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"Eltern sollten motivieren und loben": Über Training in Corona-Zeiten

David Niedermeier im Gespräch mit dem kicker

"Eltern sollten motivieren und loben": Über Training in Corona-Zeiten

Muss sich auch auf die neue Situation einstellen: David Niedermeier, Leiter der Münchner Fußballschule.

Muss sich auch auf die neue Situation einstellen: David Niedermeier, Leiter der Münchner Fußballschule. kicker

Denn der Münchner Fußballschule (MFS), die der 41-Jährige leitet, ist - wie allen Firmen - der direkte Kontakt zu den Kunden derzeit nicht möglich, sprich: Es darf kein Training, nicht mal einzeln, stattfinden. Im Interview mit dem kicker spricht der A-Lizenz-Trainer über die aktuelle Situation - und wie jeder fußballerisch das Beste aus ihr machen kann.

Herr Niedermeier, es wurde viel darüber berichtet, was derzeit alles nicht geht, auch im Fußball. Haben Sie Lust, einen Kontrapunkt zu setzen und mit dem kicker positiv nach vorne zu schauen?

Auf alle Fälle! Es ist sinnlos, nur über negative Dinge zu sprechen. Wir müssen Zuversicht vermitteln, vor allem für unsere Jüngsten.

Dann erklären Sie mal bitte, wie die MFS die aktuelle Zeit nutzt, um ihre Klienten in Form und fit zu halten.

Wir bieten täglich eine Technik- und eine Koordinations- und Schnelligkeitschallenge sowie eine Kräftigungsübung für die Familie an. Zweimal wöchentlich öffnen wir unseren virtuellen Fußballkindergarten - also Livetraining für alle 4- bis 6-Jährigen -, und einmal wöchentlich bieten wir ein Livetraining für alle älteren Jahrgangsstufen an. Alles in digitaler Form.

Viele Menschen haben keinen Garten. Sind alle Aufgaben indoor-kompatibel?

Ja, genau aus diesem Grund drehen wir alles in unseren Büroräumen, die in etwa einem Wohn- oder Kinderzimmer entsprechen. Alle, die einen Garten haben, können diese Übungen auch draußen umsetzen.

Welche empfehlen Sie derzeit besonders?

Alles, was wenig Platz braucht. Also bieten sich Trickkombinationen als Dauerschleife an. Wir kombinieren unsere 100 unterschiedlichen Tricks miteinander. Da gibt es viel Abwechslung und immer neue, reizvolle Aufgaben. Sinn ergibt dies aber auch im koordinativen Bereich: hüpfen, springen, Tapschritte und Prellhopserläufe, kombiniert in unterschiedlichster Form, ergeben einen Parcours auf engem Raum. Zusätzlich bieten sich Kräftigungsübungen an.

Wie findet man denn die beste Balance zwischen Kraft-, Konditions- und Balltraining?

Bei den Kids - bis zur Pubertät hin - gibt es da nur eine Regel: So lange zu trainieren, wie es ihnen Spaß macht! Es darf kein Muss sein. Ich glaube aber, dass die Übungen mit Ball am meisten Spaß machen. Und das ist bei Fußballern auch gut so. Für Kräftigungsübungen bedarf es häufig einer Extramotivation durch Challenges oder das Antreten gegen die Eltern. Aus Trainersicht wäre dieses Verhältnis optimal: zweimal Technik zu einmal Koordination zu einmal Kräftigung. Bei allen älteren Jungs ab der Pubertät und Erwachsenen hängt es vom Fitnessgrad ab. Das Verhältnis sollte gleich bleiben, aber ich empfehle, vorsichtig zu starten und dann den Umfang und die Intensität langsam zu erhöhen. Vor allem sollte nach dem Training gedehnt oder mit der Black Roll gearbeitet werden, um Verletzungen vorzubeugen.

Ich rate als Vater von Kritik und Korrekturen ab. Mehr Spielkamerad zu sein als der Trainer, das rate ich den Eltern.

David Niedermeier

Eigentlich sollte gerade in der Jugend immer der Ball dabei sein.

Stimmt. Das wäre optimal und ist super umsetzbar. Bei der Koordinations- und Schnelligkeitschallenge bauen wir den Ball immer mit ein: nach der Übung die Kugel hochwerfen und in allen möglichen Varianten Dropkick auf den Boden stoppen und dann zu einem Ziel oder zu Mama/Papa passen. Genauso kann jemand den Ball auch zuwerfen. Es kann am Ende auch immer noch ein Trick drangehängt werden. Der Ball dient immer der Motivation.

Wie können Eltern die fußballverrückten Kids wirklich sinnvoll unterstützen?

Indem sie positiv motivieren und viel loben, Videoaufnahmen machen und die besten an ihre Kumpels oder Trainer schicken. Da kommt meist viel positives Feedback, was wiederum motiviert. Ich rate als Vater von Kritik und Korrekturen ab. Mehr Spielkamerad zu sein als der Trainer, das rate ich den Eltern.

Nichts ist wichtiger für die Kinder, als Tore zu erzielen. Wie kann man das selbst bei beengten Wohnverhältnissen umsetzen und für Erfolgserlebnisse sorgen?

Schießen bitte nur mit einem Softball, sonst muss bald renoviert werden ... Und ich empfehle den Eltern, den Kindern zu zeigen, wohin sie schießen dürfen. Super ist, wenn Mama und Papa als Torwart fungieren. Der Schuss kann dann immer an die Technik- oder Koordinationsübung angehängt werden.

Wie finden Sie die Klopapier-Challenge?

Wir haben da nur zu Beginn mitgemacht und eher versucht, damit Kunststücke anzustellen als Jonglierrekorde aufzustellen. Am Anfang fanden wir es lustig, aber irgendwie nutzt sich das schnell ab, sodass wir uns auf die anderen Inhalte konzentriert haben.

Welche theoretische Art der "Fortbildung" empfehlen Sie den Trainern?

Den Coaches empfehle ich, sich gerade im taktischen Bereich weiterzuentwickeln, indem sie sich online Inhalte suchen. Wir haben zu allen Altersklassen über 60 Lehrvideos aus dem Bereich Taktik.

Die MFS setzt auf eine ganzheitliche Ausbildung. Inwiefern ist dieses Konzept, dass eines aufs andere aufbaut, gerade förderlich oder hinderlich für Sie?

Wir versuchen, altersgerechte Schwerpunkte zu setzen. Wir trainieren vermehrt, was in der jeweiligen Altersgruppe die größten Fortschritte verspricht - ohne die anderen Aspekte dabei wegzulassen. Bei uns spielt jedes Kind bis zur C-Jugend jede Position, und wir verändern das System alle sechs Monate. Somit bilden wir die Kinder in allen Bereichen ganzheitlich und flexibel aus und spezialisieren erst ab der U 16. Das Training digital altersgerecht zu steuern, ist im Moment nicht so einfach. Deshalb bieten wir alles auch in etwas differenzierter Form an: Wir unterscheiden das Livetraining für die ganz Kleinen von dem für die älteren Mädchen und Jungs. Bei den Technikchallenges sehe ich da weniger Probleme, da die Aufgabe die Kids auch beschäftigen soll. Die Kids müssen Zeit aufwenden, um das auszutüfteln, und jeder übt es dann in seinem eigenen Tempo.

Alles, was nicht regelmäßig geübt wird, geht wieder etwas verloren, da die Sicherheit abhandenkommt. Deshalb ist es ja so wichtig, die Kids dazu zu animieren, zu Hause zu üben.

David Niedermeier

Wie lässt sich der Ansatz, die Kinder bewusst zu überfordern, um schnellere Lernprozesse zu entwickeln, in diesen Tagen halten?

Wir konfrontieren unsere Kids stets mit neuen herausfordernden Übungen. Es ist unglaublich, was unsere Kinder technisch und koordinativ nach kurzer Zeit können. Je älter die Spieler sind, desto schwieriger wird das Lernen. Deshalb starten wir mit schwierigen Übungen ganz früh. Diesen Prozess können wir nur beibehalten, indem die Challenges möglichst kompliziert und herausfordernd bleiben. Darauf legen wir das Hauptaugenmerk.

Was kann ein Fußballer "verlernen", wenn er länger nicht trainiert? Und wie kann er aktiv dagegensteuern?

Alles, was nicht regelmäßig geübt wird, geht wieder etwas verloren, da die Sicherheit abhandenkommt. Deshalb ist es ja so wichtig, die Kids dazu zu animieren, zu Hause zu üben. Darum sind Challenges gut, da sie die Kids motivieren und antreiben, es besser zu können als andere.

Training auf dem Platz

Das Training auf dem Platz ist aktuell nicht möglich. Neue Lösungen sind gefragt. MFS

Finden Sie es fair, dass ein Bundesligist trainieren darf, während alle Sportplätze gesperrt sind?

Ich glaube, dass der Profisport da eine Ausnahmestellung einnimmt. Es geht hier um Tausende von Arbeitsplätzen, die da dranhängen. Die Auswirkungen beim Profisport sind für unsere Gesellschaft enorm. Deshalb finde ich es sinnvoll, dass die Profiteams unter Berücksichtigung der Vorgaben des Staates trainieren, um sich auf den Tag X vorzubereiten, wenn es weitergeht. Der Amateur- und Jugendfußball umfasst hingegen so viele Menschen, dass hier ein striktes Sportverbot unabdingbar ist. Dies gilt natürlich auch für uns Fußballschulen. Der Amateursport muss unterstützt werden, damit keinem Verein die Insolvenz droht.

Auch wenn wir einen positiven Ansatz für das Gespräch gewählt haben, wollen wir hier aktuell kein rosarotes Bild zeichnen: Was ist derzeit Ihre größte Sorge, persönlich und für den Fußball?

Die größte Sorge gilt den Vereinen und allen anderen Institutionen, in denen Kinder das Fußballspielen lernen und sich bewegen können. Wenn da viele Insolvenz anmelden, wird sich das auf unsere Ausbildung der Kids und ihr Bewegungsangebot negativ auswirken.

Unterstützt der Bayerische Fußball-Verband Ihre Firma, was erhoffen Sie sich von ihm und auch von der Bayerischen Staatsregierung?

Als kommerzielles Unternehmen haben wir bereits Soforthilfen bei der Staatsregierung beantragt. Wir haben zudem sehr viele tolle Kunden, die aus Solidarität weiter ihre Beiträge leisten, sodass wir und vor allem unsere Mitarbeiter überleben können. Der BFV sollte sich mit den Vereinen solidarisieren und über Entlastungen und Hilfen nachdenken. Aber ich glaube, dass dieser Prozess schon im Gange ist.

Welche positive Botschaft haben Sie am Ende für alle kleinen und großen Fußballerinnen und Fußballer?

Wir werden gemeinsam aus dieser Zeit gestärkt rauskommen! Nutzt die Zeit, um eure körperlichen und technischen Fähigkeiten voranzutreiben, und genießt dabei auch die Zeit mit euren Familien. Schnell wird uns in solchen Zeiten klar, wie wichtig Freundschaft, Zusammenhalt und Familie sind.

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