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"Beachtet uns": Wie die wilden Sarden aus Cagliari Italien erobern

Nainggolan & Co. schieben sich zwischen die großen Serie-A-Klubs

"Beachtet uns": Wie die wilden Sarden aus Cagliari Italien erobern

Zurück, Kapitän und Hauptbestandteil des aktuellen Cagliari-Erfolgs: Mittelfeldmotor Radja Nainggolan.

Zurück, Kapitän und Hauptbestandteil des aktuellen Cagliari-Erfolgs: Mittelfeldmotor Radja Nainggolan. imago images

Die am Mittelmeer gelegene Stadt Cagliari befindet sich auf der oberhalb Siziliens liegenden Insel Sardinien und hat etwas mehr als 150.000 Einwohner. Ein idyllisches und lebenswertes Fleckchen Erde, auf dem man es sich gut gehen lassen kann - nicht umsonst haben sich hier auch zahlreiche Ämter, Ministerien und Institutionen niedergelassen. Endlose altertümliche Bauwerke sowie Denkmäler zieren die Stadt am Wasser zudem und locken so Jahr für Jahr Touristen aus dem Inland wie aus aller Herren Länder an.

Das sportliche Aushängeschild der Stadt ist natürlich Cagliari Calcio, der am 20. August 1920 gegründete Verein. Diesen verehren die Einheimischen seit Generationen, lieben und leben diesen Klub - und erinnern sich nur zu gern an die größte Stunde vergangener Tage, als die Sarden 1969/70 den bislang einzigen großen Titel, den Scudetto, holten. Dabei gilt besonders Luigi "Gigi" Riva die größte Anerkennung. Der damalige Top-Stürmer mit dem Spitznamen "Il Rombo di Tuono" (Donnergrollen oder Donnerschlag), der jüngst seinen 75. Geburtstag gefeiert hat, schoss damals 21 Saisontore, wurde damit zum dritten Mal Torschützenkönig und blieb dem Verein zwischen 1963 und seinem Karriereende 1976 kontinuierlich treu. Ein sardischer Vorläufer von Roma-Ikonen wie Francesco Totti oder Daniele de Rossi sozusagen.

Conti, Lopez, Allegri, Zola: Große Namen auf Sardinien

In der Neuzeit musste der Klub dagegen mit Widrigkeiten kämpfen, stagnierte über die Jahre eher. Die größten Erfolge waren immerhin noch das Erreichen des UEFA-Cup-Halbfinales im Jahr 1994, wo die Rossoblu (die Rot-Blauen) an Liga-Konkurrent Inter Mailand (3:2, 0:3) scheiterten, und die Serie-A-Rückkehr nach der Zweitliga-Meisterschaft 2015/16. Seither etablierte sich Cagliari wieder im Oberhaus, kam 2016/17 als Aufsteiger auf den 11., 2017/18 knapp über dem Strich auf den 16. und 2018/19 ebenfalls knapp über der Gefahrenzone auf den 15. Platz.

Luigi "Gigi" Riva ist die Legende schlechthin von Cagliari Calcio.

Ein Idol einer ganzen Stadt: Luigi "Gigi" Riva ist die Legende schlechthin von Cagliari Calcio. imago images

Große Spieler vergangener Tage sind neben "Gigi" Riva Daniele Conti (Bruder von Bruno Conti), Mario Brugnera, Mario Martiradonna, der pfeilschnelle Brasilianer Nené mit der Rückennummer 7, Diego Lopez oder andere bekannte Namen wie der zuletzt erfolgreiche Juve-Trainer Massimiliano Allegri, Mauro Esposito, Cristiano Zanetti und der aus Sardinien direkt stammende Gianfranco Zola (1989/90 Meister mit Napoli, zweimaliger FA-Cup-Sieger mit Chelsea).

Nainggolan fordert mehr Respekt

Brandaktuell genannt werden muss natürlich Radja Nainggolan. Der belgische "Ninja", der nach seinen Ausbildungsstationen Germinal Beerschot und FC Piacenza in Cagliari zwischen 2010 und 2014 den Durchbruch geschafft hatte und im Anschluss höchst erfolgreich bei der AS Roma (2014-2018, 155 Ligaspiele, 28 Tore sowie der Sturm bis ins Champions-League-Halbfinale 2017/18) unterwegs war, ist in diesem Sommer zurückgekehrt. Ein China-Abenteuer schlug der Mittelfeldmotor dabei dem Vernehmen nach aus, blieb auch aufgrund seiner an Krebs erkrankten Ehefrau Claudia in Italien - und durchlebt mit 31 Jahren ein frisches Hoch.

Nach der Trennung von den Giallorossi (Eskapaden samt einer teuren Silvester-Nacht), seinem glücklosen Engagement samt Suspendierung sowie Nicht-Mehr-Beachtung bei Inter Mailand (2018-2019) und dem zwischenzeitlichen Rücktritt aus der belgischen Nationalmannschaft ("Erbärmlich") sprüht Nainggolan wieder vor Spielwitz, beackert den Platz, stellt Gegner, läuft Wege zu, glänzt mit präzisen Schnittstellenpässen und hat jüngst bei seinem überragenden Auftritt gegen Florenz (5:2) neben etlichen Top-Aktionen mit einem tollen Distanzkracher auch noch sein zweites Saisontor erzielt. Die Kapitänsbinde trägt er auch, wenn wie aktuell Luca Ceppitelli (seit 2014 im Verein) fehlt.

Wir liegen aussichtsreich im Rennen, doch es wird weiter nur über die großen Klubs geredet - dabei verdienen wir mehr Seiten in den Gazetten.

Radja Nainggolan, Kapitän von Cagliari Calcio

Im Anschluss an seine Gala vom letzten Wochenende hat der "Ninja" außerdem mehr Respekt für sein Team gefordert - schließlich ist Cagliari aktuell mit 24 Zähler Vierter, liegt gleichauf mit dem Dritten Lazio und steht damit inmitten von großen Klubs wie Spitzenreiter Juventus, Verfolger Inter, Atalanta Bergamo, der Roma und dem aktuell im Chaos liegenden Napoli.

Nainggolans Plädoyer gegenüber "Sky Sport Italia" nach dem 5:2 über Florenz, dem zehnten Ligaspiel in Folge ohne Niederlage: "Wir leisten gerade etwas Unglaubliches. Niemand hätte vor der Saison gedacht, dass wir so gut spielen würden. Es ist eine regelrechte Euphorie ausgebrochen, die es so in Cagliari seit Jahren nicht mehr gegeben hat. Jetzt liegen wir aussichtsreich im Rennen, doch es wird weiter nur über die großen Klubs geredet - dabei verdienen auch wir derzeit ein paar mehr Seiten in den Gazetten." Natürlich müsse er und sein Team die Füße auf dem Boden behalten, weil es schwer vorstellbar sei, dass Cagliari da oben bleiben kann. Doch wer weiß? "Vielleicht haben die anderen Klubs weniger Hunger."

Plan B wird zu Plan A

Giovanni Simeone (links), Joao Pedro und Radja Nainggolan sind Spieler von Cagliari Calcio.

Ärgern die großen Klubs Italiens: Cagliaris Giovanni Simeone (links), Joao Pedro, Radja Nainggolan & Co. imago images

Doch woher kommt der aktuelle Hunger der Sarden, die im Übrigen in einem Ausweichstadion direkt bei den Parkplätzen des im Umbau befindlichen Stadions Sant'Elia (Arbeiten sollen 2021 fertig sein) spielen - und deren Fans leider in jüngerer Vergangenheit mit rassistischen Vorfällen wie Affenlauten gegen Inter-Profi Romelu Lukaku und dem früheren Juventus-Spieler Moise Kean aufgefallen waren? Wie hat Trainer Rolando Maran (seit 2018 im Amt, zuvor jahrelang bei Chievo Verona tätig) zusammen mit den Bossen des Vereins diese gierige Siegermannschaft, die schon Napoli (1:0) und der Roma (1:1) getrotzt hat, gebaut? Ganz einfach: Das Team besteht aus vielen Akteuren, die woanders nicht mehr richtig gebraucht worden sind - und aus Spielern, die aktuell von ihren eigentlichen Arbeitgebern nicht benötigt werden.

Nainggolan ist das beste Beispiel, doch es gibt auch noch weitere: Torwart Robin Olsen (vergangenes Jahr von der Roma als neue Nummer 1 geholt, nun an Caglari ausgeliehen), der frühere Augsburger und 34-jährige Ragnar Klavan (2018 aus Liverpool gekommen), Luca Pellegrini (von der Roma an Juve verkauft und derzeit von Turin ausgeliehen), Marko Rog (verliehen von Napoli), der 33-jährige "Wandervogel" Valter Birsa (zuletzt Chievo Verona), Leonardo Pavoletti (2018 gekauft von Neapel).

Oder auch Giovanni Simeone, der älteste Sohn von Atletico-Trainer Diego Simeone. Der Argentinier ist seit diesem Sommer von der Fiorentina ausgeliehen und hat jüngst beim Duell mit dem Ex-Klub bärenstark mit der Hacke getroffen - und direkt danach auf dem Platz Tränen fließen lassen. Warum? "Ich werde dieses Match nie vergessen", so Simeone hinterher gegenüber "DAZN". "Ich habe mir die ganze Woche über vor diesem Spiel Gedanken gemacht, war ängstlich und emotional berührt - jetzt bin ich glücklich." Sein Tor widmete er übrigens dem früheren italienischen Nationalspieler Davide Astori, der bei beiden Klubs aktiv war und am 4. März 2018 überraschend (Herzstillstand) verstarb, was eben auch die Tränen ausgelöst hatte.

Zola lobt: "Dieses Team hat zu Stärke gefunden"

Gianfranco Zola ist auf Sardinien geboren und hat einst Cagliari Calcio trainiert.

Kennt sich mit den Sarden aus: Gianfranco Zola ist auf Sardinien geboren und hat einst Cagliari Calcio trainiert. imago images

Den Werdegang des Teams, das spielerisch auf technisch hochwertige Angriffe setzt und gerade auch bei Kontern extrem schnell nach vorne kombinieren will, schätzt Simeone natürlich auch sehr: "Wir sind auf dem richtigen Weg, wir haben einen starken Kader, wir halten alle zusammen und haben alle das gleiche Ziel im Kopf. Wir glauben fest daran, dass wir uns für Europa qualifizieren können."

Das sieht der auf Sardinien in Oliena geborene Zola genauso. Gegenüber "Sky Sport Italia" hat der italienische Vize-Weltmeister von 1994 und ehemalige Cagliari-Coach (2014-2015) gesagt: "Der Klub verdient es, Vierter zu sein. Die Rossoblu schießen viele Tore (23; Anm.d.Red.) und die Qualität der Spieler hat in letzter Zeit zugenommen. Der Dank dafür gilt Trainer Maran, der dieses Team organisiert." Zwei Spieler hebt Zola, bis zur Ankunft von Frank Lampard in diesem Sommer längere Zeit im Trainerstab des FC Chelsea tätig, besonders hervor: "Nainggolan hat allein mit seiner Ausstrahlung der Mannschaft wieder Profil und Charisma verliehen, genauso auch Reife. Dasselbe gilt natürlich für Joao Pedro (27, seit 2014 im Verein, sieben Tore; Anm.d.Red.). Dieses Team hat zu Stärke gefunden."

mag