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"Atletico hat ein Stück seines Herzens verloren": Trauer um Antic

Serbe im Alter von 71 Jahren in Madrid verstorben

"Atletico hat ein Stück seines Herzens verloren": Trauer um Radomir Antic

22. November 1948 - 6. April 2020: Radomir Antic.

22. November 1948 - 6. April 2020: Radomir Antic. imago images

"Heute ist ein trauriger Tag für den Fußball, weil uns Radomir Antic, ein großer Mensch und einer der Architekten eines goldenen Zeitalters von Atletico Madrid, verlassen hat", schrieb Atleticos Präsident Enrique Cerezo, während Geschäftsführer Miguel Angel Gil ergänzte: "Durch ihn habe ich gelernt, zu siegen und mit Leidenschaft zu leben - Dinge, die dich als Mensch besser machen. Durch den Verlust von Radomir hat der Klub auch ein Stück seines Herzens verloren."

Die Trauer um Antic beschränkt sich aber nicht allein auf Atletico Madrid - denn der "Mister", wie er in seiner Heimat Serbien aufgrund seines Gentleman-Auftretens respektvoll genannt wurde, hat auch andernorts Spuren hinterlassen.

Zweimal Meister als Spieler

Antic begann früh mit dem Fußball, schaffte es auch zum Profi und feierte 1976 mit Partizan Belgrad die jugoslawische Meisterschaft. Zwei Jahre später glückte ihm das gleiche Kunststück in der Türkei mit Fenerbahce. Seine weiteren Stationen waren Real Saragossa (1978-1980) und Luton Town in England (1980-1984). Für die Nationalmannschaft seines Landes spielte er lediglich einmal.

Große Erfolge als Trainer

Als Trainer startete Antic dann aber so richtig durch und schaffte es zu großem Ruhm - vor allem in Spanien. Nach seiner Trainerausbildung bei Partizan Belgrad heuerte er 1988 in Saragossa an und blieb dort drei Jahre, ehe der Lockruf der Königlichen ihn zu Real Madrid lotste. Die Blancos hatten keine gute Saison, waren als Meister nach 26 Spieltagen nur Tabellensiebter - und trennten sich daher auch von Klub-Legende Alfredo di Stefano. Antic führte Real auf Platz drei und befand sich im Jahr darauf auf Meisterkurs. Allerdings gab es Differenzen mit dem damaligen Real-Präsidenten Ramon Mendoza, dem Antics autoritäre Mannschaftsführung nicht gefallen hatte. Letztlich wurde der Trainer trotz Tabellenführung Ende Januar 1992 durch Leo Beenhakker ersetzt - Real verspielte übrigens am letzten Spieltag noch den Titel und landete hinter Barcelona auf Platz zwei.

Antic und Atletico: Liebe mit Unterbrechungen

Doublesieger: Radomir Antic und der 2004 verstorbene ehemalige Atletico-Präsident Jesus Gil y Gil (r.).

Doublesieger: Radomir Antic und der 2004 verstorbene ehemalige Atletico-Präsident Jesus Gil y Gil (r.). imago images

Antic blieb der spanischen Liga aber erhalten und sorgte bei Real Oviedo für Aufsehen. 1995 schließlich zog es ihn wieder nach Madrid, diesmal zu Atletico - und dort ging es kometenhaft nach oben. In seiner ersten Saison gewann er mit den Colchoneros auf Anhieb das Double - erst 2014 gewannen die Madrider (unter Diego Simeone) wieder die nationale Meisterschaft, das Double war ihnen seit Antics Ära nicht mehr vergönnt. Doch auch damals war nicht alles rosig. Die Liebe zwischen Antic und Atletico war nämlich nicht immer von Dauer: Gleich zweimal wurde er entlassen - 1998 kam Arrigo Sacchi, 1999 Claudio Ranieri. Kurios: Beide Italiener konnten nicht überzeugen und wurden jeweils von Antic wieder abgelöst.

Antic schafft Historisches

Nach der Jahrtausendwende kehrte der Serbe nach Oviedo zurück, musste mit dem Klub dann aber absteigen - und war daraufhin lange Zeit ohne Job, auch weil er sein geliebtes Spanien nicht wirklich verlassen wollte. Im Januar 2003 bot sich dann die große Chance: Der FC Barcelona, damals Tabellenfünfter, rief - und Antic war zurück im Geschäft. Die Saison beendete er mit Barça auf Platz zwei, bleiben durfte er allerdings nicht. Die Katalanen zogen Frank Rijkaard vor. Und dennoch hatte er etwas Einzigartiges geschafft: Er war der erste Coach, der Real Madrid, Atletico Madrid und den FC Barcelona trainiert hat. 2004 folgte seine letzte Station in Spanien - und die war nicht von Erfolg gekrönt: Mit Celta Vigo stieg er ab.

Antic führt Serbien zurück auf die große Weltbühne

Vier Jahre lange zog sich der Familienmensch Antic ins Private zurück, ehe er nach vielen Bitten 2008 die Nationalmannschaft Serbiens übernahm. Die Serben waren in der Qualifikation zur EM 2008 kläglich gescheitert und verfügten zudem über eine überalterte Mannschaft. Antic schaffte das Unmögliche: Er verjüngte das Team und führte es zur WM 2010 nach Südafrika. Dort folgte zwar das Aus in der Vorrunde, allerdings gab es einen vielumjubelten 1:0-Erfolg gegen das klar favorisierte Deutschland. Trotz dieses Erfolgs überwog die Enttäuschung über die Niederlagen gegen Ghana (0:1) und Australien (1:2) - und letztlich erfolgte im September nach Querelen mit dem Verband die Trennung.

Kurzauftritte in China - Rückkehr nach Madrid

Wie so viele andere probierte er im Herbst seiner Karriere sein Glück in China (2012/13 bei Shandong Luneng Taishan und 2014/15 bei Hebei China Fortune), allerdings zog es ihn immer wieder zurück nach Spanien. Dort ist er nun im Alter von 71 Jahren nach schwerer Krankheit verstorben. "Die Familie Atletico trauert um einen unserer legendären Trainer: Radomir Antic. Er wird immer in unseren Herzen sein. Ruhe in Frieden", schrieb der Klub auf seiner Vereinswebsite. In Serbien heißt es: "Er war bekannt für seinen Sachverstand, sein Fußballwissen und seine Autorität, geliebt wird er aber wegen seiner Menschlichkeit."

Zu seiner genauen Todesursache wurden bislang keine Angaben gemacht. Antic hinterlässt eine Frau und zwei Kinder.

drm