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Atletico Madrid: "Cholo" für die Welt, Diego für die Familie

Coach macht Atletico zu einem europäischen Top-Team

"Cholo" für die Welt, Diego für die Familie

Formte aus Atletico eine europäische Spitzenmannschaft: Diego Simeone.

Formte aus Atletico eine europäische Spitzenmannschaft: Diego Simeone. imago images

Glaubt man Carlos Simeone, beginnt ab diesem Dienstag der Countdown. Dann wird sein Sohn 50 Jahre alt. Und wie sagte Carlos Simeone einmal dem geschätzten Kollegen Christian Grosso von der "Nacion" in Argentinien? "Im Alter zwischen 50 und 55 Jahren wird er bei der Nationalelf landen." Gemeint war Sohn Diego, den alle Welt "Cholo" nennt. Nur nicht die Familie. Cholo, weil in den 60er Jahren in Argentinien bei Velez Sarsfield und Boca Juniors ein Außenbahnspieler namens Carmelo Simeone spielte. Dieser 2014 verstorbene Ex-Profi wurde Cholo gerufen, weil er ein etwas indigenes Äußeres hatte. Ist dem so, wird man in Argentinien nicht selten eben "Cholo" gerufen.

Am Rio de la Plata sind sie findig, was Spitznamen anbelangt. Einerseits. Andererseits werden diese oft auch nur vererbt. Ex-Nationalspieler Gonzalo Higuain wird "Pipita", die kleine Pfeife genannt - weil dessen Vater einst als Spieler "Pipa", Pfeife, gerufen wurde. Nicht, weil er das Tor nicht traf, sondern ob der vermeintlich großen Nase wegen. Und weil der heutige Trainer von Atletico Madrid in den Achtzigern bei Velez Sarsfield in Buenos Aires debütierte und eben Simeone heißt, wurde er in Erinnerung an Carmelo Simeone zum neuen "Cholo".

Als Carmelo Simeone 2014 starb, dachten daher zunächst nicht wenige, Diego Simeone hätte seinen Vater verloren. Doch der lebt weiterhin und betonte einmal, zu Hause werde sein Sohn weiter Diego genannt. Der wiederum ruft den Vater nur "Simeone". Auf dem Platz agiert dieser Diego Simeone oft despektierlich, mindestens aber über das Ziel hinausschießend mit all seiner Emotion: Macho-Gehabe, "Eier"-Mentalität, exzessiver Jubel, oft ist es bei Diego Simeone nur ein schmaler Grat zwischen überbordendem Jubel und Unsportlichkeit. Gegen Malaga rolle er einst einen Ball aufs Feld, um einen Konter des Gegners zu unterbinden. Gemeinsam mit seinem Assistenten German Burgos ist er der Hard-Rocker der Branche, zwei Höllenhunde mit scheinbar nur einem Ziel: den Sieg.

2014 holte Diego Simeone mit Altetico die Meisterschaft.

2014 holte Diego Simeone mit Altetico die Meisterschaft. imago images

Da überrascht es zunächst mal, dass Vater Simeone den Junior als "rein" bezeichnet, als einen, dem das Leben mitunter schlecht mitgespielt habe, weil er hinter den Absichten anderer nie Schlechtes vermute. Gut, sagt der Vater. Aber das mit der Reinheit konnte man 2016 sehen, nach dem verlorenen Champions-League-Finale. Nach der erneuten Niederlage gegen Real Madrid, diesmal im Elfmeterschießen. 2014 die Niederlage in der Verlängerung, bis in die Nachspielzeit hinein hatte Atleti geführt. Dann kam Sergio Ramos. Passend, dass es einer war wie Simeone selbst, der ihm den Henkelpott entriss: Ramos, ein Typ so wuchtig wie polarisierend, nie aufgebend.

Doublesieger mit Atletico

"Ich gebe mich nie zufrieden", hat Simeone einmal gesagt. Erst recht nicht mit Niederlagen. Vielleicht auch deshalb wurde er als nimmermüder, bissiger aber auch analytisch strategisch Mittelfeldspieler mit dem vermeintlich kleinen Atletico 1996 Double-Sieger in Spanien und im Jahr 2000 in Italien mit Lazio. Vielleicht muss der Trainer Simeone ja wirklich erst nach Rom wechseln, auf dass Lazio den Erfolg von damals wiederholt.

Erster internationaler Titel seit Jahrzehnten

Wie mit Atletico, das er 2012 zum Sieg in der Europa League trieb. Der erste internationale Titel seit Jahrzehnten für die Rot-Weißen. Plötzlich war Atletico wieder wer und Simeone der heimliche Klubchef. 2013 trieb der Cholo Atletico dann zum ersten Pokalsieg seit 1996, Finalsieg im Bernabeu über Gastgeber Real Madrid. Da war er der König von Madrid. 2014 peitschte er die Colchoneros dann zur ersten Meisterschaft seit 1996, perfekt gemacht wurde sie durch ein 1:1 im Camp Nou des damit entthronten Titelverteidigers Barça. Simeone war nun so etwas wie der König von Spanien.

Gefallen aus allen Wolken

Aber nochmal 2016, Mailand, Champions-League-Finale. Wie schon 2014 hatte Ramos für Real getroffen, Atletico verloren. Spät nachts saß ein erschütterter Diego Simeone in einer schmucklosen Halle neben dem San Siro und machte keinen Hehl daraus, dass er nicht weiterwusste. Nicht, wie es weitergehen könnte für ihn bei Atletico, ob er noch die nötige Energie habe, erneut ein Team zu formen, das um Titel spielen könne. Ehrlich und verletzlich gab sich dieser vermeintlich harte Hund. Gefallen aus allen Wolken. Es ist eben auch so: So laut dieser Simeone an der Außenlinie agiert, so leise ist er, kaum, dass das Spiel zu Ende ist. Im Sieg wie in der Niederlage. Da zeigt er meist den Sportsgeist, den man oft an der Seitenlinie vermisst. Er flog dann nach Hause, erst Madrid, dann Argentinien. Er habe ihn "nie so verletzt gesehen", so Vater Carlos. Enttäuscht bis ins Mark, wie einst als Zwölfjähriger nach Argentiniens Aus bei der WM 1982 in Spanien.

Man kennt und schätzt sich: Diego Simeone und Jürgen Klopp.

Man kennt und schätzt sich: Diego Simeone und Jürgen Klopp. imago images

"Glauben. Die Herausforderung, sich immer wieder selbst zu übertreffen", heißt Simeones Autobiografie. Der Titel steht auch für: Über den eigenen Schatten springen. 2014, 2016, immer wieder. Simeone blieb dann doch bei Atletico. Märchenhafte 20 Millionen Euro netto jährlich soll der Klub ihm mittlerweile zahlen, andere Quellen sprechen sogar von noch mehr.

Aus Cholito wird Cholo

1977 hatte ihn der Vater einst zu Racing ins Stadion mitgenommen, nach Avellaneda, die Leidenschaft blieb. Los ging es mit dem Spielen als Junior aber bei Velez Sarsfield im Stadtteil Liniers von Buenos Aires, weil das leichter zu erreichen war vom elterlichen Wohnhaus. Bei Velez entstand dann der Spitzname Cholo, wobei: erstmal Cholito, der kleine Cholo, Simeone war ja noch ein Bubi. 1978 bejubelte er den WM-Sieg, Torschützenkönig Kempes und Kapitän Passarella waren die Idole. Und später der Brasilianer Falcao. Mit der Nationalelf gewann er 1991 und 1993 als Jungprofi die Copa America, bis heute die letzten Titel der Albiceleste. Er war der erste Argentinier, der 100 Länderspiele absolvierte, mit 108 war nach der WM 2002 und dem Schock über das Aus in der Gruppenphase Schluss. In Argentinien hat er, mit Ausnahme von Boca und Independiente, alle Großen trainiert. Wurde Meister mit Estudiantes und River Plate.

Simeone bewundert Klopp

Titelverteidiger Liverpool hat er zuletzt im Achtelfinale der Champions League nicht nur mit Glück ausgeschaltet, auch mit viel defensivem Geschick. Welchen Trainer er bewundere, wurde er im Herbst 2019 im Radio gefragt. "Klopp. Zweifellos", sagte Simeone. Der habe über die Jahre zwar auch schmerzhafte Niederlagen einstecken müssen, aber eben nie aufgegeben und doch triumphiert. Bleibt also die Nationalelf, wie Vater Carlos meint? Um der Albiceleste den Erfolg zurückzubringen, wie zu Atletico? Der Countdown läuft. Auch wenn der Sohn sagt: "Es ist noch Zeit." Klar scheint nur eins: Drei Mannschaften werde er nie trainieren, hat Sohn Diego durchblicken lassen. Brasiliens Seleçao, Racings Erzrivalen Independiente und Real Madrid. Ehrensache für den Cholo.

Jörg Wolfrum