Coach in Bedrängnis. Auch eine Krisensitzung im November mit dem Präsidium, Klinsmann, Helmer, Matthäus, Sforza und dem Trainer bringt keine Besserung. Dann legen die Münchner einen krassen Fehlstart ins neue Jahr hin. Beim HSV gibt es eine 1:2-Niederlage, anschließend demontiert der Karlsruher SC - angereist als Tabellen-Zwölfter - die Münchner mit 1:4 im Olympiastadion. Dass Rehhagel in diesem Spiel ausgerechnet Scholl und Herzog in die Startelf beordert hatte, gießt Öl in die öffentliche Debatte und den internen Machtkampf. "Seltsam pomadig, ja lustlos spulten die Bayern ihr Pensum herunter", hielt der kicker fest, der danach die Frage aller Fragen stellt: "Was hat Otto noch zu sagen?".

"Was hat Otto noch zu sagen?" - Rehhagels Ende naht, wir auch der kicker im Februar 1996 berichtet.

"Was hat Otto noch zu sagen?" - Rehhagels Ende naht, wie auch der kicker im Februar 1996 berichtet. kicker

Er, der in Bremen unangetastete, unumstrittene Trainer, erfährt immer größere interne und öffentliche Zweifel. Beckenbauer soll ihm die Aufstellung diktiert haben, so berichtet es zumindest der Privatsender "Sat1". Bayerns Vize-Sportchef Karl-Heinz Rummenigge spricht daraufhin von einer "Frechheit, einer absoluten Schweinerei", stärkt dem Trainer öffentlich aber auch nur noch halbherzig den Rücken.

Längst ist vom FC Hollywood die Rede und Rehhagel fühlt sich wie im falschen Film. Immerhin gibt die Mannschaft nur eine Woche nach dem KSC-Debakel eine klare Antwort und besiegt Uerdingen 6:1. Die Lage entspannt sich sogar nochmal, als die Bayern im UEFA-Cup weiter vorstoßen.

Anfang April gelingt ein 2:2 gegen den FC Barcelona im Halbfinal-Hinspiel. Aber die Risse der vergangenen Wochen sind nicht mehr zu kitten. Rehhagels Aus nach der Saison ist immer greifbarer, angeblich halten die Verantwortlichen bereits nach einem neuen Trainer Ausschau. Und dann geht alles schief: In Gladbach verliert der FC Bayern 1:3, gegen den kleinen FC St. Pauli gibt es nur ein 1:1. Nach einem Sieg in Stuttgart wird der Finaleinzug im UEFA-Cup zwar durch einen 2:1-Sieg in Barcelona unter Dach und Fach gebracht. Doch Beckenbauer ist schon bei seiner Bankettrede nicht zu Euphorie bereit ("Was haben wir bislang erreicht?") - elf Tage später ist Rehhagel seinen Job los. Gegen Frankfurt gelingt im Heimspiel kein Sieg (1:1), gegen Rostock setzt es im Olympiastadion sogar eine Niederlage (0:1), die den Verlust der Tabellenführung bedeutet. Dortmund ist zwar punktgleich mit dem FCB, hat aber mehr Tore geschossen. Es ist das Ende für Otto, den alle gut fanden.

"Wer bei Bayern einen Vertrag unterschrieben hat..."

Während Rehhagel Pagelsdorf seine Entlassung zuflüstert, wird die Mannschaft von Beckenbauer informiert. Eine Aussage Rehhagels aus dem Sommer 1995 wird zum unerwarteten Boomerang: "Wer bei Bayern einen Vertrag unterschreibt, muss wissen, was er getan hat."

Nicht die Probleme, die Rehhagel mit den Medien hat, führten zur Trennung, sondern die rein fachlichen Differenzen. Otto Rehhagel beim FC Bayern eskalierte zum großen Missverständnis.

Der kicker zur Trennung

"Der Zeitpunkt war gekommen, wir mussten reagieren", erklärt Beckenbauer die Trennung. Es sei "drei vor zwölf" gewesen. Im kicker heißt es rückblickend: "Erst leise, dann immer lauter sickerte die Kritik nach außen. Allein, Rehhagel reagierte nicht. Weder auf gut gemeinte Ratschläge seitens der Führung, noch auf Anregungen der Spieler. Nicht die Probleme, die Rehhagel mit den Medien hat, führten zur Trennung, sondern die rein fachlichen Differenzen. Otto Rehhagel beim FC Bayern eskalierte zum großen Missverständnis."

Otto Rehhagel

Kein Medienmensch: Otto Rehhagel beim FC Bayern. imago images

Beckenbauer übernimmt das Traineramt. Vier Tage später gewinnt Bayern das Final-Hinspiel im UEFA-Cup gegen Girondins Bordeaux 2:0. Nach einem 3:1 an der Atlantikküste holt der FCB tatsächlich den UEFA-Cup. In der Meisterschaft ist der Zug dagegen schnell abgefahren. Am 31. Spieltag rächt Werder Bremen seinen alten Trainer durch einen 3:2-Sieg. Dann verliert Bayern auf Schalke 1:2. Dortmund ist wieder Meister.

Rehhagel selbst ist tief gekränkt, taucht aber Wochen später überraschend in der 2. Bundesliga beim 1. FC Kaiserslautern auf. Mit den Pfälzern setzt er zu seinem eigenen Rachefeldzug an. Erst steigt der FCK auf, dann tanzt er den großen Bayern auf der Nase rum und wird als Aufsteiger sensationell Meister. Den Anfang machen Rehhagel und seine Mannen am 1. Spieltag der Saison 1997/98 mit einem 1:0-Sieg - im Olympiastadion in München.

pau

Dichter und Lenker: Otto Rehhagel wird 80

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