2. Bundesliga

HSV-Trainer Daniel Thioune: Der ungeduldige In-den-Arm-Nehmer

"Ein Querpass kann Mittel zum Zweck sein"

HSV-Trainer Thioune erklärt sich: Der ungeduldige In-den-Arm-Nehmer

Verleiht er dem HSV ein neues Gesicht? Trainer-Neuzugang Daniel Thioune.

Verleiht er dem HSV ein neues Gesicht? Trainer-Neuzugang Daniel Thioune. Getty Images

Wenn der Hamburger SV zum Saisonende 2020/21 erneut den Aufstieg in die Bundesliga verpassen sollte, würde Trainer Thioune sich als erstes an die eigene Nase fassen: "Wir können von den Spielern nichts verlangen, was wir nicht vorher mit ihnen erarbeitet haben", sagt der Hecking-Nachfolger auf der Hamburger Vereinswebsite.

Studium statt Karriere

Mit dem Trainerjob hatte der ehrgeizige Thioune eigentlich schon abgeschlossen, als sich für ihn nach dem Berufsstart als Co-Trainer bei Rot Weiss Ahlen keine Tür öffnete. "Also habe ich ein Studium begonnen und mich auf das Leben nach dem Fuß­ball vorbereitet", so der einstige Mittelfeldspieler. "Doch dann fragte mich der VfL Osna­brück, ob ich mal kurz aushelfen könnte" - woraus bekanntlich mehr wurde.

Dennoch ist der 46-Jährige nach eigenem Empfinden "noch heute mehr Fußballer als Trainer. Und als Fußballer nimmst du deinen Mitspieler eher mal in den Arm, wenn etwas schiefgelaufen ist, als dass du ihn mit Fachkompetenz überfrachtest." Ganz allgemein bezeichnet sich Thioune als "Straßenfußballer" - und bemängelt: "Wir bilden in den Nachwuchsleistungszentren sehr stringent aus, ich vermisse im Fußball manchmal dieses Unbedarfte."

Trainerteam auf Augenhöhe, WhatsApp-Nachrichten um halb drei

Motto des Trainers Thioune: "Arbeit ist, worauf es ankommt." Dabei möchte er mit seinem Trainerteam, das er auch gerne so nennt und sich nicht als Cheftrainer oberhalb der Assistenztrainer sieht, "auf Augenhöhe agieren" - auch wenn er am Ende die absolute Verantwortung trägt und diese auch tragen möchte.

Seinen Co Merlin Pelzin, "der nie zufrieden ist und mir, manchmal nachts um halb drei eine WhatsApp bezüglich der taktischen Ausrichtung schreibt", mit dem Thioune seit 2014 zusammenarbeitet, bringt er aus Osnabrück nach Hamburg mit - wo er sich schon vor vielen Jahren hingezogen fühlte: "Mein erstes Trikot war ein HSV-Trikot."

Und was bietet Thioune Hamburg noch? "Mir ging es nie um Ruhm und Ehre, ich würde mich als Idealist und auch ein Stück weit als Fußballromantiker bezeichnen. Ich bin überzeugt von einer Idee, wie Fußball funktionieren kann", so der Coach, der ankündigte, dass es ein "Copy-Paste" seiner Osnabrücker Philosophie nicht geben werde.

Vorwärtsdrang aus Ungeduld

Seine taktische Grundausrichtung wird aufgrund seines Naturells aber wohl sehr ähnlich bleiben: "Ein Quer­pass kann auch mal Mittel zum Zweck sein, um beispiels­weise den Gegner bewusst auf eine Seite des Spiel­feldes zu ziehen. Aber ich lasse grund­sätzlich lieber vertikal als horizontal spielen. Ich bin ein ungeduldiger Mensch und möchte so schnell es geht zum gegnerischen Tor kommen."

Auf diesen geradlinigen Weg mitnehmen will Thioune "was von außen an einen selbst oder an die Mannschaft herangetragen wird. Das sollte man gerade beim HSV eher als Antrieb betrachten und für sich nutzen."

Das lukrative Risiko

Auf Unentschieden spielen will der risikofreudige Trainer dabei nicht: "Sicherlich kann ein Spielverlauf auch mal dazu führen, dass ich reagiere und sage: den Punkt nehmen wir jetzt mit. Lieber ist es mir allerdings, alles zu versuchen, um den Sieg doch noch zu erzwingen. Das geht vielleicht in zwei Fällen schief, zweimal klappt es aber auch. Und dann habe ich unter dem Strich deutlich mehr Punkte, als wenn ich mich jedes Mal für das Remis entschieden hätte."

Eine Marschroute, die den Hamburger Fans durchaus gefallen könnte. Für Thioune "gehört der Fußball den Fans - und sie brauchen ihn zurück". Außerdem gäbe es "nichts Besseres, als in der letzten Minute ein Tor vor der eigenen Fankurve zu feiern". Wenn nicht gerade der VAR den Treffer zurücknimmt, wozu Hamburgs neuer Mann an der Seitenlinie eine klare Meinung hat.

Man hält sich an ein Regelbuch, in dem es nur schwarz oder weiß gibt.

Thioune kritisiert den VAR

"Ich denke schon, dass der Fußball gerechter geworden ist, aber sich immer nur auf den Video-Assistenten zu verlassen, halte ich für schwierig. Im Kölner Keller hat man meiner Meinung nach wenig Spielraum, um Situationen auch mal mit ein bisschen Fingerspitzengefühl zu bewerten oder Entscheidungen zu treffen, bei denen man die Leitplanken für die Spieler auch mal etwas weiter steckt. Vielmehr hält man sich an ein Regelbuch, in dem es nur schwarz oder weiß gibt. Davon würde ich das Spiel gern wieder etwas lösen und mir deshalb weniger Eingriffe des Video-Assistenten wünschen."

Wirklich beeinflussen kann er aber nur das, was seine Mannschaft in den Spielen anbietet. Und das hat bei Thioune wie erwähnt "nichts mit Hokuspokus zu tun, sondern mit harter Arbeit. Die steckt dahinter, wenn sich auf dem Platz irgendwann auch der Zauber des Spiels entwickelt."

nba