100 Jahre kicker

Uwe Seeler - der Coverboy

Über 60-mal zierte Deutschlands Fußball-Idol die kicker-Titelseite

Uwe Seeler - der Coverboy

Uwe Seeler

Häufigster Coverboy des kicker: Hamburgs und Deutschlands Fußball-Idol Uwe Seeler. kicker

Die Terminabsprache ist so unkompliziert wie Uwe Seeler selbst. Das Treffen ist kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie vereinbart und findet in seinem Büro in Norderstedt vor den Toren Hamburgs statt - der Arbeitstitel "Mein Leben mit dem kicker" sagt dem Hamburger Fußball-Idol auf Anhieb zu.

Generationen von unseren Reportern haben ihn begleitet. Als HSV-Profi, Ehrenspielführer der Nationalmannschaft und Präsident seines Vereins. Entsprechend groß ist die Auswahl an Titelseiten. Dem 83-Jährigen reicht der erste Blick, um zu wissen, was gefragt ist. "Wenn die alle zu sehen sein sollen, müssen wir Platz schaffen ..."

Ich bereue nichts im Leben, aber ein-, zweimal hätte ich auf meine Frau hören sollen.

Uwe Seeler

Und er packt selbst an - so wie er es immer getan hat. Auf dem Platz, wo er sehr laut werden konnte, wenn die Mitspieler nicht so wollten wie er ("Die anderen wussten sofort, wenn ich sauer wurde, und sagten immer: Achtung, Uwe leuchtet!"), und auch daneben. Wie 1995, als er sich überreden ließ, HSV-Präsident zu werden, und später einmal über diese Entscheidung konstatierte: "Ich bereue nichts im Leben, aber ein-, zweimal hätte ich auf meine Frau hören sollen: Wir hätten tatsächlich kein Schwimmbad bei uns im Haus bauen müssen; und Ilka hat mir damals auch davon abgeraten, das Präsidentenamt anzunehmen."

Jetzt packt er auf seinem Schreibtisch an: Terminplaner, Kalender, das Telefon - alles muss weg, um all die Titelseiten auszubreiten. "Ich kann ja nichts dafür, dass ihr mich so oft da vorn draufgenommen habt." Dazu macht Seeler das, was ihn neben seinen herausragenden sportlichen Leistungen in der gesamten Republik so beliebt gemacht hat - er lacht. Entwaffnend und ansteckend.

2016 hat ihm der kicker sogar eine eigene Edition aus der Reihe "Legenden und Idole" gewidmet. 100 Seiten über und mit Seeler. Er ist dafür an Orte gefahren, mit denen er persönliche Erinnerungen verbindet; zur Bolzplatzwiese in den Stadtpark, zum Elternhaus in der Schnelsener Straße im Stadtteil Eppendorf - und er hat sich begleiten lassen während der 90 Minuten in seinem "Wohnzimmer", im Volkspark. "Der kicker", sagt er, "war meine ganze Karriere mein Begleiter." Und er ist es bis heute. Auch in Zeiten der Digitalisierung setzt er auf Tradition. "Ich habe mein Abo, und das wird auch nicht gekündigt. Jeden Montag und Donnerstag habe ich den kicker bei mir im Briefkasten."

Jetzt hat er den kicker vor sich auf dem Schreibtisch. Über 60 verschiedene Cover aus fünf Dekaden. Während der Zeitreise über die verschiedenen Titel wird er dann plötzlich ernst. Auf einer Seite ist er mit Jürgen Werner, seinem ehemaligen HSV-Kollegen, abgelichtet. "Ich sehe hier auf dem Tisch auch viele Gesichter von Weggefährten, die nicht mehr unter uns sind."

... und immer noch ein Stehaufmännchen

Seeler selbst hat auch schwere Zeiten hinter sich. 2010 wurde er bei einem unverschuldeten Autounfall im Elbtunnel verletzt, hat seitdem Rückenprobleme und ist auf dem rechten Ohr taub. Außerdem musste er sich einen Tumor in der Schulter entfernen lassen, bekam 2017 einen Herzschrittmacher. Wenige Wochen nach dem Termin mit dem kicker ist er in seinem Haus gestürzt und hat sich die Hüfte gebrochen.

Uwe Seeler auf dem kicker

Immer schön den Überblick behalten: Uwe Seeler und kicker-Reporter Sebastian Wolff beim Sortieren der kicker-Titel mit "Uns Uwe". kicker

Er ist aber immer ein Stehaufmännchen geblieben. So, wie er es auch in seiner Karriere war. 1965 ist Seeler sogar nach einem Achillessehnenriss zurückgekommen. Seinerzeit bedeuteten Verletzungen dieser Art das Karriereende, er aber kämpfte verbissen um das Comeback. Zu seinem heutigen Gesundheitszustand sagt der waschechte Hamburger: "Ich will mich nicht beschweren."

Kein Stolz, sondern Zufriedenheit

In einem seiner zahlreichen Interviews hat Seeler mal über seinen Vater Erwin gesprochen und Worte gewählt, die wie ein Leitsatz für sein Leben wirken: "Mein Vater ist im Hafen groß geworden, der konnte keine Weicheier ab." Jammern ist auch in seiner DNA nicht verankert. Was lösen die vielen Titelseiten noch aus? Vielleicht Stolz? Seeler zögert einen Moment. "Das ist der falsche Begriff. Ich denke, Stolz passt nicht so gut zu mir." Was passt besser? "Zufriedenheit. Ich bin glücklich und zufrieden damit, dass ich das Gefühl habe, fast überall willkommen zu sein, dass ich für eigentlich alle Leute auf der Straße Uwe bin." Warum das so ist? "Ich denke, es kommt einfach so zu einem zurück, wie man selbst unterwegs ist. Und ich bin immer offen auf alle Menschen zugegangen."

Stolz ist der falsche Begriff. Ich denke, Stolz passt nicht so gut zu mir.

Uwe Seeler

Probleme beim HSV? Da half ein Pils am Montagabend

Eines kommt ihm noch in den Sinn bei der Reise durch seine Karriere. "Die Seiten erinnern mich an eine Zeit, die mit keinem Geld der Welt bezahlbar ist. Wir hatten beim HSV eigentlich immer eine gute Gruppe. Und wenn etwas nicht funktioniert hat, sind wir am Montagabend ein Pils trinken gegangen und haben uns die Meinung gegeigt. Dann waren die Dinge ausgeräumt." Dass die Art der Problembewältigung heute komplizierter geworden ist, verhehlt Seeler nicht. "Wenn wir früher in Hamburg unterwegs waren, haben das ja auch Leute mitbekommen. Aber natürlich ist heute alles noch viel öffentlicher geworden." An Probleme mit den Medien kann er sich nicht erinnern. Im Gegenteil: "Nach meinem Achillessehnenriss fand ich, dass die Presse viel Geduld mit mir hatte." Und generell galt im Umgang mit der medialen Bewertung auch hier sein Grundsatz: "Ich war nicht besonders empfindlich. "

14-mal Weltklasse und nie schlechter als kicker-Note 4

Gratulation: Uwe Seeler wird 80!

Medial etwas auszustehen freilich hatte der Fußballprofi Seeler auch nicht wirklich. Zu seinem Leben mit dem kicker gehören auch Zahlen. Beeindruckende Zahlen. In der "Rangliste des deutschen Fußballs" wurde er 14-mal in die Rubrik Weltklasse eingestuft, er hat in seiner gesamten Karriere nie eine schlechtere kicker-Note als die 4 bekommen. "Ihr seid halt ein Fachmagazin", sagt er, lacht laut, um hinzuzufügen: "Sehr wahrscheinlich habe ich immer so gut gespielt." Und lacht immer noch. Gewusst, erklärt Seeler, habe er das nicht. Entscheidend waren für ihn ohnehin andere Parameter. "Zum einen mangelte es mir nie an einer gesunden Selbsteinschätzung, und die höchste Bedeutung hatte für mich immer, wie mich meine Trainer bewertet haben."

Verflucht hat er die Presse nur einmal. Da er bereits als Profi Angestellter bei Adidas und unter der Woche viel im Auto unterwegs war, hat sich Seeler mitunter Amateurvereine in der Nähe seines nächtlichen Quartiers ausgesucht, um dort mitzutrainieren. "In einem Ort in Hessen hat dann eine Lokalzeitung angekündigt, dass ich am Abend auf dem Sportplatz trainieren würde. Es kamen so viele Leute zum Training, dass ich danach im Vereinsheim bis nach Mitternacht Autogramme geschrieben und bis zum nächsten Arbeitstag kaum geschlafen habe ..."

Sebastian Wolff

Unsere Gratulanten