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(K)ein Spiel von Bedeutung: Mythos, Krieg und Bobans "Heldentat"

Ausschreitungen am 13. Mai 1990 in Zagreb

(K)ein Spiel von Bedeutung: Mythos, Krieg und Bobans "Heldentat"

Zvonimir Boban im Jahre 1990

Auf dem Weg nach oben: Zvonimir Boban im Jahre 1990. imago images

Ende der 1980er und Anfang der 1990er befand sich die Welt im Umbruch: Während in Deutschland die Menschen euphorisch der Wiedervereinigung entgegenfieberten, befanden sich andere Staaten in den letzten Zügen ihrer Existenz. Die Sowjetunion, die Tschechoslowakei und Jugoslawien - alles Länder, die heutzutage nur noch in den Geschichtsbüchern auftauchen.

Besonders schlimm war das Ende Jugoslawiens, das durch Bürgerkrieg über Jahre hinweg ins Chaos gestürzt wurde. In diesem Zusammenhang gibt es einen Mythos: Dieser besagt, dass ausgerechnet ein Fußballspiel Auslöser des Krieges war. Dabei handelt es sich um das Spiel zwischen Dinamo Zagreb und Roter Stern Belgrad am 13. Mai 1990.

Ausschreitungen verhindern Anpfiff

Um es vorwegzunehmen: Angepfiffen wurde die Begegnung nicht, denn noch während des Aufwärmens war es zu Ausschreitungen gekommen. Bereits vor der Partie hatte es zwischen den verfeindeten Fan-Lagern, den "Bad Blue Boys" aus Zagreb und den "Delije" aus Belgrad, Schlägereien gegeben. Die zahlenmäßig unterlegene Polizei konnte (nach serbischer Version) oder wollte (nach kroatischer Deutung) die Fans aber nicht trennen.

Etwa eine halbe Stunde vor Anpfiff eskalierte die Lage schließlich: Nachdem massenhaft Steine von den Tribünen der kroatischen Heim-Fans auf den Rasen geworfen worden waren, durchbrachen Zagreber Anhänger den Sicherheitszaun im Stadion Maksimir und machten sich auf den Weg zum Gästeblock, wo Belgrader Anhänger ebenfalls randaliert und einen gehörigen Sachschaden angerichtet hatten. Die Polizei, die zu einem Großteil aus Serben bestand, ging dazwischen und geriet ebenfalls ins Kreuzfeuer der kroatischen Randalierer.

Die Spieler von Roter Stern flohen direkt in die Kabinen, einige Dinamo-Profis blieben jedoch auf dem Feld - darunter Zvonimir Boban. Und der tat dann etwas, wofür man unter normalen Umständen hart bestraft werden würde: Er eilte einem Dinamo-Fan zu Hilfe, der von einem Polizisten geschlagen wurde, trat den Beamten in Kung-Fu-Manier mit voller Wucht und rannte anschließend weg.

Ich würde es wieder tun.

Zvonimir Boban

Die Aktion kostete Boban, der seit jenem Tag in Serbien als Nationalist gebrandmarkt ist, zwar die Teilnahme an der WM 1990 in Italien, in Kroatien wird der spätere Spielmacher des AC Mailand und WM-Dritte von 1998 aber noch immer für seine Tat als Nationalheld verehrt. "Ich würde es wieder tun", sagte der Mittelfeldspieler auch viele Jahre später: "Ich war einer von vielen Tausend, die das gleiche dachten. Wir lebten in der Hölle und sehnten uns nach Freiheit."

Späte Vergebung

Sie feuern Dinamo Zagreb noch immer frenetisch an: Die Bad Blue Boys.

Sie feuern Dinamo Zagreb noch immer frenetisch an: Die "Bad Blue Boys". imago images

Bobans Opfer, Polizist Refik Ahmetovic, hat seinem Peiniger übrigens lange nicht verziehen. 2015 sagte er in einem Interview mit "Blic", dass er sich zwar nie bei Boban "revanchieren" wollte, vergeben wollte er ihm aber viele Jahre nicht. Inzwischen hat der Bosnier seinen Frieden mit Boban gemacht und diesem verziehen. Die Geschehnisse ließen ihn dennoch nicht los. Noch 2015 sprach der mittlerweile in Sarajevo ansässige Ahmetovic die Vermutung aus, dass sich "damals nichts spontan entwickelt" habe. "Ich habe später begriffen, dass alles organisiert war. Es gab Berge von Steinen im Stadion."

Verschwörungstheorie gefällig?

Ahmetovic ist nicht der einzige, der so denkt. Kurz zuvor hatte es in Kroatien die ersten freien Wahlen gegeben, aus denen nationalistische Kräfte um den späteren und inzwischen lange verstorbenen Staatspräsidenten Franjo Tudjman siegreich hervorgegangen waren. Auch deshalb entwickelten sich Verschwörungstheorien - für jedermanns Geschmack.

So heißt es in Serbien, dass die neue kroatische Regierung die Ausschreitungen im Stadion geplant habe, um zu zeigen, dass die "serbische" Polizei Kroaten misshandele. In Kroatien wiederum heißt es, dass der jugoslawische Geheimdienst die Ausschreitungen forciert habe, um die neue Regierung zu diskreditieren. Handfeste Belege gibt es für keine der beiden Theorien - aber das ist vielen egal, Hauptsache der Mythos lebt. Fakt ist: Es gab zahlreiche Verletzte und einige Schwerverletzte, aber keine Toten.

(K)ein Spiel von Bedeutung

Und dennoch gelten die Krawalle an jenem 13. Mai 1990 für viele Kroaten und insbesondere die "Bad Blue Boys" als Beginn des kroatischen Unabhängigkeitskriegs, der allerdings erst ein Jahr später wirklich ausbrach. Und dennoch dürfte unbestritten sein, dass die Geschehnisse damals ein klarer Vorbote dessen war, was kommen sollte. Wohl auch deshalb betitelte der US-amerikanische Nachrichtensender CNN im Jahre 2011 dieses Spiel, das eigentlich nie stattgefunden hat, als eines, "das die Welt verändert hat".

Vladimir Milutinovic

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